Pinneberg  „Ich liege da, der Asphalt an meinem Gesicht“: So habe ich meinen Fahrradunfall erlebt

Manu Schmickler
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Von Manu Schmickler
| 02.12.2025 18:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kommt von links ein Auto angerauscht? Seit ihrem Unfall ist Redakteurin Manu Schmickler noch vorsichtiger an Kreuzungen. Foto: Patrick Sun
Kommt von links ein Auto angerauscht? Seit ihrem Unfall ist Redakteurin Manu Schmickler noch vorsichtiger an Kreuzungen. Foto: Patrick Sun
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Allein im vergangenen Jahr wurden über 90.000 Unfälle mit verletzten Radfahrern in Deutschland registriert. Unsere Redakteurin weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, nach einem Unfall wieder aufs Rad zu steigen – und warum das dennoch die beste Entscheidung ist.

Fünfzehn Menschen starben im vergangenen Jahr bei Fahrradunfällen in Schleswig-Holstein, 4925 wurden zum Teil schwer verletzt. Der Unfall unserer Redakteurin Manu Schmickler liegt lange zurück – und bleibt in ihrem Kopf dennoch präsent. In unserer Sicherheitsserie berichtet sie, wie sich ihr Blickwinkel seitdem verändert hat und warum das Radfahren für sie trotzdem Alltag bleibt.

Es gibt diese Sekunden, die sich seltsam dehnen, kurz bevor ein Unglück geschieht. Man sieht es kommen, aber es lässt sich nicht mehr ändern. Diese Erfahrung bleibt, drängelt sich in schlechten Momenten aus der Großhirnrinde wieder in den Hippocampus – vom Dunklen der Erinnerung ins Helle – und verunsichert.

So ist das seit dem Sommer 2010. Da hatte ich einen Fahrradunfall. Lange her, aber der Film läuft noch immer im Kopfkino: Ich warte an der Hudtwalckerstraße in Hamburg-Winterhude vor der Ampel der Kreuzung Bebelallee, um weiter Richtung Eppendorf zu radeln. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm. Das Rad glänzt metallicblau, es ist erst seit zwei Wochen meins.

Bei Grün gucke ich noch schnell nach links, dann geradeaus, trete in die Pedale und bin mit dem Vorderrad schon fast in der Straßenmitte. Da taucht im Augenwinkel ein Rechtsabbieger auf, ferrarirot und ziemlich schnell. Die Zeit reicht, um zu erkennen, was gleich passieren wird – aber nicht, um auszuweichen.

Fester zu treten, um dem Kotflügel noch zu entkommen, ist der Plan. Dann scheppert es. Das Auto ist um die Kurve gezogen und hat das Hinterrad erwischt. Anschließend liege ich da, der sonnengewärmte Asphalt an meinem Gesicht. Die ersten Gedanken: Irgendwie aufrappeln, bloß nicht die Kreuzung blockieren. Dass etwas passiert ist, realisiere ich erst, als sich mein Rad nicht mehr schieben lässt. Es ist zu verbogen. Fußgänger helfen. Einer stützt mich, ein anderer trägt das Rad zum Straßenrand. Meine eigenen Blessuren bemerke ich erst später.

Der Fahrer des roten Autos ist zunächst weitergefahren, hat sich dann von gestikulierenden Passanten überzeugen lassen, an die Seite zu fahren und auszusteigen. „Bitte, keine Polizei“, hat er gesagt. „Wir können das so regeln. Ich zahle.“

Er werde die Rechnung begleichen, neues Rad oder Reparatur, je nachdem. Eine Woche später rufe ich ihn mit dem Kostenvoranschlag an. Seine Frau ist am Apparat, lässt sich schildern, worum es geht und seufzt dann „Nicht schon wieder!“ Anscheinend ist das nicht die erste folgenreiche Begegnung seines Autos mit einem anderen Verkehrsteilnehmer gewesen.

Er hat die Werkstattrechnung aufgerundet. Und ich bin wieder aufs Rad gestiegen. Eine befreundete Polizistin hat mir versichert, dass es das Beste ist, keine Pause im Straßenverkehr einzulegen und gleich weiterzumachen, weil sonst die Angst wächst.

Etwas habe ich seitdem gelernt: Ich bin als Radfahrer für Autofahrer besser zu sehen, wenn ich neben ihnen auf der Straße fahre, statt auf einem Radweg auf dem Bürgersteig, der oft durch Parkstreifen von der Fahrbahn abgegrenzt ist. Auch, wenn das Gefühl in einer sogenannten Fahrrad-Aufstellbox an der Ampel seltsam sein mag, da man ohne Blechschutz in erster Reihe an der Kreuzung steht – hier sind Fahrradfahrer am sichersten. Es sei denn, sie drängeln sich vor einen schon an der Linie wartenden Lkw und damit in dessen toten Winkel.

Nicht mehr zu radeln, weil man beim nächsten Mal weniger Glück haben könnte, ist für mich inzwischen kein Thema mehr. Seitdem ich denken kann, ist das Rad für mich ein Stück Freiheit. Früher in der hügeligen Eifel, heute im flachen Norden. Flexibler als ein Bus und gerade im Berufsverkehr oft schneller als ein Auto.

Aber ich bewege mich im Straßenverkehr seit diesem Vorfall nicht mehr unbeschwert. An manchen Kreuzungen gehe ich zur Ampel und schiebe mein Rad über den Fußgängerüberweg. Und sitze ich am Steuer eines Autos, habe ich immer Angst, jemanden zu übersehen. Denn Fahrradfahrer verhalten sich schließlich nicht unbedingt vorbildlicher als Autofahrer, fahren bisweilen auf der falschen Seite und unbeleuchtet.

Ich selbst habe nicht nur am Fahrrad anständiges Licht, sondern auch an meinem Helm. Bei Orange noch schnell über die Ampel oder ohne Handzeichen abbiegen? Kommt für mich nicht infrage. Beinahe-Unfälle gibt es dennoch fast täglich. Mal öffnet jemand unbedacht eine Autotür und man schlingert im letzten Moment noch geistesgegenwärtig daran vorbei. Mal lenkt jemand sein Auto in einer Einbahnstraße, die für Radler in beide Richtungen zugelassen ist, doch sehr mittig. Vielleicht, um zu zeigen, wer der Stärkere ist? Dabei weiß ich das auch so, aus Erfahrung.

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