Hamburg Zu alt: Kann die Bundeswehr auf diese Männer aus Niedersachsen verzichten?
Deutschland soll kriegstüchtig und wehrhaft werden, doch Millionen Reservisten dürfen nicht helfen. Sie gelten als zu alt. Drei Veteranen sagen, wieso ihnen das gegen den Strich geht.
Die Bundeswehr plant, ihre Reserve in den kommenden Jahren massiv aufzustocken, um die aktive Truppe zu entlasten und kritische Infrastruktur zu schützen. Hierfür sollen künftig 200.000 Reservisten zur Verfügung stehen. Es sind diejenigen, die bereits bei der Bundeswehr waren und ins zivile Leben zurückkehrten, der Bundeswehr aber verbunden bleiben. Schon jetzt besetzen sie Tausende Dienstposten, weil zu wenig Berufssoldaten zur Verfügung stehen. Im Spannungsfall oder bei Katastrophen ist die Reserve unverzichtbar, um die Bundeswehrstruktur aufrechtzuerhalten, sie ist gewissermaßen die Ersatzmannschaft der Truppe.
Der neue freiwillige Wehrdienst soll dafür sorgen, dass diese Mannschaft durch neuen Nachwuchs größer wird. Anderswo ist das Potenzial verbaut: Nur Personen unter 65 Jahren gelten offiziell als „wehrrechtlich verfügbar“. Laut Schätzungen gibt es in Deutschland jedoch theoretisch Millionen Reservisten, die diese Altersgrenze überschritten haben und damit außen vor sind.
Weder als Ausbilder noch im Innendienst oder im Sanitätsdienst dürfen sie helfen, selbst wenn sie es wollen. Der Reservistenverband kritisiert diese pauschale Regelung seit Langem. Hier schildern drei Männer aus Niedersachsen, warum für den Einsatz von Reservisten nicht das Lebensalter entscheidend sein sollte.
Ralf-Gunnar Ludwig, 66: „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“ – das war für den heute 66 Jahre alten Ralf Ludwig schon in der Jugend ein schlüssiges Leitbild. Direkt nach der Realschule, mit 17 Jahren, verpflichtete er sich für vier Jahre bei der Marine. Sein Ziel: Taucher zu werden. Über die Bundeswehr gab es eine solche Möglichkeit. Ludwig absolvierte auf Borkum seine Grundausbildung für den seemännischen Dienst, hoffte auf eine Ausbildung als Marinetaucher. Vergeblich. „Getaucht bin ich dann zwar, aber gleich mit dem ganzen Boot“, sagt der heutige Obermaat der Reserve.
Ende der 70er-Jahre absolvierte der Niedersachse in Schleswig-Holstein die Unteroffiziersausbildung und ließ sich zum Navigator ausbilden, war bei U-Boot-Geschwadern in Eckernförde und Kiel. Er dachte sogar darüber nach, noch länger bei der Bundeswehr zu bleiben. In jungen Jahren entschied er sich dagegen. „Nicht nur aus privaten Gründen wollte ich zurück ins zivile Leben“, erinnert er sich.
41 Jahre hörte Ludwig anschließend nichts von der Bundeswehr. Er wurde nicht auf einen Posten beordert, erhielt nach eigener Aussage auch keine Einladung zu Reserveübungen. „Von der Möglichkeit, selbst als Reservist tätig zu werden, wusste ich nichts“, räumt er ein.
2021 war dann jedoch besonders viel Engagement gefordert. Die Bundeswehr suchte über die Kampagne „Dein Jahr für Deutschland“ nach Freiwilligen für den Heimatschutz. Ludwig, selbstständiger Reisebüro-Inhaber und wegen der Coronapandemie zur Untätigkeit verdammt, kehrte zur Bundeswehr zurück. „Es war nicht einfach, denn die Bundeswehr tut sich schwer, bereitwillige Reservisten effektiv einzubinden“, sagt er. Mithilfe des Reservistenverbandes gelang es dann doch. Zwei Jahre lang durfte er sich engagieren, nahm an Übungen teil und unterstützte beispielsweise die Kriegsgräberfürsorge in Wien.
Es war sein letzter Einsatz. Zwei Jahre, nachdem er die Bundeswehr wiederentdeckt hatte, wurde Ludwig 65 Jahre alt und darf seitdem an Übungen und sogenannten dienstlichen Veranstaltungen nicht mehr teilnehmen. „Entscheidend für den Einsatz von Reservisten sollte der Bedarf und die individuelle körperliche Eignung sein und nicht eine starre Altersgrenze!“, fordert er. Er hat einen Kraftbootführerschein der Marine, eine kaufmännische Ausbildung, könnte also in Hafenanlagen ebenso eingesetzt werden wie im Innendienst. Im zivilen Leben arbeite er jetzt ja auch noch, schiebt er hinterher. „Nicht weil ich es muss, sondern weil ich es kann.“
Heiko Thielemann, 69: Mit 19 Jahren ging Heiko Thielemann zur Bundeswehr, zwei Jahre war er erst beim Pionierbataillon in Dörverden im heutigen Landkreis Verden und beim Fernmeldebataillon in Hannover. „Eine spannende Zeit“, sagt er heute. Wenngleich alles außer der Unterwäsche schon gebraucht war. „Das können sich viele heute nicht mehr vorstellen“, sagt er lachend.
Noch weniger vorstellbar allerdings, was mit dem Reservisten Thielemann geschah. Er studierte nach der Bundeswehr Zahnmedizin, „kein Zuckerschlecken“, wie er betont. Als Student war er dennoch regelmäßig bei Reserveübungen dabei. 1989 erhielt er sein Examen, meldete sich umgehend bei der Bundeswehr. „Zahnmediziner werden immer benötigt“, sagt er. Doch es dauerte 25 Jahre, ehe die Bundeswehr auf ihn zurückgriff. „Bürokratie“, sagt Thielemann knapp.
2014 absolvierte er beim Sanitätsdienst Fortbildungen in München, anschließend wurde er endlich auch als Zahnarzt zur Bundeswehr gerufen. „Als Selbstständiger kann man so etwas natürlich einplanen“, sagt er. Die Folge: Jedes Jahr zwackte er sich zwei Wochen vom Familien-Sommerurlaub ab, um in Wunstorf Soldaten aus diversen Kasernen Niedersachsens zu versorgen. „Bei den Zähnen versteht die Bundeswehr zu Recht keinen Spaß“, sagt der Zahnarzt.
Jahr für Jahr schaute Thielemann Soldaten zwei Wochen lang in den Mund, ehe 2021 Schluss war. Er wurde 65, der Bedarf an Zahnmedizinern blieb hoch, Thielemann durfte nicht helfen. Er beschwerte sich erfolglos beim Verteidigungsministerium wegen Altersdiskriminierung. „Ich wurde auf das Abstellgleis geschoben.“ Verständnis hat er dafür nicht. Thielemann ist geistig und körperlich fit. „Ich will ja nicht zu den Spezialeinheiten. Aber ich hab das Gefühl, dass die Bundeswehr manchmal selbst unterschätzt, wen es außerhalb des Gefechts noch alles braucht.“
Joachim Wogersien, 70: Als Joachim Wogersien Mitte der 70er-Jahre zur Bundeswehr ging, „war das noch ein Statement“, wie er sagt. Die Bundeswehr war für viele junge Menschen keine Option. „Weil ein paar Freunde und ich nicht verweigerten, galten wir gleich als politisch rechts“, sagt der ehemalige Luftwaffensoldat. Nach zwei Jahren bei der Truppe begann er sein Jurastudium. So wie andere in den Semesterferien als Bauhelfer arbeiteten, ging es für den Reservisten Wogersien immer wieder zur Bundeswehr zurück.
„Der Sold war nicht so gut, aber ich fühlte mich in dem Umfeld wohl“, sagt er heute. Im zivilen Leben spürte er die Befremdung für sein Bundeswehr-Engagement auch noch Jahre später: Als der mittlerweile promovierte Jurist als Uni-Dozent nur noch alle zwei Jahre zu einer Reserveübung ging, „musste ich mir das von meinem Studiengangsleiter trotzdem vorhalten lassen.“
Für den Dienstrechtler ging es zuletzt regelmäßig in den Stab des Luftwaffenführungskommandos nach Köln. Ein Schreibtischjob. Er kümmerte sich um Dienstbeschwerden, korrespondierte mit Kanzleien oder auch dem Wehrbeauftragten, um immer die Sicht der Bundeswehr darzulegen. „So etwas müssten sonst Soldaten machen, die extra im Soldatenrecht geschult sind. Mit zwei Staatsexamen ist die Arbeit allerdings leichter.“ Eine Arbeit, die nun wieder Soldaten machen müssen. Dabei hatte Wogersien bis zum Schluss den Tauglichkeitsgrad 2, war also eingeschränkt verwendungsfähig.
Für eine Arbeit im Stab ohne körperliche Belastung würde sogar der Tauglichkeitsgrad „TX“ reichen, der für Soldaten mit Gesundheitsstörungen vorgesehen ist.: „Ein Kollege hat TX und Bluthochdruck, war aber noch unter 65. Der durfte sein Gehirn ohne körperliche Anforderungen weiter zur Verfügung stellen“, sagt Wogersien. Für ihn galt das wegen seines Alters nicht. Eine Änderung hält er für dringend geboten. „Grundsätzlich gibt es bei der Bundeswehr viele altersgerechte Jobs, auf denen Soldaten sitzen, die dann etwas anderes machen könnten.“