Hannover Keine katholische und evangelische Religion mehr: Das Wichtigste zum neuen Fach „CRU“
In Niedersachsen startet im kommenden Schuljahr der neue Christliche Religionsunterricht (CRU). Er ersetzt den katholischen und evangelischen Religionsunterricht. Was ändert sich jetzt? Fragen und Antworten.
Niedersachsen ist Vorreiter: Ab Sommer 2026 soll allen Schülern christlichen Glaubens an den öffentlichen allgemeinbildenden Schulen das bundesweit bisher einmalige Fach „Christlicher Religionsunterricht“ (CRU) angeboten werden. Das neue Fach wird die bisherigen Fächer Evangelische Religion und Katholische Religion ablösen.
Für die inhaltliche Ausgestaltung tragen katholische Bistümer und evangelische Kirchen in Niedersachsen gemeinsam Verantwortung. Diese Redaktion hat mit Vertretern der beiden großen christlichen Kirchen und dem Kultusministerium gesprochen und beantwortet die wichtigsten Fragen zum neuen Fach.
Frage: Warum bleibt es nicht beim bisherigen Religionsunterricht?
Antwort: Der Anteil der Schüler, die an einem christlichen Religionsunterricht teilnehmen, lag in Niedersachsen im Schuljahr 2024/2025 bei rund 65 Prozent. Doch immer weniger Jugendliche gehören einer der beiden großen christlichen Kirchen an. Im Jahr 2024 lag der Anteil bei rund 52 Prozent, berichtet das Kultusministerium in Hannover.
Antwort: Bislang lagen Lehrpläne, die sogenannten Kerncurricula, für die Fächer Evangelische Religion und Katholische Religion vor. Daneben regelte der Erlass zum bisherigen konfessionellen und zum konfessionell-kooperativen Religionsunterricht die äußeren Bedingungen: also nur, wie der Religionsunterricht zu organisieren ist. Mit der Einführung des Faches „Christliche Religion“ (CR) werde eine fachliche und inhaltliche Neuausrichtung des konfessionell christlichen Religionsunterrichts in den Blick genommen und zukunftsweisend gestaltet.
Frage: Wie viele Lehrkräfte unterrichten bisher Religion?
Antwort: Für das Schuljahr 2024/2025 verfügen für das Fach evangelische Religion 8135 Lehrkräfte und für das Fach katholische Religion 3743 Lehrkräfte über eine Lehrbefähigung an allgemeinbildenden Schulen, so ein Sprecher des Kultusministeriums. Nach der Veröffentlichung der finalen Fassungen der neuen Kerncurricula (KC) für die Grundschule und die Klassen 5 bis 10 (Sekundarstufe 1) können die Schulen auf freiwilliger Basis ab dem zweiten Schulhalbjahr 2025/2026, also nach den Winterferien, das neue Fach ausprobieren.
Frage: Wer darf denn das neue Fach CRU unterrichten?
Antwort: Der Unterricht darf nur von Lehrkräften erteilt werden, die eine Lehrbefähigung in Evangelischer oder Katholischer Religion besitzen und zusätzlich über eine kirchliche Bevollmächtigung (Missio canonica oder Vokation) verfügen. Bei einem Gottesdienst in Rastede (Ammerland) hat die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg kürzlich den ersten 28 Religionslehrern ihre Vokationsurkunden überreicht.
Antwort: Zur Umsetzung und Weiterentwicklung des Fachs richten die Kirchen einen gemeinsamen Beirat sowie eine zentrale Ansprechstelle ein. Beide Gremien gewährleisten die Zusammenarbeit mit dem Land sowie die Einbindung anderer Religionen und Konfessionen.
Frage: Wie verändern sich denn die Lehrpläne?
Antwort: „Die inhaltlichen Grundsätze der Curricula im neuen Fach Christliche Religion sind die der evangelischen und der katholischen Kirche“, sagt Oberkirchenrat Lars Dede von der Evangelischen Kirche. Die gemeinsame inhaltliche Verantwortung durch die beiden großen Kirchen sei das Neue. Im Unterricht selbst wird, so Dede, konsequent die Perspektive der Schüler und ihre Fragen in den Blick genommen.
Antwort: Früher ging man vom Sachthema aus; künftig ist der Unterricht an den Kompetenzen der Kinder ausgerichtet. „Wir unterrichten Kinder, nicht Fächer“, erklärt Anja Heckmann-Hollmann, Referentin im Bischöflich-Münsterschen Offizialat (BMO) in Vechta. Sie hat am Kerncurriculum für die Grundschulen mitgearbeitet.
Antwort: „Es geht nicht um reine Wissensvermittlung, sondern darum, die Schüler zu stärken, ihre eigene Position zu finden“, sagt Pfarrer Fritz Pinne. Er ist Leiter der Arbeitsstelle für Religionspädagogik (arp) und des Referats Schule und Religionspädagogik der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg. Dede ergänzt im Gespräch mit dieser Redaktion: „Es geht um die Reflexion von Lebensentwürfen und die Entwicklung einer gesprächsfähigen Identität.“
Antwort: Der Oberkirchenrat ist der festen Überzeugung, dass die Inhalte, die im Fach Christliche Religion thematisiert werden, wesentliche Fragen unseres Menschseins berühren. Dede nennt Beispiele: „Wozu bin ich auf dieser Welt? Wie kann ich mich im Zusammensein mit anderen verstehen? Wie will ich mein Leben angesichts von Fragen wie Klimaschutz, Gerechtigkeit oder Friedenssicherung begreifen? Diese Fragen sind zentral.“ Sie würden im Licht des Christentums und auch anderer Religionen und Weltanschauungen reflektiert.
Antwort: „Die christliche Tradition hält Antworten bereit, von denen wir überzeugt sind, dass sie dem Leben dienen. Die Welt ist nicht nur einfach da, um sie zu benutzen. Sie ist Gottes Schöpfung, die wir verantwortlich bewahren wollen. Im Unterricht kommen Begriffe ins Spiel, die in der christlichen Tradition fest verwurzelt sind.“
Frage: Welche Rolle spielt die Kirche im Unterricht?
Antwort: „Es geht nicht darum, dass sich die Kirche profilieren oder missionieren will“, betont Pfarrer Pinne. Vielmehr sollten die Schüler in ihrem Ich-Sein gestärkt werden. „Mit den Inhalten des Unterrichts sollen immer fünf Kompetenzbereiche angegangen werden: Identität, Gemeinschaft, Sinn und Glaube, Handeln und Freiheit sowie Zukunft“, ergänzt Lehrerin Heckmann-Hollmann mit Blick auf den Lehrplan.
Frage: Ist der neue Religionsunterricht freiwillig?
Antwort: Auch künftig ist Religionsunterricht Pflichtfach für Schüler, die dem evangelischen oder katholischen Bekenntnis angehören, so der Ministeriumssprecher. Erziehungsberechtigte können ihr Kind vom Religionsunterricht abmelden. Das Land plant, „Werte und Normen“ als verbindliches Ersatzfach ab dem kommenden Schuljahr auch im Primarbereich einzuführen.
Antwort: Sollte die geplante Änderung des Niedersächsischen Schulgesetzes demnächst beschlossen werden, soll das Fach ab dem Schuljahr 2026/27 auch an allen Grundschulen aufsteigend ab Klasse 1 und Klasse 5 verbindlich eingeführt und zum Ersatzfach für alle Schüler werden, die nicht zur Teilnahme am Religionsunterricht verpflichtet sind oder von diesem abgemeldet werden.
Frage: Gibt es CRU auch als Abiturfach?
Antwort: Das Fach „Christliche Religion“ wird zunächst in den öffentlichen Grundschulen und im Sekundarbereich I aller öffentlichen Schulformen, also bis Jahrgang 10 eingeführt. Vor der Entwicklung eines Kerncurriculums und Planung der Einführung in der gymnasialen Oberstufe und als Abiturfach muss die Anwendbarkeit der einheitlichen Prüfungsanforderungen für das Abitur (EPA) auf Ebene der Kultusministerkonferenz (KMK) geklärt werden. Übrigens: Passend zum Start des neuen Faches werden Unterrichtsmaterialien und Schulbücher vorliegen, kündigte Pinne an.
Frage: Studiert man künftig „christliche Theologie“?
Antwort: Nein, die Hochschulausbildung von Religionslehrern soll auch künftig konfessionsgebunden in evangelischer und katholischer Theologie auf der Basis der bestehenden staatskirchenrechtlichen Vereinbarungen erfolgen. Neue Prüfungen der Lehrkräfte fürs Fach CRU seien nicht erforderlich, erläutert Pinne. Die Mitwirkungsrechte der beiden Kirchen, die auch die konfessionelle Identität reflektiert und stärkt, sollen erhalten bleiben. Selbstverständlich sind Abschlüsse in evangelischer oder katholischer Theologie, die nicht in Niedersachsen erworben wurden, weiter anzuerkennen.
Frage: Was ist mit dem Islam oder dem Judentum?
Antwort: Die Kooperationen mit den Fächern Islamische Religion und ggf. auch Jüdische Religion sind wie bisher erwünscht, heißt es aus dem Kultusministerium. Gleiches gelte für eine stärkere Verzahnung mit dem Fach „Werte und Normen“.
Antwort: Zwar haben die evangelischen Kirchen und die katholischen Bistümer schon seit Langem ihren Religionsunterricht in Niedersachsen für Schüler anderer christlicher Konfessionen, Religionen oder anderer weltanschaulicher Überzeugungen geöffnet, aber das neue Fach „Christliche Religion“ geht noch einen Schritt weiter.
Antwort: Es lädt laut Ministerium eine zunehmend heterogene Schülerschaft ein, sich mit religionsbezogenen Fragen auseinanderzusetzen. Das Land Niedersachsen und die Kirchen sehen sich gemeinsam in der Pflicht, mit dem neuen Religionsfach allen religiösen Communities auch ein Angebot an religiöser Bildung zu machen.