Osnabrück  Eine Institution auf dem Wochenmarkt: Imbiss Geist gibt auf – nach 77 Jahren in Osnabrück

Thomas Wübker
|
Von Thomas Wübker
| 12.12.2025 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nicht nur Kaffee und kleine Speisen gibt es in der Imbissbude von Claudia Geist auf den Osnabrücker Wochenmärkten. Die 55-Jährige hat für ihre Kunden auch immer ein freundliches Wort. Doch nun hört sie zum Jahresende auf. Foto: Thomas Wübker
Nicht nur Kaffee und kleine Speisen gibt es in der Imbissbude von Claudia Geist auf den Osnabrücker Wochenmärkten. Die 55-Jährige hat für ihre Kunden auch immer ein freundliches Wort. Doch nun hört sie zum Jahresende auf. Foto: Thomas Wübker
Artikel teilen:

Die Imbissbude Geist ist eine Institution auf den Osnabrücker Wochenmärkten. Gegründet haben die Großeltern von Claudia Geist das Unternehmen 1948, nun hört sie nach 26 Jahren auf. Das sind die Gründe.

Wochenmarkt auf dem Ledenhof im Herzen der Stadt. Vor der Imbissbude Geist stehen an diesem Donnerstagvormittag einige Menschen. Sie trinken Kaffee, essen etwas, schnacken. Inhaberin Claudia Geist reicht einem älteren Herrn ein dampfendes Heißgetränk über die Theke, fragt, ob es noch was sein darf. Der Mann verlangt nach einem Käsebrötchen. Das bekommt er mit einem Lächeln serviert – und der Frage nach dem Gesundheitszustand einer Angehörigen. „Ach, ihr geht’s gut.“

So läuft das am Imbiss Geist seit Jahrzehnten. Da werden nicht nur Kaffee oder belegte Brötchen über die Theke gereicht, sondern auch soziale Kontakte gepflegt. Aber nun hat Claudia Geist den Kaffee auf.

„Ich möchte nicht mehr selbstständig sein“, antwortet die 55-Jährige auf die Frage, warum sie das Geschäft aufgibt – nach 26 Jahren. Es würden ihr von den Behörden zu viele Steine in den Weg gelegt. „Man steht hier mit Kraft und Liebe ein und…“, beginnt sie einen Satz – und bremst sich dann. Mehr will sie dann doch nicht sagen. „Man trifft sich immer zwei Mal im Leben.“

Ihre Kunden trifft Claudia Geist wesentlich häufiger. Und bei ihnen hat es sich schon herumgesprochen, dass der 20. Dezember ihr letzter Tag auf dem Wochenmarkt sein wird. Und so kommen bereits an diesem Donnerstag immer wieder Leute an den Stand, um Claudia Geist alles Gute zu wünschen – und um ihr zu sagen, wie schade es sei, dass sie geht. Ein älterer Herr wischt sich sogar verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.

Ja, es ist schade, dass sie aufhört, sagt auch Claudia Geist selbst. „Hier zu stehen, ist das Schönste.“ Und auch wenn Bedauern über ihren Entschluss mitklingt, es sei die richtige Entscheidung. Ob es einen Nachfolger gibt, weiß sie nicht. Die Leute fragen, aber von der Stadt gibt es – noch – keine Auskunft dazu.

Neben Claudia Geist haben drei weitere Händler, die seit Jahren auf den Osnabrücker Wochenmärkten stehen, zum Jahresende bei der Stadt gekündigt. Auch die Bäckerei Volkmann, der Blumenhändler Jenz und der Gewürzstand Hatke verlassen die Wochenmärkte. Für alle gebe es entsprechende Nachfolger, heißt es aus dem Presseamt der Stadt.

Der Imbiss Geist ist ein Urgestein der Osnabrücker Wochenmärkte. Ihre Großeltern haben 1948 den Markt in der Hasestadt quasi gegründet, sagt Claudia Geist: Josefine und Heinrich Brinkmann besaßen ein Pferd und einen Wagen und konnten so die Marktstände, die damals noch Bretterbuden waren, auf den Neumarkt ziehen. Neben Handel haben auch schon die Großeltern eine Kaffeebude betrieben, erzählt die Enkelin.

Ihre Mutter Waltraud Heinze übernahm 1984 das Geschäft, seit 1999 hat Claudia Geist das Sagen – und die Arbeit: Die Vorbereitungen, allein als Frau bei Wind und Wetter, das sei nicht einfach, sagt die 55-Jährige. Was auch nicht (mehr) einfach ist: die Betrunkenen, die frühmorgens nach durchzechter Nacht ein Mettbrötchen bei ihr essen. „Früher waren die lustig“, sagt Claudia Geist. In jüngster Zeit aber musste sie einige Male die Polizei rufen.

Doch das waren zum Glück Ausnahmen. Der überwiegende Teil ihrer Kunden benimmt sich. Mehr noch: Es sind Freundschaften am Imbiss Geist entstanden. „Es ist schon verrückt, was einem die Leute anvertrauen“, sagt die Betreiberin. Sie erzählen von Todesfällen und der Trauer um geliebte Menschen. Aber auch persönliche Erfolge werden am Stand gefeiert, und Geburtstage. „Das ist hier eine Anlaufstelle, wo man lachen und erzählen kann“, sagt Geist.

Diese Anlaufstelle wird am 20. Dezember zum letzten Mal geöffnet sein, auf dem Samstagsmarkt am Dom. Sekt will Claudia Geist ihren treuen Kunden zum Abschied spendieren. Und dann? Will sie erst einmal zwei Monate Pause machen. Danach will sie etwas Neues suchen. Aber weniger arbeiten will sie und dafür mehr Zeit mit ihrem Mann verbringen.

Ähnliche Artikel