Belm Radtour entlang der geplanten A33-Nord in Wallenhorst – schützt Europa dieses Gebiet?
Zwei Kilometer im FFH-Gebiet Wiehengebirge könnten die Entscheidung über die A33-Nord beeinflussen. Eine Radtour entlang der Trasse in Wallenhorst zeigt, was Europa schützen will – und was dem Verkehr geopfert werden soll.
Strahlender Sonnenschein, klirrende Kälte – und ein Himmel, der so weit ist, dass man den Horizont suchen muss. Cord-Michael Thamm steht an der Kreuzung von Lechtinger Straße (L109) zur Ruller Flut. Wo aktuell noch ein Feldweg ist, soll nach den A33-Nord-Plänen die neue Autobahn-Anschlussstelle Belm-Icker entstehen.
Ringsum liegt Ackerland, lange Linien ziehen sich über die Erde, als wären sie mit einem Lineal gezogen worden. Die Böden sind hart gefroren, die Luft klar. Die Motorengeräusche der L109 ziehen – besonders im Feierabendverkehr wie an diesem Freitagnachmittag – über die Weite: Lastwagen, Autos, Lieferwagen. Ein Ort, der nicht danach aussieht, bald Teil einer Autobahnzufahrt zu werden.
Thamm stützt eine laminierte Karte auf den Lenker seines Fahrrads. Darauf ist die geplante Trasse als dunkler Strich eingezeichnet – mitten durch die Flächen, auf denen jetzt noch Wintersonne auf die Erde fällt. Die Autobahnauffahrt Belm-Icker „wird ein mächtiges Bauwerk sein, das einen hohen Flächenverbrauch mit sich zieht und die Landschaft in diesem Tal zerschneidet“, wie der Co-Sprecher des Bündnisses „Exit A33-Nord“ erläutert. Die Berechnungen des emeritierten Osnabrücker Professors Jürgen Deiters würden nahelegen, dass es entlang der L109 nicht zu weniger, sondern zu mehr Verkehr kommen würde.
Der Pastor der evangelischen Thomasgemeinde in Osnabrück-Dodesheide wirkt in diesem Moment nicht wie jemand, der nur gegen etwas argumentiert. Eher wie jemand, der sich fragt, was eine Landschaft heute noch wert ist. Sein privates Engagement für das Bündnis gegen den neun Kilometer langen Autobahnabschnitt zwischen Belm und Wallenhorst erklärt er mit den Folgen für die Natur: „Hier wäre nichts wie vorher. Wir sprechen von einem ziemlichen Einschnitt – deutlich gravierender als beim Bau einer neuen Bundesstraße.“
Die Route führt weiter Richtung Westen: vorbei an Höfen und Ackerstreifen, entlang von Böhmers Wiese. Dort stehen noch Sonnenblumen: vertrocknet, aber im Licht der tief stehenden Sonne noch sichtbar.
Von hier aus sind es knapp zwei Kilometer bis zum Waldsaum. Die Fläche verliert ihre Klarheit, das Gelände beginnt sich zu verändern. Ein Straßenschild vor dem Waldrand trägt nur drei Worte: Vor dem Bruche. Einen Steinwurf dahinter beginnt jener Abschnitt, über den womöglich bald in Brüssel entschieden wird.
Kurz vor dem Eintritt ins Schutzgebiet stößt Susanne Leminsky, erste Sprecherin von Exit A33 Nord, zur Tour hinzu. Sie kennt die Route von Autobahn-Protestfahrten wie der „Osnabrücker Landpartie“.
Erst vor Ort, sagt sie, werde vielen bewusst, wie nah die Trasse an Osnabrück heranrücken würde – an der Strecke selbst entstehe oft erst jener „Aha-Effekt“, bei dem man erkenne, „wo die Trasse wirklich langgehen soll“. Ihr Engagement verstehe sie nicht als Blockade, sondern als Einladung: „Wir wollen mit Aktionen nicht gegen etwas, sondern für etwas sein – für den Erhalt der Natur.“ Leminsky befürchtet, dass zusätzlicher Verkehr auch Folgen für das Klima in der Stadt haben würde. Die Luftzirkulation werde hier durch Ackerflächen und Übergänge zum Wald begünstigt – eine natürliche Belüftung, die durch den Klimawandel wichtiger denn je sei. Durch die A33-Nord drohe diese Belüftung weitgehend zu entfallen. In Osnabrück, das nun einmal in einer Senke liege, stehe die Luft ohnehin oft.
Dann senkt sich der Weg, wird matschig – und führt hinein in den Wald, wo nachts die Bechsteinfledermaus und das Große Mausohr jagen. Zwei Kilometer, die über die A33-Nord entscheiden könnten. Durch das europäische Schutzgebiet „Fledermauslebensraum Wiehengebirge“ soll die Autobahn – nach jetzigem Planungsstand – rund zwei Kilometer entlang des Hangwaldes geführt werden. Ein kurzer Abschnitt, doch juristisch könnte er durchaus entscheidend sein.
Um die Trasse zu bauen, müsste eine mehr als zwei Kilometer lange und rund 32 Meter breite Schneise durch das Fledermaus-Schutzgebiet geschlagen werden. „Auch die geplanten Grünbrücken können diese Zerschneidung nicht auffangen“, ist Thamm überzeugt. Und sagt dann diesen Satz, den er so oder ähnlich auf dieser Radtour noch mehrfach wiederholen wird: „Es müsste ein wahnsinniger Mehrwert für Natur, Bevölkerung und Gesundheit vorliegen, um so einen Eingriff zu rechtfertigen. Aber welche Gründe bleiben, wenn das Positive fürs Allgemeinwohl wegfällt?“
Die Befürworter verweisen auf mehr Verkehrssicherheit in Osnabrück, die Entlastung der B68 und einen geschlossenen Autobahnring. Die Stadt Osnabrück und die Industrie- und Handelskammer halten die Trasse für unverzichtbar.
Die Autobahn GmbH nennt konkrete Zahlen: Geplant sind ein Autobahndreieck an der A1 bei Wallenhorst (A1/A33), sowie neben der Anschlussstelle in Icker (A33/L 109) auch noch eine weitere in Belm (A33/B51n) und insgesamt 28 Brücken, davon sechs im Schutzgebiet mit naturschutzfachlicher Funktion – etwa als Überflughilfe für Fledermäuse. Die Trasse würde rund 46 Höhenmeter überwinden, teils auf einem Damm. Der Regelquerschnitt – Fahrbahnen, Bankett, Entwässerung – nimmt etwa 32 Meter Fläche ein. Böschungen und Unterhaltungswege kämen noch hinzu. Doch hier draußen, wo der Wind durch die Buchen zieht und das Rauschen der A1 schon heute bis in den Hang dringt, wirkt all das fern.
Kurz bevor der Weg in den Wald führt, stoßen Thamm und Leminsky auf Lisa Frohberg und ihre Tochter, die auf zwei Islandpferden reiten. Frohberg lebt seit elf Jahren hier – „direkt hinter den Bäumen“, wie sie sagt. Die geplante Trasse würde in Sichtweite ihres Hauses verlaufen. Die Bäume könnten den Blick vielleicht verdecken, meint sie – aber nicht den Geräuschpegel. Sie habe Ähnliches in Münster erlebt, erzählt sie. Dort sei eine Trasse für eine Umgehungsstraße trotz jahrelangen Widerstands am Ende doch gebaut worden. Wer das einmal erlebt habe, verliere zwar einen Teil seines Glaubens an Einfluss – aber nicht den Grund dafür. Jetzt hofft sie auf Brüssel. Und darauf, dass Erfahrung auch Schutz sein kann.
Im Wald kommt den Autobahngegnern ein Spaziergänger entgegen. Von Thamm auf die A33-Nord angesprochen, sagt er, er habe sich einige der rund 700 Einwendungen im Planfeststellungsverfahren durchgelesen. Diese Vielzahl von Stellungnahmen gegen einen nur neun Kilometer langen Autobahnabschnitt seien schon enorm – aber irgendwo müsse man in Deutschland ja noch bauen können. Und wer von Norden nach Süden wolle, dem könne diese Autobahn schon helfen, sagt er. Thamm versucht zu entgegnen: Man komme heute schon problemlos mit dem Auto von Norden nach Süden – und die Zeitersparnis betrage auf der geplanten neuen Strecke nur wenige Minuten. Der Spaziergänger bleibt unentschieden und möchte hier nicht namentlich erwähnt werden. Thamm gibt ihm einen Flyer des Bündnisses in die Hand. Er hofft, dass die vier Seiten zum „Exit A33 Nord“ letztlich auch ihn überzeugen.
Auf den gut neun Kilometer langen Radweg aus dem Wallenhorster Schutzgebiet zurück nach Osnabrück-Dodesheide erzählt Thamm, wie sein eigenes bürgerschaftliches Engagement begann. Seine Eltern waren in den 70er-Jahren in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv, er selbst fuhr als Jugendlicher in den 90ern nach Dannenberg und Gorleben. Die Erfahrung, dass Protest demokratisch wirken kann und der Atomausstieg 2011 schließlich auch politisch beschlossen wurde, habe ihn geprägt.
„Wenn meine Kinder heute fragen: ,Papa, warum machst du das?‘, dann möchte ich zumindest sagen können, dass ich einen kleinen Beitrag geleistet habe“, sagt der Autobahngegner. Am Ende der Tour in Dodesheide resümiert der überzeugte Radfahrer: „Wir brauchen neue Verkehrsmodelle. Nicht die Ideen aus den 60er- und 70er-Jahren.“
Ob über die A33-Nord nun in einigen Monaten in Brüssel entschieden wird oder in einigen Jahren vor Gericht – die Konfliktlinie verläuft längst nicht mehr nur auf Karten. Die Gegner bereiten eine Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht vor. Und hier draußen, wo die geplante Trasse nur ein Strich auf Papier ist, glauben sie noch, dass Landschaft ein politisches Argument sein kann.