Osnabrück  Humor als Waffe gegen die Schieflage der Welt: Parodist Jörg Knör kommt ins NOZ-Medienzentrum

Noah Schnarre
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Von Noah Schnarre
| 22.11.2025 20:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Am Donnerstag und Freitag, 28. und 29. November, tritt Jörg Knör mit seinem Jahresrückblick ins NOZ-Medienzentrum. Auch die Politik von Friedrich Merz wird Thema sein, verrät er im Gespräch. Foto: Philipp Hülsmann
Am Donnerstag und Freitag, 28. und 29. November, tritt Jörg Knör mit seinem Jahresrückblick ins NOZ-Medienzentrum. Auch die Politik von Friedrich Merz wird Thema sein, verrät er im Gespräch. Foto: Philipp Hülsmann
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Das beste kommt zum Schluss: Am 27. und 28. November hält Jörg Knör seinen letzten „OsnabRückblick“ im NOZ-Medienzentrum. Warum er danach nicht mehr in Osnabrück auftreten wird und wie Humor dabei helfen kann, die aktuelle Nachrichtenlage auszuhalten, hat er uns im Interview verraten.

Es wird sein letzter Jahresrückblick, kündigt der Parodist und Entertainer Jörg Knör an. Im nächsten Jahr will er sich mit 67 Jahren zur Ruhe setzen. Wird er die Bühne nicht vermissen? Mit welchem Star aus seinem „Promistall“ würde er gerne mal ein Bier trinken? Und wie viel Osnabrück steckt in seinem aktuellen Programm? Im Interview stellt er sich diesen Fragen. Und gibt einen Ausblick auf die Themen, die er in diesem Jahr behandeln wird.

Frage: Herr Knör, in den 40 Jahren, die Sie auf der Bühne stehen, haben Sie mehr als 70 Promis parodiert. Mit wem davon würden Sie sich gerne mal in der Kneipe treffen? 

Antwort: Wenn ich ehrlich bin, sind viele aus meinem Ensemble, meinem Promistall, aus dem ich mich bedienen kann, schon tot. Mit Helmut Schmidt hätte ich mich gerne getroffen und mit ihm über die aktuelle Weltlage gesprochen. 

Frage: Was hätte er wohl gesagt?

Antwort: Da kann ich nur spekulieren, aber ich glaube, dass sich viele fragen, wie Schmidt auf unsere aktuellen Probleme geblickt hätte. Wie wäre er mit Migration umgegangen? Mit den Kriegen in Gaza und der Ukraine, mit Putin? Das sind Fragen, die mich und mein Publikum bewegen. Deshalb lasse ich den Alt-Bundeskanzler auch bei jedem meiner Jahresrückblicke aus dem Bühnenhimmel sprechen. In diesem Jahr, so viel kann ich schon verraten, wird er einen neuen Text zur deutschen Nationalhymne liefern. 

Frage: Sie bringen aber nicht nur Tote zum Sprechen.

Antwort: Von den Lebenden würde ich mich durchaus mit Gerhard Schröder treffen. Ich finde es nicht fair, dass wir Menschen, die eine andere Meinung vertreten, so unfassbar ausgrenzen. Dabei sind doch gerade umstrittene Menschen und Meinungen interessant! Ein Treffen mit Udo Lindenberg wäre auch klasse, wir wohnen schließlich beide in Hamburg, da wären die Wege kurz. Wenn ich mich aber festlegen muss, dann wäre es Angela Merkel. Die Frau hat Humor.

Frage: Was entscheidet darüber, dass sie eine Person parodieren? 

Antwort: Jürgen von der Lippe hat mal gesagt, dass man die Person, die man parodiert, auch ein bisschen mögen oder sogar lieben muss. Denn im besten Fall verschmilzt der Parodist mit seiner Figur und geht ganz tief in sie hinein. Das darf einem nicht unangenehm sein. Dazu kommt, dass ich es stimmlich schaffen muss und die Person für 90 Prozent des Publikums sofort erkennbar ist.

Frage: Eignen sich die heutigen Promis aus Politik und Gesellschaft denn noch dazu? 

Antwort: Ich glaube, dass die Zeit der klar umrissenen Persönlichkeiten heute ein Stück weit vorbei ist. Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Angela Merkel oder Udo Lindenberg sind für die Parodie dankbare Figuren. Bei dem aktuellen politischen Personal wird es da schon schwieriger. Wenn Boris Pistorius nicht gerade über die Bundeswehr spricht, weiß kaum jemand, wie er stimmlich klingt. Selbst bei Friedrich Merz wird es schon schwierig. 

Frage: Die Komikerin Hazel Brugger sprach kürzlich vor Studenten der Elite-Universität Harvard und verglich ihren Umgang mit Donald Trump mit einem Konterbier nach einer durchzechten Partynacht. Die Aussagen des US-Präsidenten seien nur mit Humor zu ertragen, am Ende gehe es ihr aber meistens, wie nach dem Konterbier, noch schlechter. Ähnliches lässt sich auch über die aktuelle Weltlage sagen, oder?  

Antwort: Ich glaube, Humor kann eine gute Waffe sein, um zu relativieren. Wir alle gehen doch mit einem Rucksack voller Themen, Problemen und ja, auch schlimmen Nachrichten, durch das Jahr. Diese Last will ich meinem Publikum mit meinem Jahresrückblick nehmen. Das geht, indem wir Abstand gewinnen und unser Leben nicht allein durch Nachrichten bestimmen lassen. Wir sind diejenigen, die am Lenkrad sitzen und nicht bloß Beifahrer. 

Frage: Humor wird also zum Mittel, um den Fatalismus zu überwinden?

Antwort: Wir müssen aus der Starre ins Handeln kommen und die Haltung überwinden, dass wir an unseren aktuellen Problemen doch eh nichts ändern können. Und dafür bietet die Kunst, das Theater und auch mein Jahresrückblick Vorschläge an. Ein Künstler muss Wahrheiten aussprechen, auch wenn sie manchem wehtun. Im besten Fall erschafft das Theater so einen Raum für Gemeinschaft und Solidarität. Im Applaus, der ja auch immer Zustimmung ausdrückt, erlebt der Zuschauer, dass er mit seiner Empörung und Meinung nicht allein ist, dass der gesunde Menschenverstand noch nicht gestorben ist. Das gibt meinem Jahresrückblick eine Note, die ich mag. Dadurch wird er mehr als bloße Abendunterhaltung und Ablenkung. Im Grunde sehnen wir uns doch alle nach echten Gefühlen. Und darin sehe ich meine größte Aufgabe: Meinen Zuschauern einen Abend mit viel Gefühl zu vermitteln.

Frage: Am 27. und 28. November kommen Sie mit ihrem Jahresrückblick ins NOZ-Medienzentrum nach Osnabrück. Worauf können sich die Osnabrücker denn nun genau freuen? 

Antwort: Ich versuche in meinem Jahresrückblick auch immer die lokalen Aufreger der Stadt aufzugreifen. In Osnabrück waren sicher die vielen Bombenräumungen das Thema Nr. 1. Der VfL ist noch immer im Gespräch, in diesem Jahr mit der Sanierung des Stadions. Und auch die Absage des Ödipus-Stücks am Theater wird Thema sein. 

Frage: Und was ist mit den überregionalen News? 

Antwort: Da wird es natürlich um die Veröffentlichung der Epstein Files gehen, die Donald Trump noch gefährlich werden können; um Friedrich Merz’ Stadtbildaussage, mit der er so missverstanden wurde; um Hildegard Knef, die in diesem Jahr 100 geworden wäre; um die alten Stars wie Heino und Jürgen Drews, die jetzt am Ballermann auf Mallorca auftreten wollen und um das Versagen der Deutschen Bahn. Viel mehr möchte ich aber noch nicht verraten, weil gerade das Unerwartete die besonderen Momente schafft.  

Frage: Jetzt machen Sie mich aber doch neugierig … 

Antwort: Mein Programm besteht nicht nur aus Parodien, so viel kann ich vielleicht schon vorwegnehmen. Ich werde wieder zeichnen und viel Musik machen. Da, wo es passt, greife ich zum Saxophon. Und es ist vielleicht mein bester Jahresrückblick geworden. Die beiden Vorpremieren in den letzten Wochen endeten mit Standing Ovations. Das gab es in dieser frühen Phase, in der sich noch immer etwas am Programm verändern kann, noch nie. 

Frage: Und es wird Ihr letzter Jahresrückblick sein. Im nächsten Jahr wollen Sie Ihre Bühnenkarriere dann an den Nagel hängen und in den Ruhestand gehen. 

Antwort: Ich wollte immer selbst bestimmen, wann ich von der Bühne gehe und dieser Zeitpunkt ist jetzt erreicht. Ich bin 66 Jahre alt, habe 5700 zweistündige Shows gespielt. Nach all dieser Zeit ist es das normalste auf der Welt, dass man irgendwann aus der Zeit fällt. Ich habe das Gefühl, dass ich da gerade verdammt an der Grenze bin. Aber das ist auch überhaupt nicht schlimm. Meine letzten Shows werden ein würdiger Abschluss einer Zeit, in die mein Programm gut hineingepasst hat.

Frage: Werden Sie die Bühne nicht vermissen? 

Antwort: Natürlich! Die Mischung aus Adrenalin, Dopamin und Endorphin, die ein zweistündiger Auftritt erzeugt, ist eine Droge. Aber die Bühne lässt auch wenig Raum für anderes, für die Dinge, die mir wichtig sind: Zeit mit meiner Frau zu verbringen und noch vieles mit ihr zu entdecken, Zeit für Freunde, zum Kochen, für Abende, an denen ich Gastgeber sein kann. 

Frage: Die Aktivrente, die jetzt auf den Weg gebracht wird, ist also keine Option?

Antwort: Die Bühne ist nur ein Zimmer in meinem Haus. Ich habe noch andere, in denen ich arbeiten kann. Meine Rente beträgt 122 Euro und mein Vermögen ist und bleibt mein „Durchhalte“-Vermögen, denn die Zitrone hat noch viel Saft und in der Birne brennt noch Licht! Ich werde also weiter Karikaturen zeichnen. Und ich werde noch immer für eine Gala oder Geburtstage angefragt. Solche Auftritte werde ich auch in Zukunft machen. Nur eben im Kleinen.  

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