Osnabrück Niki de Saint Phalle und die Freiheit der Frau: Warum wir ihre Botschaft wieder hören sollten
Mit ihren Kunstaktionen und ihren kunterbunten „Nana“-Figuren kämpfte sie einst für die Freiheit der Frau – Niki de Saint Phalle. Ich erkläre, warum sie heute wieder alle Beachtung verdient.
Die junge Frau legt das Luftgewehr an. Man hört einen flachen Knall. Getroffen ist das Bild, das vor ihr an einer Wand aufgehängt ist. Aus dem Bild quillt Farbe, verläuft sich nach unten, wie ein Blutstrom. Die junge Frau legt wieder an, schießt weiter und weiter, verzerrt jedes Mal ein wenig das Gesicht, als würde auch sie sich über den Knall des Gewehrschusses erschrecken.
Es ist der 18. September 1961. Die Künstlerin ist 31 Jahre alt. Niki de Saint Phalle: Ihren Namen merkt man sich damals noch nicht. Ihre sogenannten „Schieß-Bilder“ werden erst später zur Legende. Aber da stehen ihre riesigen, knallbunten Plastiken, die „Nana“-Figuren schon auf vielen Plätzen Europas. Da ist der Name dieser Künstlerin in aller Munde – und die Botschaft ihrer Kunst in allen Köpfen.
Der Film, der Niki de Saint Phalle mit dem Gewehr in der Kunstgalerie zeigt, ist jetzt im Sprengel-Museum in Hannover wieder zu sehen. Die Aufnahmen in Schwarzweiß wirken wie eine Reminiszenz an ferne Zeiten, ebenso wie der Kommentar des Fernsehreporters, der der jungen, in einem Overall auftretenden Künstlerin bescheinigt, „gut gebaut“ zu sein. Ja, Niki de Saint Phalle ist unbedingt apart – aber eben auch wild entschlossen.
Lange Zeit dachte ist, dass jener Fortschritt in der Befreiung der Frau und damit aller Menschen, zu dem auch Niki de Saint Phalle wesentlich beigetragen hat, unumkehrbar sein würde. Mit ihren Schieß-Aktionen öffnete sie nicht nur der Kunst neue Räume, sondern auch dem Leben der Menschen. Sie zielte auf ein konservatives Verständnis von Kunst und zugleich auf alte Denkmuster. Mit jedem Schuss platzte auch etwas von ihren Verkrustungen ab.
Wie schön war dieses freie, wilde Leben der Kunst in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts! Wie voll von Ideen und Aktionen, die immer eines bewirkten – dass der Spielraum für das Leben der Menschen weiter, die Gesellschaft durchlüftet wurde. Ich sehe mit großer Freude auf diese Dokumentaraufnahmen und zugleich mit Wehmut, weil der Fortschritt eben doch keine Selbstverständlichkeit ist.
Die 2002 verstorbene Niki de Saint Phalle hätte die Frauen der Punkband Pussy Riot als ihre Schwestern im Geist und in der Tat betrachtet. Diese Künstlerinnen werden in Putins Russland verfolgt und gequält.
Zugleich propagieren Donald Trump und seine Helfer der MAGA-Bewegung ein konservatives Frauenbild, das schon zu de Saint Phalles frühen Zeiten als rückständig verachtet worden wäre. Zu allem schlechten Überfluss propagieren auch noch Tradewives auf Plattformen wie Instagram oder Tiktok das rosarote Bild der Nur-Hausfrau. Die neue Lust an der Unterwerfung?
Im Sprengel-Museum darf ich mich von all dieser reaktionären Angestrengtheit erholen. Der Blick fällt auf die „Nana“-Figuren, die Niki de Saint Phalle seit 1965 als Fanale einer großen Befreiung geschaffen hat, auf die frech-fröhlichen Manga-Mädchen von Takashi Murakami und vor allem auf die frei flottierenden Punktraster von Yayoi Kusama.
Ihre fließenden Raster überziehen jede Wand, jedes Objekt, sie entgrenzen die Kunst zu einem einzigen freien Lebensgefühl. Kusama hat zuletzt die Stores des französischen Taschen- und Kofferlabels Louis Vuitton mit ihren Punktwelten neugestaltet. Ein Triumph für Kusama, ein Fanal für eine Kunst, die so grenzenlos ist wie die Möglichkeiten des freien Lebens.
Von Niki de Saint Phalle führt eine Spur der Kunst zu Yayoi Kusama – und zu einer immer größeren Freiheit. Das Sprengel-Museum Hannover präsentiert beide Künstlerinnen gemeinsam mit Murakami in einer Trias, die so belebt wie die bunten Punkte Kusamas – oder jeder Gewehrschuss von de Saint Phalle.
Möge ihr Knall in das Heute herüberschallen, in eine Zeit, deren Klima sich gerade dreht in Richtung autoritärer Denkweisen. Die Freiheit ist in Gefahr. Das ist inzwischen mehr als nur ein Gefühl, leider. Umso wichtiger scheint mir die Erinnerung an Jene, die einst neue Freiheitsräume eroberten – und das Engagement heute dafür, dass diese Freiheiten nicht wieder verschüttet werden. Nur das freie Leben ist das schöne Leben, oder?