Osnabrück Für Stopp am Neumarkt: Grüne Altvordere richten offenen Brief an Grünen-Fraktion
Die Zukunft des Neumarktes und des Busnetzes in Osnabrück entzweit die Grünen. Sechs Grüne der ersten Generation fordern die Fraktion auf, im Rat gegen die Planungen zu stimmen. Die Kritiker stehen nicht allein.
Es ist ein Aufstand der Altvorderen: Sechs Urgesteine der grünen Bewegung in Osnabrück haben in einem offenen Brief die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen aufgefordert, in der kommenden Ratssitzung den geplanten Umbau des Neumarktes zu stoppen und nach einer besseren Lösung für den Busverkehr zu suchen.
Der Brief, der am Donnerstag der Fraktion zugestellt wurde, ist von Ruth Hammerbacher, Johannes Bartelt, Gerhard Kooiker, Martin Läer, Thomas Polewsky und Werner Sievers unterschrieben. Sie gehören zur Gründergeneration der Grünen und haben sich zum Teil über viele Jahre für die Umweltpartei engagiert. Nun gehen sie auf Distanz zur eigenen Fraktion, weil sie mit dem Neumarkt-Kurs der Grünen nicht einverstanden sind.
Die Kritik entzündet sich an der Idee, einen Teil des Nahverkehrs künftig durch die Johannisfreiheit zu leiten. Sie stehen mit dieser Kritik nicht allein. Mehrere Osnabrücker Initiativen, darunter der ADFC, Pro Stadtbus, der Verein „zuFuß“, Historiker und Anrainer der Johannisfreiheit, äußerten bereits ihre Skepsis an den Plänen.
Auch CDU-Ratsherr Fritz Brickwedde schert bei diesem Thema aus seiner Fraktion aus. In der jüngsten Sitzung des Finanzausschusses kündigte er an, dass er einer Bustrasse durch die Johannisfreiheit nicht zustimmen könne.
Die Umleitung durch das verkehrsberuhigte und stadthistorisch bedeutsame Quartier ist der Preis, den die Mehrheit im Rat zugunsten eines fast verkehrsfreien Neumarktes zu zahlen bereit ist. 1700 Busse passieren heute täglich den Neumarkt. 800 davon sollen künftig einen anderen Weg nehmen, nämlich vom Hauptbahnhof durch die Johannisfreiheit und Johannisstraße zum Neumarkt (Grüner Brink)*. Auf diesen Kompromiss hatte sich eine große Mehrheit im Oktober 2024 verständigt.
Die Grünen-Altrebellen halten diese Entscheidung für falsch. Sie rufen die Grünen-Fraktion dazu auf, in der Ratssitzung am Dienstag, 9. Dezember 2025, dem Beginn der Bauarbeiten nicht zuzustimmen, „die Diskussion wieder zu öffnen und auf eine bessere Lösung hinzuarbeiten“.
Der Rat entscheidet am Dienstag noch nicht über das Buskonzept. Auf der Tagesordnung steht die Freigabe der städtischen Mittel für den Umbau des Neumarktes. In diesem Kontext hat die Verwaltung auch den Zeitplan vorgelegt. Im März 2026 beginnen die Vorbereitungen, die Hauptarbeiten werden dem Plan zufolge im November 2026 starten. 27 Millionen Euro soll die Umgestaltung des Platzes kosten.
Die Autoren des offenen Briefes sind der Überzeugung, dass der „bescheidene Mehrwert“ für den Neumarkt „in keiner Weise“ die damit einhergehenden Belastungen im Bereich Johannisfreiheit rechtfertige. Die Führung von mehreren Hundert Bussen durch die Johannisfreiheit würde zur Entwertung eines „zentralen öffentlichen Ortes“ und zu einer Belastung für Patienten und Mitarbeiter des Marienhospitals und der Kinderklinik führen.
In der Johannisstraße, in der sich die Geschäftswelt wieder positiv zu entwickeln beginne, werde sich die zusätzliche Busfrequenz „qualitätssenkend“ auswirken. Die Straße werde „eher einem Busbahnhof gleichen“, warnen die Absender des offenen Briefes.
Einen Alternativvorschlag haben die Autoren nicht. „Es kann nicht Aufgabe unserer kleinen Gruppe sein, fertige Konzepte oder eine Lösung präsentieren“, sagte Ruth Hammerbacher auf Nachfrage. Sie erwarte, dass die Experten weiter nach einer besseren Variante suchen.
Grünen-Fraktionschef Jens Meier hat den Brief am Donnerstag zunächst nur „oberflächlich“ zur Kenntnis nehmen können. Die Kritik sei bekannt und in Teilen nicht von der Hand zu weisen. Doch hier handele es sich um einen „klassischen Kompromiss“, um den Fachleute und Politik intensiv gerungen hätten. Ziel sei es, ein viel größeres Problem zu lösen – nämlich den Niedergang des Neumarktes.
Meier machte den Briefschreibern keine Hoffnung, dass die Fraktion am Dienstag gegen die Vorlage stimmen wird. Die Argumente seien ausgetauscht und abgewogen. Einen erneuten Aufschub des Neumarkt-Umbaus lehnt Meier ab. Das werde er den Briefschreibern in seiner Antwort ausführlich erläutern.
Der Neumarkt soll bis Ende 2029 fertig sein. Auch die Johannisfreiheit muss bustauglich umgebaut werden. Dazu will die Stadt im kommenden Jahr einen freiraum- und verkehrsplanerischen Wettbewerb ausloben. Realistischer Baubeginn: nicht vor 2028.
*In einer ersten Fassung hatten wir die Fahrrichtung der Busse umgekehrt angegeben. Das ist falsch. Wir haben die Stelle korrigiert.