Osnabrück  Tafel-Chef: Trotz Rekord bei freiwilligen Helfern bleibt die Lage angespannt

Thomas Ludwig
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Von Thomas Ludwig
| 05.12.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Rund 77.000 ehrenamtliche Helfer engagieren sich bei einer der 975 Lebensmitteltafeln in Deutschland. Foto: IMAGO/Vladimir Wegener
Rund 77.000 ehrenamtliche Helfer engagieren sich bei einer der 975 Lebensmitteltafeln in Deutschland. Foto: IMAGO/Vladimir Wegener
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Tafel-Chef Andreas Steppuhn fordert von der Bundesregierung mehr Engagement im Kampf gegen Armut. Politik dürfe die Lebensmitteltafeln nicht als Ersatz für Sozialsysteme missbrauchen, sagt er im Interview – und hat auch eine gute Nachricht.

Seit 2021 sind die Lebensmittelpreise um rund ein Drittel gestiegen. Einkommen, Renten und Sozialleistungen haben bei dieser Entwicklung nicht mithalten können. Und so gehört der Besuch einer der 975 Lebensmitteltafeln in Deutschland für rund 1,5 Millionen Menschen mit schmalem Geldbeutel zum Alltag. Entspannung ist nicht in Sicht. Was das bedeutet und welche Herausforderungen damit verbunden sind? Andreas Steppuhn, Vorsitzender der „Tafel Deutschland“, gibt anlässlich des Tages des Ehrenamtes Antworten.

Frage: Herr Steppuhn, bei welcher politischen Entscheidung der Bundesregierung mussten Sie als Vorsitzender der Tafel Deutschland in diesem Jahr besonders zusammenzucken?

Antwort: Da ist in erster Linie die politische Debatte um das Bürgergeld. Ich fand diese Debatte ziemlich tendenziös. Mehr als 800.000 Menschen im Bürgergeld sind sogenannte Aufstocker, das heißt, sie arbeiten, verdienen aber so wenig, dass sie zusätzlich auf Sozialleistungen angewiesen sind. Missbrauch und Totalverweigerung kommen tatsächlich nur bei wenigen vor. Rund 40 Prozent derjenigen, die zur Tafel kommen, beziehen Bürgergeld. Tatsächlich sind die Regelsätze schon jetzt viel zu niedrig. Die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen Jahren durchschnittlich über 30 Prozent gestiegen, dazu teure Mieten, Preissteigerungen bei Dienstleistungen – da kommen sie schnell an einen Punkt, an dem das Geld nicht mehr reicht. Wenn Regelsätze nur alle paar Jahre angepasst werden, während der Alltag immer teurer wird, werden arme Menschen noch ärmer.

Frage: Die sozialpolitische Performance von Schwarz-Rot genügt Ihnen also nicht?

Antwort: Nein, die sozialpolitische Performance der Koalition ist noch ausbaufähig. Wir stellen fest, dass Armut in Deutschland zunimmt und die Schere zwischen Arm und Reich größer wird. Die Einkommenssituation, von Löhnen bis zur Rente, passt nicht mehr zur realen Kostensituation. Das spüren die Menschen. Willy Brandt hat einmal gesagt, Politik sei dazu da, das Leben der Menschen besser zu machen – das findet heutzutage gefühlt nicht mehr statt. Bei den Tafeln sehen wir die Auswirkungen.

Frage: Wie würden Sie die aktuelle Lage bei den Tafeln beschreiben, machen sich zum Beispiel rückläufige Asylbewerberzahlen bemerkbar?

Antwort: Nein, das kann man nicht sagen. Insgesamt ist die Lage nach wie vor angespannt. Wir haben rund 1,5 Millionen Menschen, die regelmäßig kommen. Es ist aber regional sehr unterschiedlich. Etwa 25 Prozent der Tafeln haben Wartelisten oder temporären Aufnahmestopp. Das ist zwar eine leichte Entspannung gegenüber letztem Jahr, als sogar ein Drittel der Tafeln keine neuen Kundinnen und Kunden aufnehmen konnten. Aber wir haben eine natürliche Grenze erreicht – viel mehr als heute ist bei den Tafeln nicht möglich. Gründe dafür sind fehlende Ehrenamtliche und zu wenig Lebensmittel.

Frage: Das müssen Sie bitte erläutern.

Antwort: Wir spüren, dass die Lebensmittel, die wir in Supermärkten und Discountern retten können, tendenziell weniger werden. Das liegt an der Digitalisierung und nachhaltigerem Wirtschaften: Warenwirtschaftssysteme bestellen heute präziser nach, was fehlt. Es bleibt weniger liegen. Das kritisieren wir nicht, das ist nachhaltig und gut. Um diese Entwicklung auszugleichen, haben wir eine „Allianz für Lebensmittelrettung“ gegründet und retten nun zunehmend Überschüsse direkt bei den Herstellern. Da geht es oft um große Mengen, etwa bei bereits verpackten Waren mit nahendem Mindesthaltbarkeitsdatum oder falschen Etiketten. Deshalb haben wir Logistiklager auf Landesebene eingerichtet, um die geretteten Lebensmittel deutschlandweit an die Tafeln zu verteilen.

Frage: Das klingt nach einer logistischen Herausforderung…

Antwort: Ist es auch. Wir erhalten dafür aus dem Landwirtschaftsministerium finanzielle Unterstützung. 2026 sind dafür zwei Millionen Euro vorgesehen. Das ist richtig, denn Lebensmittelverschwendung zu reduzieren ist eine Herausforderung für uns als ganze Gesellschaft. Aber ich sage sehr deutlich: Das Geld nehmen wir nur, um die Logistik zu verbessern und mehr Lebensmittel zu retten. Dieses Geld bekämpft keine Armut!

Frage: Sie haben auch das Ehrenamt erwähnt. Ohne das Engagement vieler Bürger wären die Tafeln nicht die verlässliche Institution, die sie sind. Wie ist da die Situation?

Antwort: Die Zahl der Engagierten ist in diesem Jahr erfreulicherweise um etwa 2000 auf rund 77.000 gestiegen. Trotzdem fehlen einem Drittel der Tafeln dringend Helferinnen und Helfer. Die Aufgaben haben zugenommen. Über die Logistik habe ich gerade gesprochen. Einige Tafeln haben ihre Öffnungszeiten verlängert, um Aufnahmestopps wieder aufzuheben. Aber das ist nicht überall möglich. Eine Herausforderung ist außerdem das Alter: 70 Prozent unserer Ehrenamtlichen sind über 63 Jahre alt, dabei ist die Arbeit durchaus körperlich anstrengend. Es ist aber schwierig, jüngere Menschen als Helfer gewinnen, da ein Ehrenamt zeitintensiv sein kann. Hier werden Tafeln zukünftig gefragt sein, flexiblere Angebote zu schaffen. Und wir brauchen Menschen, die auch bereit sind, Leitungsfunktionen zu übernehmen.

Antwort: Könnte der Gesetzgeber helfen?

Antwort: Ich finde, dass wir ein „Recht auf Ehrenamt“ brauchen, das es allen ermöglicht, sich auch im Arbeitsleben und in jeder Lebensphase zu engagieren. Dafür sollte der Gesetzgeber den Rahmen schaffen. Auch konkrete Erleichterungen wären wichtig: Ehrenamtliche müssen oft noch Geld aufbringen für ihre Tätigkeit, etwa für Fahrtkosten. Kostenfreie Nutzung des ÖPNV oder eine bundesweit flächendeckende Ehrenamtskarte für Vergünstigungen im Alltag, beispielsweise für den Besuch von Museen, wären hilfreiche Maßnahmen. Es wird viel geredet, und Politiker besuchen Tafeln gern öffentlichkeitswirksam und binden sich eine Schürze um. Aber wir brauchen konkrete Anreize und das Ermöglichen eines Ehrenamtes.

Frage: Verlässt sich die Politik zu sehr auf die Tafeln als eine Art sozialer Auffangstation?

Antwort: Mitunter ist das so, und das kritisieren wir. Wir retten Lebensmittel, aber wir bekämpfen nicht die Wurzeln der Armut. Dafür sind Staat, Politik und die Sozialsysteme zuständig. Wir sagen deshalb auch klar: Wir lassen uns von der Politik nicht zur Bekämpfung von Armut bezahlen. Wir erwarten eine vernünftige Sozialpolitik, die für gute Renten, Einkommen und eine ausreichende Grundsicherung sorgt.

Frage: Haben Sie den Eindruck, Deutschland hat sich mit dem Thema Armut arrangiert hat?

Antwort: Diesen Eindruck kann man haben. Die Debatten kranken oft daran, dass Politikerinnen und Politiker über Dinge reden, die sie selbst nie aus nächster Nähe erfahren haben. Beim Thema Rente ist das aktuell doch auch so. Selbst, wenn wir deren Höhe auf heutigem Niveau festschreiben, ist doch klar, dass das für viele Rentner in Zukunft nicht zum Leben reichen wird. Eine breit geführte politische und gesellschaftliche Debatte über Armut mit echten Veränderungen aber bleibt aus. Dabei wächst das Armutsrisiko stetig. Dafür sind die Tafeln ein Seismograf.

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