Osnabrück  Trump schmäht Europa als „schwach“? Drei Gründe, es sportlich zu nehmen

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 11.12.2025 07:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Steht in einer langen Tradition europäisch-amerikanischer Sticheleien: US-Präsident Donald Trump. Foto: ALEX WONG / GETTY IMAGES NORTH AMERICA / Getty Images / AFP
Steht in einer langen Tradition europäisch-amerikanischer Sticheleien: US-Präsident Donald Trump. Foto: ALEX WONG / GETTY IMAGES NORTH AMERICA / Getty Images / AFP
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In einem spektakulären Interview für die europäische Öffentlichkeit hat Donald Trump seine transatlantischen Partner als „Länder im Niedergang“ abgekanzelt. Der Ton ist schlimm genug. Sieht man aber davon ab, bleibt rein inhaltlich wenig übrig, was Europa kirre machen müsste.

Donald Trump hat also wieder Donald-Trump-Dinge gesagt, diesmal nicht nur über die Ukraine, sondern auch über die Europäer. „Ich glaube, sie sind schwach“, sagte er in einem für die hiesige Öffentlichkeit bestimmten „Politico“-Interview, und: „Die meisten europäischen Länder sind im Niedergang.“ Es ist, einmal mehr, ein Ton, der gemein klingt, ja geradezu feindselig, und entsprechend alarmiert klingen nun manche Reaktionen. Dabei haben die Europäer der Sache nach mehr als einen Grund, sich von solchen Auftritten nicht kirre machen zu lassen.

Erstens, weil Trump in diesem Interview einmal mehr mit vielen Aussagen schlicht Unrecht hat. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zum Beispiel benutzt den russischen Angriffskrieg auf sein Land eben nicht als Vorwand dafür, ewig im Amt bleiben zu können: Trumps entsprechende Andeutung ist eine geschmacklose Unterstellung, die Selenskyj mit seiner Bereitschaft zu außerplanmäßigen Neuwahlen zum Glück schnell und klug gekontert hat. 

Es stimmt auch nicht, dass Amerika keinerlei illegale Migration mehr erlebt („zero“) oder dass Deutschland vor der Regierungszeit Angela Merkels „kriminalitätsfrei“ war: Vieles davon ist offensichtlich einfach nur so dahingesagt. Diese Erkenntnis sollte helfen, zu einem angemessenen Umgang auch mit dem Interview als Ganzem zu finden: einem ohne Goldwaage. 

Zweitens hat Trump aber auch wieder mal mit vielem recht. Oder hat Europa etwa kein Problem mit der von ihm kritisierten illegalen Einwanderung? Selbstverständlich hat es das - die EU-Staaten streiten ja täglich über die Mittel, es in den Griff zu bekommen. Über Kritik aber, die berechtigt ist, kann man sich kaum aufregen. Oder man sollte es zumindest nicht. 

Und drittens: Vor lauter berechtigter Kritik an Trumps Umspringen mit seinen Verbündeten gerät schnell in Vergessenheit, dass die transatlantischen Beziehungen ja nie ganz frei waren von Misstönen und es auch gar nicht sein können. Man denke nur an den Henry Kissinger zugeschriebenen Spott über das unübersichtliche Europa, das „man nicht anrufen kann“, oder an Donald Rumsfelds berühmte Formel vom „alten Europa“.

Unter besten Freunden gibt es immer auch eine Form von Konkurrenz. Das gilt für Amerika und Europa ebenfalls, die in mehr politischen und wirtschaftlichen Bereichen auf Augenhöhe sind, als Trump den Anschein erweckt. Insofern sind Sticheleien nicht zwangsläufig ein Mangel an Respekt. Manchmal sind sie insgeheim sogar das Gegenteil. 

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