Hamburg Die eigene Mutter erstochen: Was bringt Kinder dazu, ihre Eltern zu töten?
In Hamburg gab es in jüngerer Zeit drei schockierende Fälle, bei denen Kinder ihre Eltern getötet haben. Was treibt Kinder dazu? Lassen sich derartige Tendenzen erkennen? Welche Rolle spielen psychische Krankheiten? Ein Experte gibt Antworten.
Das Hamburger Landgericht hat den Maßregelvollzug für einen 23-Jährigen angeordnet, der im April seine Mutter auf ihrem Hausboot erschlug. Heißt: Er kommt in eine forensische Psychiatrie. Bereits im September wurde die Unterbringung eines 25-Jährigen beschlossen, der erst seine Mutter erstach und dann seine Stiefmutter angriff. Im Juni wurde ein 20-Jähriger zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er seinen Vater mit einem Hammer tötete.
Drei grausame Fälle, jeweils Kinder, die ihre Eltern töteten. Prof. Dr. Stefan Orlob, forensischer Psychiater und Experte für sogenannte „Parrizide“, erklärt im Interview, wie es überhaupt so weit kommen kann.
Frage: Herr Orlob, ein 23-Jähriger erschlug im April seine schlafende Mutter, eine Bestsellerautorin, auf ihrem Hausboot. Die Tötung der eigenen Eltern geht doch gegen jeglichen Grundinstinkt des Menschen. Warum tut jemand so etwas?
Antwort: Der Mensch hat eine extreme Hemmung gegen die Tötung der eigenen Art, wenn er gesund ist und eine gute Persönlichkeitsstruktur hat. Diese Hemmung ist bei sozial nahen Personen wie den Eltern noch einmal viel größer. Die Überwindung dieser Hemmung hängt bei Tätern häufig mit einer eigenen Traumatisierung zusammen, also Gewalt oder Misshandlung durch die Eltern. Oder sie ist die Folge einer psychischen Erkrankung, bei der sich Wahn oder Psychose auf die Eltern richtet.
Frage: Kann man die Gefahr, die von diesen Menschen ausgeht, im Vorhinein irgendwie erkennen?
Antwort: Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren, die sich bei Tätern häufen: Es sind häufiger Männer. Sie kommen oft aus einer ungünstigen sozialen Situation. Sie weisen eigene Gewalterfahrung auf, oder es gab Gewalttätigkeit in der Beziehung zu den Eltern, dazu gehört auch emotionale Gewalt. Es gab häufiger stationäre Aufnahmen und dort auch aggressive Zwischenfälle. Faktoren sind auch Feindseligkeit, Impulsivität, verminderte Krankheitseinsicht und mangelnde Behandlungstreue.
Frage: Wenn es so klare Anzeichen gibt, warum werden sie dann so oft übersehen?
Antwort: Es fehlen die personellen und fachlichen Ressourcen. Die genannten Elemente sollen bei psychiatrischer beziehungsweise psychotherapeutischer Behandlung in Risikochecklisten zusammengeführt werden, um zu einer Vorhersage zu gelangen. Aber dafür braucht es geschulte Profis, und die fehlen uns in der Allgemeinpsychiatrie.
Frage: Aber den Angehörigen müsste doch etwas auffallen?
Antwort: Das Tragische ist, dass sich diese Personen aus dem nahen Umfeld sicher fühlen, weil es außerhalb ihrer Vorstellung liegt, dass das kranke Kind oder der Patient so etwas tun könnte. Dies führt zu einer Verzerrung der Wahrnehmung und zu blinden Flecken bei der Einschätzung der Gefährlichkeit. Spätere Opfer gehen davon aus, dass sie Einfluss nehmen können, was in der finalen Situation aber nicht mehr gelingt.
Frage: In Hamburg stand bis Ende September auch ein 25-Jähriger vor Gericht, weil er seine Mutter erstach und danach versuchte, auch seine Stiefmutter zu erstechen. Er litt unter paranoider Schizophrenie, wurde nie behandelt und rutschte dann in eine Drogenabhängigkeit ab. Der Sohn der Autorin hat eine ganz ähnliche Krankheitsgeschichte. Sind das typische Fälle?
Antwort: Basierend auf einer eigenen Untersuchung mit der Rechtsmedizin der Universität Greifswald und internationalen Studien können zwei große Tätergruppen unterschieden werden: Jugendliche beziehungsweise Heranwachsende und erwachsene Täter.
Antwort: Bei jungen Tätern spielen oft Beziehungsaspekte eine Rolle, wie die eigene Traumatisierung durch einen Elternteil, etwa sexueller Missbrauch. Die Tat kann als Versuch gesehen werden, sich von dem Menschen zu befreien, der einem selbst Leid zugefügt hat. Bei den erwachsenen Tätern spielen häufiger psychische Krankheiten im engeren Sinne eine Rolle, wie Schizophrenie, wahnhafte Störungen oder Psychosen, die durch Drogen herbeigeführt werden. Oft liegt auch eine Kombination aus einer psychotischen Erkrankung und Drogenkonsum vor. Ein Phänomen ist, dass erwachsene Täter aufgrund ihrer Erkrankung sozial entgleisen, obdachlos werden und zur Hilfe in das Haus ihrer Eltern zurückkehren müssen. Das ist häufig der Ausgangspunkt für die später begangene Tat. Darüber hinaus gibt es natürlich auch rein kriminelle Motive wie das Erlangen des Erbes.