Magdeburg Der „Posterboy“ der AfD: Ulrich Siegmund und sein Traum von der Alleinregierung
2026 wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Ulrich Siegmund will dann der erste blaue Ministerpräsident werden. In den Umfragen liegt seine Partei bei 40 Prozent. Was hat er vor?
In Ulrich Siegmunds Büro hängt Bismarck an der Wand. Der erste Reichskanzler, die Augen ein wenig amtsmüde, sitzt an einem dunklen, massiven Schreibtisch, den Oberkörper über ein Dokument gebeugt. Darunter prangt in geschwungener Schrift ein Zitat: „Ein Gedanke, der richtig ist, kann auf die Dauer nicht niedergelogen werden.“ Es stammt von Bismarck.
Siegmund schließt die Tür hinter sich und sagt, er kenne keinen Spruch, der ihn stärker geprägt habe. Vom Schreibtisch aus fällt sein Blick auf das eingerahmte schwarz-weiße Poster.
Vor wenigen Tagen hat Siegmund den Satz selbst verwendet. In einem seiner Kurzvideos, die er betriebsam auf TikTok hochlädt, wo ihm eine halbe Million Menschen folgen. Er saß auf einer Bank am Waldrand und redete von Fake News, von einer Desinformationskampagne der Medien. Gegen ihn, gegen seine Partei, die AfD.
Eine solche Kampagne, findet Siegmund, sei losgebrochen, als jenes Treffen enthüllt wurde, bei dem Rechtsextremisten, Identitäre und AfD-Leute im November 2023 zusammenkamen und das später als „Potsdamer Geheimtreffen“ Schlagzeilen machte. Siegmund war dabei. „Potsdamer Kaffeerunde“ nennt er es, als habe es sich um einen zwanglosen Plausch mit den Großeltern am Sonntagnachmittag gehandelt.
Um Remigration ging es in Potsdam, die massenhafte Abschiebung von Ausländern aus Deutschland. Siegmund distanzierte sich nicht davon, er sprach von einem „Gebot der Stunde“. Für ihn ging es in Potsdam aber noch um etwas anderes: Kontakte knüpfen, Spenden eintreiben. Ein Treffen als Bestandteil eines größeren persönlichen Plans. Und dieser Plan soll ihn in die Staatskanzlei von Sachsen-Anhalt führen.
Ulrich Siegmund, 34, will der erste blaue Ministerpräsident der Republik werden. Er setzt nicht nur darauf, dass die AfD bei der Wahl im September 2026 stärkste Kraft wird, nein, Siegmund will die Alleinregierung. „Unser Ziel sind 45 Prozent plus X“, sagt er. Was vor einiger Zeit noch als undenkbar galt, ist plötzlich im Bereich des Möglichen. In den Umfragen liegt die AfD bei knapp 40 Prozent – weit vor der CDU, die ist auf 27 Prozent abgesackt. Ja, nur eine Momentaufnahme. Aber die AfD und Siegmund, so scheint es, haben das Momentum auf ihrer Seite. Wer also ist dieser Mann? Was hat er vor?
Bestens gelaunt empfängt er im Magdeburger Landtag, wo er seit 2016 als Abgeordneter sitzt und einer von zwei Fraktionsvorsitzenden ist. Eigentlich hat er immer gute Laune, sein Strahlen ist sein Markenzeichen. In seiner Partei gehört Siegmund zu den wenigen Charismatikern. Im Gespräch tritt er nahbar auf, nicht so blasiert wie Maximilian Krah, der andere Posterboy der AfD. Siegmund gibt sich eher als „Schwiegermutterliebling“: freundlich, zugewandt, humorvoll. Im Gegensatz zu dem sonst oft kühlen Umgang von AfD-Politikern mit Journalisten fällt das auf. Er passt perfekt zu einer Partei, die sich als ganz normale Kraft von nebenan inszenieren möchte.
Siegmund wurde 1990 in Tangermünde geboren, 10.000 Einwohner, eine knappe Autostunde von Magdeburg entfernt. Er lebt heute noch dort, ist Vater einer Tochter. Er war mal in der CDU, aber weil er mit den Milliarden für den EU-Rettungsschirm unzufrieden war, trat er wieder aus und ging zur AfD. 2014 war das. Im selben Jahr gründete der gelernte Handelskaufmann eine Firma für Raumdüfte. Vor langer Zeit sagte er in einem Interview: „Ich liebe es, zu verkaufen.“
Sein Auftreten hat immer noch etwas Verkäuferhaftes, auch hier, im zweiten Stock des Landtags. Der Undercut sitzt, der Fünftagebart ist akkurat getrimmt und der blau-melierte Anzug für einen Politiker ungewöhnlich eng. Er sagt Dinge, die wunderbar klingen, aber auch alles und nichts bedeuten können. „Ich fordere eine Politik des gesunden Menschenverstandes“, ist so ein Satz.
Siegmund lehnt sich in seinem Stuhl zurück, schlägt die Beine übereinander. Man spürt sein Selbstbewusstsein. Immer wieder gibt er sich wie jemand, der bereits mehr ist als nur ein Landtagsabgeordneter. Er sagt: „Wir werden das Regierungshandeln der letzten Jahrzehnte detailliert hinterfragen und aufarbeiten.“ Ob das jetzt gut ist oder schlecht, das hängt vom Standpunkt ab.
Siegmund promotet eine „Vision 2026“. Nicht nur wegen des Namens erinnert sie an das „Project 2025“, das Drehbuch für Donald Trumps zweite Amtszeit. Siegmund will aus dem „Rundfunk-Staatsvertrag“ aussteigen. Den Öffentlich-Rechtlichen hält er für ideologisch. In seiner Welt wird der MDR auch in Zukunft aus Sachsen-Anhalt senden, aber mit einem stark beschränkten Programm. Regionale Kulturbeiträge seien okay, unkritisches Zeug. „Niemand soll darauf verzichten, dass mal ein Beitrag über eine schöne Dorfkirche gemacht wird.“
Es soll eine Abschiebeoffensive geben. Siegmund spricht von 8.000 ausreisepflichtigen Ausländern in Sachsen-Anhalt. So viele? Er greift zum Handy, tippt in die Google-Suchmaske. Grob verschätzt, es sind viel weniger. Die Landesbehörden zählten Ende August fast 4.800 ausreisepflichtige Personen. Siegmund weiß, dass Abschiebungen ein zäher Prozess sind, nicht selten auch scheitern. Aber wer sich in Deutschland nicht mehr aufhalten dürfe, solle auch nicht frei herumlaufen. Sein Plan: die Landesaufnahmeeinrichtung in Stendal zu einem großen Abschiebegefängnis umzufunktionieren.
Und auch sonst will er Geflüchtete spüren lassen, dass der Wind unter einer AfD-Regierung rauer wird. Eine flächendeckende Arbeitspflicht für Asylbewerber? Darüber entscheiden die Kommunen, vielleicht sei da rechtlich etwas möglich, sodass die Kompetenz künftig bei der Landesregierung liegt. Staatliche Angebote wie Integrationslotsen, die mit den Neuankömmlingen zum Arzt gehen oder beim Supermarkteinkauf unterstützen? Hält er für Quatsch. Wer nach Deutschland komme, müsse zusehen, dass er sich selbst integriert, sagt Siegmund. Er sieht das als „Bringschuld“.
Daneben setzt er auf Kulturkampf. Bereits jetzt fordert die AfD-Fraktion, den Landes-Slogan #moderndenken durch den Titel #deutschdenken zu ersetzen. Schulfahrten zu KZ-Gedenkstätten sollen gestrichen werden, ebenso Fördermittel für Demokratie-Programme und Anti-Rassismus-Initiativen.
Wie sich das auf die Lebensbedingungen der Menschen auswirken wird, bleibt abzuwarten. Es gibt eine Menge zu tun. In Sachsen-Anhalt schrumpft die Wirtschaft, die Einwohnerzahl tut es auch. Aber vielleicht ist das auch egal, weil Siegmund das ausspricht, was viele hier hören wollen. Weil er eben auch sagt, dass er schnelles WLAN und weniger Berichtspflichten für die Unternehmen will. Gleichzeitig punktet er bei den Wählern mit sozialen Versprechen – kostenlose Plätze und Mahlzeiten in Kitas.
An anderer Stelle ergänzt er seine Pläne mit einer libertären Agenda. Er sagt: „Die Freiheit aller wird eingeschränkt, weil zu viele, die leisten könnten, dazu verführt werden, nichts zu tun.“ Ein Ministerium will er einstampfen, auf jeden Fall. Was nach einem Bürokratie-Abbau mit der Kettensäge klingt, lächelt er als „kaufmännische Gewissheit“ weg.
Er lächelt auch darüber hinweg, dass sein Landesverband einer der radikalsten in der AfD ist. Seit 2023 stuft der Verfassungsschutz die AfD in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem ein. Landesvize Hans-Thomas Tillschneider, der auch das Wahlprogramm verantwortet, wird vom Inlandsgeheimdienst gesondert beobachtet. Der Fraktionsmitarbeiter Patrick Harr hat eine Vergangenheit in dem verbotenen Verein „Heimattreue Deutsche Jugend“. Siegmund hat damit offenbar kein Problem, Harr ist heute sein Pressesprecher.
Die CDU hat bislang kein Rezept gegen ihn, und sie kann nicht auf den Haseloff-Effekt hoffen. Der amtierende Ministerpräsident Reiner Haseloff konnte die AfD bei der letzten Wahl deutlich schlagen. Er ist inzwischen 71 und wird nicht erneut kandidieren. Sein Erbe soll Wirtschaftsminister Sven Schulze antreten. Der ist zwar erst 46, aber gilt als blass und zu unbekannt. Die Christdemokraten haben den Wahlkampf noch nicht begonnen, aber es fehlt aktuell die Fantasie, wie sie die AfD wieder einholen wollen. Die Zeit rennt, es sind nur noch zehn Monate bis zur Wahl.
Eine letzte Frage an Ulrich Siegmund: Was, wenn es doch nicht für die absolute Mehrheit reicht? „Wir reichen jedem die Hand, der es, wie wir, gut mit unserem Land und seinen Bürgern meint.“ Für ihn steht fest: Bei der Migration, der inneren Sicherheit, werden er und seine Partei keine Kompromisse machen. Siegmund lächelt. „Unsere Kernthemen sind unantastbar.“
Für manche Menschen mag das wie eine Verheißung klingen. Für andere wie eine Drohung.