Aktion in Stiekelkamperfehn Poledance in der Kirche?! Pastorin wagt neue Wege
Tanzen in der Kirche ist eher ungewöhnlich – für Lisa Koens bedeutet das Freiheit. In einem Gottesdienst feiert die Pastorin aus Stiekelkamperfehn diese Freiheit. Wie passt es zu Glaube und Bibel?
Stiekelkamperfehn - Eine Kirche muss praktisch sein – das hatte Lisa Koens, Pastorin in Stiekelkamperfehn vor ein paar Monaten im Gespräch mit dieser Redaktion gesagt. Praktisch ist die St.-Nikolai-Kirche in Stiekelkamperfehn, denn: „Die Bänke kann man rausnehmen“, erklärte Koens. So hat die Gemeinde genügend Platz für eine Tanzfläche. „Tanzen lockert auf und symbolisiert Aufbruch, und das brauchen wir in der Kirche“, sagte Koens im August.
Und diesen Aufbruch bringt die Pastorin am Sonntag, 7. Dezember 2025, nach Stiekelkamperfehn: „Tanz mit mir“, so lautet der Titel. Es ist der erste Tanzgottesdienst, in dem unterschiedliche Tanzformen gezeigt werden – vom klassischen Gesellschaftstanz bis zu modernen Ausdrucksformen, von Diskofox bis zu Poledance. „Grundlage des Ganzen sind biblische Texte, in denen Menschen allein oder gemeinsam vor Gott tanzen, als Lob, als Ausdruck von Widerstand oder ihrer Emotionen“, schreibt die Pastorin auf Anfrage. In einer Ankündigung auf Instagram schreibt Koens: „Wir werden Lieder hören, Tänze sehen, Biblische Geschichten und Auslegungen erleben, mitmachen und im Anschluss das Tanzbein schwingen!“
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Nicht Koens’ erster Tanzgottesdienst
Zwar wird es wohl das erste Mal sein, dass in einer ostfriesischen Kirche an einer Stange getanzt wird. Aber für Koens ist es bereits der zweite Gottesdienst dieser Art, den sie leitet. Schon am Weltfrauentag, 8. März 2025, feierte sie mit ihrer damaligen Gemeinde den „G*ttesdienst zum feministischen Kampftag“. Der Gottesdienst wurde auf Youtube gestreamt. Auch in jenem Gottesdienst war der Schwerpunkt auf biblischen Texte, in denen Gefühle wie Wut, Tauer und Mut widergespiegelt werden, so Koens.
Auch wenn Poledance und Kirche zunächst nicht zusammenzupassen scheinen, zieht die Pastorin Parallelen. „In der Bibel lehnt Jesus sich gegen gesellschaftliche Normen auf, die uns alle unterdrücken“, sagte sie. Zum Beispiel wenn Jesus Frauen und ihr Leiden sieht, dann überwindet er laut Koens die Scham und das Empfinden von Unreinheit, das beispielsweise im Bezug auf den eigenen Körper entstehen kann.
Podcast zum Thema Kirche in Ostfriesland
In einer Themenstaffel des Podcasts „Watt‘n los?“ beschäftigen sich Pia Pentzlin und Deike Terhorst mit Kirche in Ostfriesland. Darin geht es unter anderem um soziale Medien, junge Gläubige und die Zukunft der Kirche. Zu hören gibt es die vier Folgen überall, wo es Podcasts gibt, zum Beispiel bei Spotify.
Kirche mal anders
Auch in anderen Kirchen Ostfrieslands gab es schon Gottesdienste, die nicht unbedingt den üblichen Normen entsprochen haben. So wehte ein Hauch Magie im November durch Emden. Dort feierte die Gemeinde einen Harry-Potter-Gottesdienst. Pastorin Mona Bürger aus Emden und ihre Bremer Kollegin Julia Winter hatten die Idee, die Welt des Zauberlehrlings mit christlichen Themen zu verbinden. „Wir finden, dass auch in unserer Religion, dem Christentum, sehr viel Magisches drin steckt und dass man beides sehr gut miteinander verbinden kann“, erklärte Julia Winter nach dem Gottesdienst.
Im Zentrum des Gottesdienstes stand der „Schleier“ aus der Harry-Potter-Reihe, durch den Harrys Pate Sirius fällt und stirbt – ein Symbol für Trauer, Tod und die Hoffnung auf das, was danach kommt. Die Pastorinnen griffen damit ein Thema auf, das viele Menschen beschäftigt, besonders im November, der traditionell dem Gedenken an Verstorbene gewidmet ist.
Ein Rave für Gott
Ein weiteres Beispiel für innovative Gottesdienstformate in Ostfriesland ist der Rave-Gottesdienst in Bingum. Am 12. September 2025 verwandelte sich dort die evangelisch-lutherische Kirche in einen Dancefloor. Im Gottesdienst standen Themen wie Glaube, Freiheit und Gemeinschaft im Mittelpunkt. Nach dem Gottesdienst wurde die Kirche zu einem Club: DJ Felix Storm legte auf, Licht- und Nebeleffekte sorgten für echtes Rave-Feeling – ganz ohne Alkohol, dafür mit Mocktails, einer Candybar und vielen Überraschungen.
Die Idee, Techno und Kirche zu verbinden, war nicht neu, aber in Ostfriesland bislang einzigartig. In anderen Städten wie Düsseldorf wurden ähnliche Formate bereits mit großem Erfolg umgesetzt. Die Veranstalter wollten mit dem Rave-Gottesdienst auch Menschen ansprechen, die sonst selten oder nie einen Gottesdienst besuchen. Sie wollten zeigen, dass Kirche anders, modern und lebensnah sein kann.