Nach BUND-Aktion  Leeraner Trinkwasser zu Unrecht in Verruf

Jonas Bothe
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Von Jonas Bothe
| 09.12.2025 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Anna Indorf, Fachbereichsleiterin Trinkwasserversorgung bei den Stadtwerken Leer, füllt im Wasserwerk ein Glas Wasser. Foto: Jonas Bothe
Anna Indorf, Fachbereichsleiterin Trinkwasserversorgung bei den Stadtwerken Leer, füllt im Wasserwerk ein Glas Wasser. Foto: Jonas Bothe
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Der BUND hatte mitgeteilt, dass im Leeraner Trinkwasser Ewigkeitschemikalien gefunden worden seien. Die Probenentnahme wirft Fragen auf und neue Untersuchungen widersprechen den Ergebnissen.

Leer - Trinkwasser aus der Stadt Leer ist beliebt. Doch Anfang November hatte eine Pressemitteilung des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in ihr Trinkwasser erschüttert. In Leer seien per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) gefunden worden. Die Stadtwerke wehren sich gegen die Ergebnisse – mit neuen Untersuchungen.

Was sind PFAS?

PFAS – sogenannte Ewigkeitschemikalien – stehen unter anderem im Verdacht, Organschäden, erhöhte Fehlgeburtenraten und Krebs verursachen zu können. PFAS sind wasser- und fettabweisend. Daher werden sie unter anderem in Jacken oder auch in Pfannenbeschichtungen verwendet. Auch in Kosmetikprodukten kommen die Chemikalien vor.

Was war passiert?

Von Juni bis Oktober 2025 hätten BUND-Aktive aus ganz Deutschland stichprobenartig 46 Trinkwasserproben entnommen, hieß es Anfang November in einer Mitteilung der Organisation. In Proben aus Goslar und Leer hätten die Werte über der tolerablen Wochendosis der ab Ende 2027 geltenden neuen Grenzwerte der Trinkwasserverordnung gelegen. Die zuständigen Stadtwerke Leer reagierten: „Diese Aussage ist für uns nicht nachvollziehbar. Unseres Erachtens gelten gemäß Trinkwasserverordnung ab 2028 andere Grenzwerte, die wir schon jetzt deutlich unterschreiten. Bedeutet: Unser Trinkwasser ist sicher.“

Der BUND hatte deutschlandweit Trinkwasserproben gesammelt. Foto: Patrick Pleul/dpa
Der BUND hatte deutschlandweit Trinkwasserproben gesammelt. Foto: Patrick Pleul/dpa

Wie wirkte sich die Veröffentlichung aus?

Doch die Aussagen des BUND waren in der Welt und sorgten für große Verunsicherung. So hätten sich im Nachgang besorgte Bürgerinnen und Bürger, aber auch Kitas bei den Stadtwerken gemeldet, sagt Vorstand Timo Kramer im Gespräch mit der Redaktion. „Wir wurden von Kindergärten gefragt, ob man den Kindern noch Trinkwasser geben könnte“, sagt er. Auch beim Gesundheitsamt des Landkreises Leer hätten sich Bürgerinnen und Bürger gemeldet, wie aus einer Pressemitteilung hervorgeht. „Wir bekommen dazu viele Anfragen, weil die Menschen in der Stadt verunsichert sind“, wird Heike de Vries, Leiterin des Gesundheitsamtes, zitiert. Die Behörde und die Stadtwerke stellen klar: „Es gibt keinen Anlass zur Sorge. Die Trinkwasserversorgung ist im gesamten Landkreis sicher und unbedenklich.“ Sie entspreche höchsten Sicherheitsstandards. „Die Wasserqualität wird regelmäßig und umfassend geprüft.“

Wie weisen die Stadtwerke die Qualität des Trinkwassers nach?

Dass das Trinkwasser sicher ist, machen die Stadtwerke an eigenen Untersuchungen fest, die sie bereits im Vorfeld, aber auch direkt nach der Veröffentlichung des BUND durchgeführt haben. „Bereits 2024 haben wir schon unser Rohwasser durch das akkreditierte Labor, das AWA-Institut, auf PFAS untersucht“, betont er. Die Stoffe seien nicht nachweisbar gewesen, sie seien unterhalb des messbaren Bereichs gewesen. „Wir konnten die Ergebnisse des BUND gar nicht glauben.“

Daher habe man am 5. November, einen Tag nach Veröffentlichung der Pressemitteilung, noch einmal das Reinwasser nach der Aufbereitung im Wasserwerk untersucht. „Es wurde eine Probe durch geschultes, unabhängiges Personal genommen und durch das AWA-Institut untersucht“, erklärt Anna Indorf, Fachbereichsleiterin Trinkwasserversorgung bei den Stadtwerken. Dasselbe habe man am Hydranten an der Friesenstraße 58 gemacht, da in dem Gebäude die BUND-Probe entnommen wurde. In beiden Fällen hätten alle 20 PFAS Parameter sowie die Trifluoressigsäure, die bei dem BUND-Ergebnis erhöht war, unterhalb der Bestimmungsgrenze gelegen. Diese Redaktion konnte die Auswertung des Instituts einsehen.

„Es gibt kein PFAS im Trinkwasser in Leer“, betont auch Indorf. Man könne aber nicht sagen, was im Haus zwischen Zähleruhr und Wasserhahn passiert. „Wir haben Einfluss auf das Wasser, das bei uns gefördert, aufbereitet und durch unsere Leitungen bis zu den Haushalten befördert wird.“ Nach Stadtwerke-Einschätzung ist die BUND-Studie weder repräsentativ noch aussagekräftig. Sie werfe vielmehr einige Fragen auf – speziell auch was die Probenentnahme betrifft.

Woher stammt die Leeraner Wasserprobe?

Genommen wurde die Probe im Wahlkreisbüro von Anja Troff-Schaffarzyk in der Friesenstraße in Leer. Die SPD-Bundestagsabgeordnete hatte Anfang Oktober Besuch von Susanne Gerstner, Vorsitzende des BUND Niedersachsen, sowie Vertretern des BUND Ostfriesland. Dies ist auf der Facebook-Seite der Sozialdemokratin nachzulesen. Man habe über die Risiken von PFAS gesprochen „und eine Wasserprobe entnommen, die nun im Labor untersucht wird“.

Wie wurden laut BUND die Proben genommen?

Die Pressesprecherin des BUND Niedersachsen, Lara-Marie Krauße, verweist darauf, dass die Proben standartisiert, nach einem festen Ablaufschema entnommen worden seien. Folgende Schritte gab es:

  • Schritt 1: etwa drei bis fünf Minuten lang kaltes Wasser laufen lassen
  • Schritt 2: Probenflasche dreimal befüllen und ausspülen
  • Schritt 3: Probenflasche final befüllen, den Drehverschluss gut verschließen
  • Schritt 4: Rückmeldebogen ausfüllen
  • Schritt 5: Foto der Aktion machen
  • Schritt 6: Flasche in Zip-Beutel verstauen
  • Schritt 7: Probe gut verpackt mit dem Zettel „Test Request“ ans Labor schicken
  • Schritt 8: Rückmeldebogen per Post an die Bundesgeschäftsstelle schicken.

Könnten die Chemikalien aus dem Hausnetz stammen?

Vor der Probennahme in Leer sei drei bis fünf Minuten das Wasser abgelassen worden, um eine Belastung aus den hauseigenen Rohren zu minimieren, so Krauße. „Natürlich können wir trotzdem Verunreinigungen aus den Rohren nicht vollständig ausschließen“, erklärt sie. Janna Kuhlmann, zuständige Mitarbeiterin des BUND Deutschland, teilt mit: „Tatsächlich können PFAS im Wasser-Hausnetz verwendet werden. Wie uns nach der Veröffentlichung mitgeteilt wurde, können diese in Dichtungen bei Wasserleitungen und auch Dichtungs-Sprays eingesetzt werden.“ Wie groß eine Verunreinigung hierdurch sein könne und ob dies hier der Fall sei, könne man nicht beurteilen.

Wie reagiert Anja Troff-Schaffarzyk?

Die SPD-Bundestagsabgeordnete kritisiert das Vorgehen des BUND deutlich. Die Wasserproben seien im Anschluss an das Gespräch „weder fachgerecht noch repräsentativ entnommen“ worden. „Mir wurde die Flasche in die Hand gedrückt, um sie zu befüllen“, sagt sie im Gespräch. Es könne durchaus sein, dass sie sich vorher die Hände eingecremt habe. In Kosmetikprodukten könnten sich PFAS befinden. „Ich habe auch keine Ahnung, wer die Flasche oben am Verschluss schon angefasst hat“, betont sie.

Das Wasser sollte vor der Probenentnahme für den BUND eine Zeit lang laufen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Das Wasser sollte vor der Probenentnahme für den BUND eine Zeit lang laufen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Man habe das Wasser zwar eine Weile laufen lassen, aber der beschriebene zweite Schritt habe nie stattgefunden. Auch einen Rückmeldebogen habe sie nicht ausgefüllt. Die Vertreter des BUND hätten die Flasche in einen Beutel gepackt und mitgenommen. „Für mich hatte die Entnahme nur einen symbolischen Charakter, um auf das wichtige Thema PFAS aufmerksam zu machen“, betont die Bundestagsabgeordnete. „Wenn ich gewusst hätte, was daraus entsteht, hätte ich die Stadtwerke im Vorfeld informiert.“ Troff-Schaffarzyk zeigt sich verärgert: „Ich bin enttäuscht, dass diese nicht wissenschaftlich belastbaren Ergebnisse seitens des BUND ohne Einordnung veröffentlicht wurden.“

Welcher Wert wurde überschritten?

Fragen wirft zudem der vom BUND angemerkte überschrittene Grenzwert auf. In der Pressemitteilung heißt es, dass die Proben die Umweltqualitätsnorm für Grundwasser von 4,4 ng/L übersteigen. Laut den Stadtwerken fehlt aber der Kontext. „Dieser Wert entspricht nicht dem Grenzwert für PFAS-4 für Trinkwasser aus der geltenden Trinkwasserverordnung“, betonen die Verantwortlichen. Der BUND hingegen ziehe zum einen einen Schwellenwert der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) von 2020 heran, der eine zulässige wöchentliche Aufnahmemenge von PFAS-4 in Lebensmitteln pro Kilogramm Körpergewicht pro Woche angibt. Das Gewicht wird vom BUND allerdings nicht erwähnt. Und zum anderen beziehe sich der BUND auf einen Grenzwert für PFAS-4 für Grundwasser im Rahmen einer noch nicht geltenden Novellierung einer EU-Richtlinie.

„Unsere Formulierung hier war insofern unscharf formuliert, als zukünftige Trinkwassergrenzwerte noch nicht beschlossen sind“, teilt BUND-Sprecherin Lara-Marie Krauße mit. „Wie die EU-Kommission in ihrer Überarbeitung der Wasserrahmenrichtlinie ankündigt, ist es aber sehr wahrscheinlich, dass dieser Wert auch bald in die Trinkwasserverordnung übernommen wird.“

Wie stehen die Stadtwerke zur allgemeinen PFAS-Problematik?

Trotz der großen Verunsicherung betont Stadtwerke-Vorstand Timo Kramer, dass man die grundlegende Intention des BUND, einen Ausstieg aus der Produktion und Verwendung von Schadstoffen wie PFAS zu fordern – beziehungsweise die Verursacher in die Verantwortung zu nehmen, wenn es um das technisch aufwendige Aufbereiten des Wassers geht – unterstütze.

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