Osnabrück Osnabrücker Ratsgymnasium bietet Klasse nur für Kinder ohne Handy
Eine fünfte Klasse voller Schulkinder, die allesamt kein eigenes Smartphone besitzen? Das wird ab dem kommenden Schuljahr im Osnabrücker Ratsgymnasium angeboten. Wir haben mit der Schulleitung darüber gesprochen.
Das Telefon steht aktuell kaum still im Sekretariat des Ratsgymnasiums. In der Medienlandschaft hat es sich offenbar schnell herumgesprochen, dass hier ab dem kommenden Schuljahr die erste sogenannte smartphonefreie fünfte Klasse in Osnabrück angeboten werden soll. „Mit einer so großen Resonanz haben wir nicht gerechnet“, sagt Schulleiter Sebastian Bröcker leicht irritiert angesichts auch überregionaler Anfragen von Rundfunk- und Fernsehanstalten.
Denn eigentlich handelt es sich nur um eine zusätzliche Option, die Eltern, die ihre Kinder im April zur weiterführenden Schule anmelden wollen, ankreuzen können. Der Wunsch nach einer fünften Klasse mit Schülern, die allesamt kein eigenes Smartphone besitzen, scheint aber weiter verbreitet zu sein als zunächst gedacht. „Wir haben mit dem Angebot wohl einen Nerv getroffen“, erklärt sich Bröcker die bislang durchweg positiven Rückmeldungen.
Als eine Vertreterin der entsprechenden Osnabrücker Elterninitiative das Konzept vor Ort vorgestellt hat, rannte sie im Grunde offene Türen ein. Denn die Überlegung habe es schon lange vorher gegeben, erzählt Robert Stutzenstein, der am Ratsgymnasium die ersten drei Jahrgänge betreut: Auf diversen Fortbildungen habe man von anderen Schulleitungen davon gehört. Insofern habe das von der Elterninitiative vorgetragene Konzept lediglich den letzten, aber entscheidenden Anstoß gegeben.
Wie in vielen anderen Schulen auch, herrscht im Ratsgymnasium die Regel, dass Smartphones zwar mitgenommen werden dürfen, aber während der Schulzeit ausgeschaltet in der Tasche bleiben müssen. Wer erwischt wird, muss es abgeben. Bei Wiederholungstätern werden die Eltern informiert und die Schüler dürfen das Gerät nicht selbst wieder abholen. Das sei aber so gut wie noch nie vorgekommen, berichtet Bröcker.
Das neue Angebot richtet sich aber an Eltern, die ihren Kindern generell im Alter um die zehn Jahre noch kein eigenes Smartphone anvertrauen wollen. Wenn es eine ganze Klasse mit „Gleichgesinnten“ gibt, entfällt der entsprechende Gruppendruck. Die Freiwilligkeit schließt natürlich die Kinder mit ein, weshalb die Schulleitung die Anmeldungsgespräche für umso wichtiger hält: Hier könne man einschätzen, ob alle Beteiligten es auch wirklich wollen, betont Stuckenberg.
Schwierig würde es, wenn den angehenden Gymnasiasten bereits ein Smartphone versprochen worden ist, gibt Bröcker zu bedenken, der selbst Vater dreier Kinder ist. Angesprochen seien deshalb eher diejenigen, die noch gar keins haben wollen, aber bislang nicht den Mut gefunden hätten, dies auch zu sagen. Ihnen und ihren Eltern würde der Anpassungsdruck genommen.
Dass es sich um eine Erleichterung handelt, auf die viele Eltern wohl nur gewartet haben, zeigt die hohe Anzahl an Rückmeldungen, die in Aussicht stellen, das Angebot dankbar annehmen zu wollen. Es soll erst einmal nur für die fünfte Klasse gelten, wenn es dann aber freiwillig auf die sechste verlängert werden soll, wäre das „in unserem Sinne“, betont Bröcker.
Gleichzeitig stellt der Schulleiter klar, dass sich das Angebot nicht gegen Technologie oder Digitalisierung richtet, sondern als „pädagogische Dienstleistung für Eltern“ versteht – nicht zuletzt angesichts der Arbeit mit Tablets ab der siebten Klasse und vielen vorherigen Lernangeboten zur auch ohne Smartphone „smarten“ Heranführung an digitale Medien.
Geplant ist erstmal nur eine smartphonefreie fünfte Klasse. Ist die Nachfrage höher, könnte man sich aber auch eine zweite vorstellen. Auch andere Osnabrücker Schulen seien bereits auf das Ratsgymnasium zugekommen, um sich über das Konzept zu informieren. Es scheint, als habe das „Rats“ Pionierarbeit geleistet.