Neues Grippe-Virus Wie gefährlich ist der neue Grippetyp?
Die Zahl der Atemwegserkrankungen ist in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Experten warnen vor einer Grippesaison, in der die Impfstoffe nur eingeschränkt wirken könnten.
Leer - Die Zahl der Atemwegserkrankungen hat in den vergangenen Monaten stark zugenommen. Die deshalb ausgestellten Krankschreibungen haben sich laut der Barmer-Krankenkasse in Niedersachsen seit Ende August mehr als verdoppelt. „Die richtige Influenza spielt aktuell aber noch eine eher untergeordnete Rolle“, erklärt die Heseler Hausärztin Mareike Grebe, die auch Vorsitzende im Bezirk Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) ist. Doch Europa droht eine heftige Grippesaison mit einem Influenza-Virus, zu dem die aktuellen Impfstoffe nicht gut passen, berichtet unter anderen das Deutsche Ärzteblatt. Aus der Risikobewertung der EU-Gesundheitsbehörde geht hervor, dass eine neu aufgetauchte Influenza-Variante, A(H3N2) der Subklade K, die derzeitige Virusverbreitung vorantreibt.
Neuer Grippe-Subtyp ist ansteckender
Erste Studien zum Infektionsgeschehen zeigen, dass der neue Subtyp ansteckender ist als andere Influenza-Virusstämme. Forscher rechnen daher mit einer um rund 20 Prozent erhöhten Fallzahl gegenüber einer durchschnittlichen Grippewelle. „Selbst wenn der neue Virustyp vorherrschend sein sollte, wird es aber nicht der einzige sein, der in einer Grippewelle kursiert“, erklärt Grebe. Bislang gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Subklade K gefährlicher ist als andere Grippe-Virenstämme. Dennoch kann es, wie bei allen echten Grippeinfektionen, auch zu schweren Verläufen kommen. Die Symptome der neuen Variante gleichen jenen der bisherigen Grippe: hohes Fieber, starker Husten und Muskelschmerzen.
Das Problem: Die neue Grippe-Variante weicht etwas stärker von den in der letzten Saison zirkulierenden Influenzaviren ab. Zudem war Subklade K von Influenza A(H3N2) bei der Zusammensetzung der Influenzaimpfstoffe noch nicht absehbar. „Deshalb ist sich die Ständige Impfkommission (Stiko) als deutsches oberstes ,Impforgan‘ noch nicht sicher, wie gut die Impfung in diesem Jahr passt“, erklärt Grebe. Da diese Variante genetisch stärker von den Viren der letzten Saison abweicht, bestehe noch Unsicherheit über die Schutzwirkung der aktuellen Grippeimpfung, heißt es.
Impfung ist aber „kein Totalausfall“
Aber auch wenn die aktuellen Grippe-Impfstoffe nicht perfekt zu den neuen Viren passen, bieten sie laut dem Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesinstitut für Impfstoffe, weiterhin einen gewissen Schutz. Durch die Impfung entstehen demnach nämlich Antikörper, die die Viren wegen des sogenannten immunologischen Erinnerungseffekts zumindest teilweise erkennen. Die Pharmazeutische Zeitung schreibt, dass die Impfung in diesem Jahr „deutlich“ nicht passt, aber kein Totalausfall sei. „Somit gilt weiterhin der Aufruf zur Grippeimpfung“, betont auch Mareike Grebe. Wer sich noch impfen lassen will, sollte das jetzt aber schnell tun. Denn nach der Impfung dauert es noch rund zehn bis 14 Tage, bis sich der Impfschutz vollständig aufgebaut hat. Grippewellen erreichen ihren Höhepunkt aber meist erst im Januar und Februar.
Verhaltensregeln für die Grippewelle
„Sollte es zu einer Grippewelle kommen, gelten weiterhin die üblichen Verhaltensregeln: häufiges Händewaschen, Abstand halten, große Menschenmengen in engen Räumen meiden und eventuell auch einen Mund-Nasenschutz tragen, um sich und andere zu schützen“, erklärt die Hausärztin.
Die Grippewelle, die jetzt auf Deutschland zurollt, hat sich bereits im vergangenen Sommer angekündigt: Mit über 400.000 laborbestätigten Fällen gab es in Australien einen neuen Grippe-Allzeitrekord. Grund dafür war Subklade K. Das Virus hat in Australien besonders Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren betroffen. Jede dritte bestätigte Infektion gab es dort in dieser Altersgruppe. In Deutschland gibt es aber keine Stiko-Empfehlung für alle Kinder zur Grippeimpfung.
Impfempfehlung der Stiko
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Influenza-Impfung für alle Personen ab 60 Jahre, für Schwangere und für Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens (wie etwa chronische Krankheiten der Atmungsorgane, Herz- oder Kreislaufkrankheiten, Leber- oder Nierenkrankheiten, Diabetes oder andere Stoffwechselkrankheiten). Auch Bewohner von Alters- oder Pflegeheimen sollten sich impfen lassen, ebenso Menschen, die im privaten Umfeld häufigen und direkten Kontakt zu Schweinen, Geflügel sowie Wildvögeln und Robben haben. Geimpft werden sollte außerdem auch das medizinische Personal und Mitarbeiter in Alten- und Pflegeheimen.
Was Eltern in der Hausapotheke haben sollten
Apotheker raten Eltern auch deshalb bereits jetzt, sich mit Medikamenten für die Kinder zu bevorraten. Mit Blick auf den Winter und die damit einhergehenden Erkältungskrankheiten „kann man mit drei Sachen schon viel erreichen: Nasenspray, Fieber- und Hustensaft“, sagt Berend Groeneveld, Vorstandsvorsitzender des Landesapothekerverbands (LAV) Niedersachsen und Inhaber der Rats-Apotheke in Norden. „Wenn man das für die Kinder parat hat, kann man schon einiges an Notfällen abdecken.“ Es kündige sich derzeit zwar kein Lieferengpass bei diesen Medikamenten an, „aber das kann sich auch ganz schnell wieder ändern“, weiß Groeneveld aus Erfahrung. Lieferengpässe bei Medikamenten sind seit einiger Zeit in Deutschland ein Dauerbrennerthema. „Sicherheitshalber gehören in die Hausapotheke auch Medikamente gegen Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen“, rät er.
550 Lieferengpässe bei Arzneimitteln – Impfstoffe aber vorhanden
Derzeit bestehen nach Informationen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bei Humanarzneimitteln mehr als 550 Lieferengpässe, ausgenommen sind Impfstoffe. Diese Engpässe können von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten variieren. Einige dieser Engpässe dauern den Herstellern zufolge bis ins erste oder zweite Quartal, in einigen Fällen sogar bis Ende 2026.
Laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) wurden im Jahr 2024 insgesamt 892 verschiedene rezeptpflichtige Arzneimittel gemeldet. Seit 2022 habe das Bundesgesundheitsministerium insgesamt sieben Versorgungsmängel erklärt, die bis 2025 andauerten. Darunter war beispielsweise auch Folinsäure, ein Mittel, das bei der Chemotherapie zur Behandlung bestimmter Tumore benötigt wird. Auch bei Salbutamol, einem Medikament gegen Atemwegserkrankungen, gab es Engpässe, und selbst Kochsalzlösung war eine zeitlang schwer zu beschaffen.