Zürich Käufliche Liebe – was man von Trump über die Psychologie des Schenkens lernen kann
Das Schenken hat in der Politik eine lange Geschichte – dabei kam es immer mal wieder zu skurrilen, peinlichen und unangenehmen Momenten. Für viele sorgte in jüngster Zeit Donald Trump. Wie Schenkungen politische Beziehungen formen.
Als Donald Trump den syrischen Regierungschef Ahmed al-Scharaa beschenkte, musste er kurz befürchten, dass er bei dem Geschenk an ihn danebenlag. Genauer: bei der Anzahl der Geschenke. Trump überreichte al-Scharaa zwei Parfümflaschen. Seines eigenen Duftes natürlich. „Victory 45–47“ heißt es. Auf dem Deckel steht die Figur eines vergoldeten Trump. Den entfernte Trump mit den Worten, dass dies „das beste Parfum“ sei. Darauf sprühte er sich und al-Scharaa ein, und auch dessen Übersetzer bekam einen Stoß ab.
Die zweite Flasche, das Damenparfum der Kollektion, sei für al-Sharaas Frau, so Trump. Dann fragte er: „Wie viele Frauen haben Sie?“ Auf die Antwort des Syrers, dass er eine Frau habe, bemerkte Trump: „Bei euch guys weiß man nie.“
Dass er zu unterhalten und zu erheitern weiß – man muss es Trump lassen. Die Szene am 10. November im Weißen Haus dokumentierte zudem einen Moment, den man sonst eher mit vertauschten Rollen kennt. In der Regel beehren die Gäste den amerikanischen Präsidenten mit Geschenken und nicht umgekehrt.
Die Szene mit dem syrischen Präsidenten im Weißen Haus:
Niemand kommt mit leeren Händen nach Washington, weil jeder weiß, wie viel materielle Gaben Trump bedeuten als Zeichen der Ehrerbietung und Wertschätzung. Er gleicht mit seiner unverhüllten Erwartungshaltung einem Kind. Beschenkt werden verspricht narzisstische Befriedigung.
Trump hat das Schenken in höchsten politischen Kreisen noch bedeutsamer gemacht. Schenken ist eine beziehungsstiftende Geste, so wird Verbundenheit betont. Sowohl in der Politik wie im Privaten. Aber Geschenke sind auch verfänglich. Sie transportieren eine Botschaft, die über den Inhalt der Verpackung hinausgeht. Diese Erfahrung macht man gerade jetzt wieder, da Weihnachten naht.
Das weiß auch Paul Brummell, der bis vor kurzem Botschafter für England in Lettland war. In seinem Buch „Diplomatic Gifts“ (2022) beschreibt er, was Geschenke als Form der Diplomatie alles aussagen. Sie sind ein Ausdruck der Freundschaft und haben oft einen symbolischen Wert. Sie werden als Gefälligkeit eingesetzt, mit ihnen werden die Beschenkten wohlgesinnt gestimmt oder sogar bestochen.
Die Geschenke, die reiche Schweizer Unternehmer Trump mitgebracht haben, bevor der Zoll-Deal mit der Schweiz vergangene Woche zustande kam, waren gewiss nicht selbstlos. Sie überreichten ihm eine Rolex-Tischuhr und einen Goldbarren, in den die Zahlen 45 und 47 eingraviert sind. Wie schon beim Parfum bezeichnen sie Trumps erste und zweite Amtszeit.
Das Bild mag inzwischen abgenutzt sein, aber es lässt sich nicht vermeiden: Wie die drei Könige nach Bethlehem pilgerten sie zum wahren König nach Washington. Dabei unterscheiden sich die Geschenke, die von Trumps Händen in andere übergehen und die er seinerseits in Empfang nimmt, im Wert. Trumps Geschenke sind weniger luxuriös. Sein Parfum für al-Scharaa kostet 249 US-Dollar.
Zum Vergleich: Vom chinesischen Präsidenten Xi Jinping erhielt Trump einst ein Porzellan-Geschirrservice, verziert mit einem Bild von seinem Anwesen Mar-a-Lago, im Wert von 16.250 US-Dollar. Die Halskette mit Smaragd-Anhänger des saudischen Thronfolgers Mohammed bin Salman wird auf 6400 US-Dollar geschätzt.
Nicht zu übertreffen ist die Generosität der Führung von Katar: Sie offerierte Trump, das heißt der amerikanischen Regierung, einen Jumbo-Jet im Wert von 400 Millionen US-Dollar. Wer so teure Geschenke annimmt, muss sich Korruptionsvorwürfe gefallen lassen.
Was lässt sich daraus noch ableiten? Man soll den materiellen Wert eines Geschenks nicht gegen den eines anderen aufrechnen. Das ist stillos, gerade auch, wenn man sich nahesteht. Es ist menschlich, es insgeheim dennoch zu tun. Wer für eine Kiste Jahrgangschampagner im Gegenzug eine selbstgezogene Kerze erhält, fragt sich automatisch, wie viel er dem anderen wert ist. Sich zu sagen, dass der Schenkende beim Kerzenziehen zwei Stunden innig an den zu Beschenkenden gedacht hat, löscht nicht jeden Zweifel aus, auch wenn der gefühlsmäßige Wert letztlich unbezahlbar ist.
Der britische Premierminister Gordon Brown brachte Barack Obama 2009 Gaben im Wert von 16.000 US-Dollar, darunter eine hochwertige Ausgabe einer siebenbändigen Winston-Churchill-Biografie. Obama revanchierte sich gerade einmal mit einer Kassette mit DVD der besten amerikanischen Filme. Die Engländer waren empört.
Als wollte er es wiedergutmachen, schenkte Obama Browns Nachfolger David Cameron 2014 ein Werk des erfolgreichen amerikanischen Künstlers Edward Ruscha. Von Cameron erhielt er dafür ein Gemälde des unbekannten und viel tiefer bewerteten Straßenkünstlers Ben Eine. Diesmal schämten sich die Engländer für ihr Staatsoberhaupt.
Wahrscheinlich ist jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad käuflich. Selbst wenn man als Empfänger eines teuren Geschenks keine wirtschaftlichen Vorteile bieten kann, hat Großzügigkeit einen Einfluss darauf, wie man eine Beziehung sieht. In Untersuchungen wurde die Reaktion von jungen Liebespaaren auf Geschenke getestet, die der eine vermeintlich für den andern ausgewählt hatte. Wer dem Partner ein Geschenk im Wert von unter 10 US-Dollar machte, erschien gleich weniger begehrenswert.
Deshalb müssen Geschenke diplomatisch ausgewählt werden, in der Politik wie privat. Es gibt immer das Risiko, dass eine Gabe falsch interpretiert werden kann. Gleichzeitig wirkt ein Allerweltsgeschenk schnell lieblos. Man will schließlich Eindruck machen und in Erinnerung bleiben. Da darf es auch ausgefallen sein.
Ein Geschenk, das ungewöhnlich ist, den Empfänger aber in Nöte bringt, sind Tiere. Im Englischen spricht man von „white elephant“, dem weißen Elefanten: Ein Geschenk ist für den Beschenkten mehr Last als Freude. Der Begriff geht auf Monarchen in Südostasien zurück, die von anderen Machthabern exotische Tiere erhielten.
Brummell, der britische Diplomat, hat in seinem Buch dazu eine Geschichte parat. 2013 schenkte die Regierung von Timbuktu François Hollande ein Kameljunges. Vor dem Transport nach Frankreich wurde das Tier vorübergehend einer lokalen Familie anvertraut, die es bei sich einstellen sollte. Die Familie verstand den Auftrag nicht, und das Kamel landete im Schmortopf.
In China war es lange Brauch, als Zeichen der Freundschaft Pandabären zu verschenken. Mit dem Nationaltier warb man zudem für das eigene Land. Auch die sogenannte Panda-Diplomatie erwies sich oftmals als Bürde, verpackt in einer Ehrerbietung. Aus nicht unähnlichen Gründen raten Tierschützer heute davon ab, Kinder mit einem Kaninchen oder einer Katze unterm Weihnachtsbaum zu überraschen.
Trumps Parfum für al-Scharaa ist ein persönliches Geschenk. Es ist protokollarisch unbedeutsam, obwohl Trump es im Rahmen eines hochpolitischen Treffens übergab, bei dem er verkündete, die Sanktionen gegen Syrien weiter auszusetzen. Der vergleichsweise geringe Wert des Geschenks macht es unverdächtig.
Manche Familien setzen einen Betrag fest, den die gegenseitigen Geschenke an Weihnachten nicht übersteigen sollen. So handhaben es die meisten Länder, wenn auch aus anderen Gründen: Diplomatische Geschenke von geringem Wert dürfen die Regierenden behalten, teure Geschenke gehören dem Staat. So sollen Interessenkonflikte vermieden werden.
Ein Duft ist eine sinnliche, intime Gabe, die man nicht jedem schenken würde. Es könnte missverständlich sein. Das sollte man in diesem Fall nicht überbewerten. Indem Trump vor laufenden Kameras sein eigenes Parfum verschenkt, wirbt er dafür.
Es kümmert ihn nicht, dass der erkennbare Geschäftssinn hinter einem Geschenk dessen Wert mindert. Es wirkt eitel, auch beim privaten Schenken, wenn man auf diese Weise einen Restposten von eigenen Büchern loswird. Auch Hannelore Kohl, die Frau des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, soll 1996 ihr Kochbuch „Kulinarische Reise durch deutsche Lande“ den Franzosen mitgebracht haben.
Auffällig sind schließlich die vielen Porträts von Trump selbst, die dieser in verschiedener Ausführung entgegennimmt. Die Deutung liegt nahe: Solche Geschenke bedienen sein Begehren, am liebsten sich selber anzuschauen.
Trump hat ein Album voller Fotos von sich selbst erhalten, überreicht vom ehemaligen polnischen Präsidenten Andrzej Duda. Von Australien gab es ein gerahmtes Foto, das ihn und Melania zeigt. Die Regierungen von Ägypten bis Vietnam hatten auch keine originellere Idee. Ein überlebensgroßes Porträt von Trump, das er von El Salvadors Präsidenten Nayib Bukele erhielt, gilt laut der „Washington Post“ als vermisst. Auch weitere Geschenke sind angeblich unauffindbar.
Üblicherweise schenkt man jemandem, den man gerne hat, ein Bild von sich, damit dieser es auf den Nachttisch oder aufs Pult stellen kann. Die Mächtigen schenken den Beschenkten deren eigenes Bild. Sie wissen wohl aus eigener Erfahrung, wie gut es sich anfühlt, gespiegelt zu werden.
Trump ist nicht der Einzige. Zu reden gab 1993 ein Wandteppich mit dem Gesicht des damaligen Schweizer Bundesrats Adolf Ogi. Es war ein Geschenk der Republik Usbekistan. Heute wird es mit vielen anderen diplomatischen Geschenken im Bundeshaus-Keller aufbewahrt.
Immerhin erinnert man sich noch daran, wie es sich für ein diplomatisches Geschenk gehört. Das gute Geschenk verweist auf eine Tradition im Land des Schenkenden, nämlich die Teppichwebkunst. Es ehrt aber auch den Beschenkten, der so verewigt wird. Wie vergänglich ist dagegen ein Duft, dessen Spur sich irgendwann verliert.
Dieser Text erschien zuerst in der „Neuen Zürcher Zeitung“.