Künstler arbeitet in Aschendorf Labyrinth aus Kreide für Gut Altenkamp
Im Garten von Gut Altenkamp in Aschendorf schafft der Künstler Christian Pilz ein besonderes Werk. Das hat auch was mit der Ostfriesland Biennale zu tun.
Aschendorf - Hat sich vielleicht der Platzwart einer Sportanlage verirrt? Diesen Eindruck kann gewinnen, wer auf dem Weg in den hinteren Teil des Barockgartens von Gut Altenkamp in Aschendorf hinter den Taxus-Hecken zunächst nur ganz wenige der Konturen auf dem Rasen erspäht. Aber schon auf den nächsten Blick wird klar, dass hier zwar eine Kreidelinie gezogen wurde, diese Linie mit den Abmessungen eines Fußballfeldes aber überhaupt nichts zu tun hat.
Vielmehr schafft der Künstler Christian Pilz auf der Grünfläche ein Labyrinth. Das Projekt, bei dessen Umsetzung ihm Regen mitunter ins Kunstwerk pfuscht, ist wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit, die der 47-Jährige im Rahmen eines neuen Stipendiums der EWE-Stiftung auf Gut Altenkamp verrichtet.
Christian Pilz behauptete sich gegen mehr als 70 Mitbewerber
Geboren in England und aufgewachsen in Köln, lebt er seit gut zwei Monaten in der Künstlerwohnung des Kutscherhauses, das zu dem städtischen Ausstellungszentrum auf der barocken Anlage in dem Papenburger Ortsteil gehört. Sein Arbeitsaufenthalt für das Schaffen eines temporären Kunstwerks in Form einer begehbaren Bodenzeichnung ist mit 5000 Euro dotiert. Pilz setzte sich nach Angaben der Stiftung gegen mehr als 70 Mitbewerber durch. „Ich bin bildender Künstler“, erklärt Pilz, der an der Universität der Künste Berlin studiert hat und für gewöhnlich in Berlin und Köln arbeitet. Sein Schaffen widmet er vornehmlich Zeichnungen, die nur aus einer einzigen Linie bestehen, ohne sich zu überschneiden. Dabei breiten sie sich auf dem Papier meistens bis zum Bildrand aus. Am Schluss verbindet Pilz Anfang und Ende, sodass aus jedem Werk ein geschlossener Kreislauf wird.
Dadurch entsteht ein Wegesystem, das einerseits ein Labyrinth und andererseits ein Irrgarten ist – je nachdem, ob man die Linie als Weg betrachtet oder den Zwischenraum zwischen der Linie“, erläutert Pilz. Demnach ist die Linie das Labyrinth und der Zwischenraum der Irrgarten. Das Prinzip einer dieser Zeichnungen überträgt der Künstler nun auf die Landschaft – und lädt ausdrücklich ein, sie buchstäblich zu begehen. Bei den Zeichnungen sei dies ja lediglich mit den Augen möglich. Sein Freiluft-Labyrinth folge einem Konzept, nachdem er eine Serie von Zeichnungen entwickelt habe. „Es hat mehrere Eingänge“, sagt Pilz. Er selbst zeigt, wo es hineingeht. Dann erkundet er sein eigenes Werk flinken Schrittes.
Für seine Arbeit im Freien verwendet Pilz Sprühkreide im Wert von 2000 Euro. Dabei handele es sich um ein Produkt der Firma Mipa aus Bayern. Die Kreide sei biologisch abbaubar, schade dem Rasen nicht und hinterlasse auch keine Rückstände. Dementsprechend ist das Werk aber auch vergänglich. Je nach Witterung halte das Labyrinth maximal einige Wochen. Es wäre ihm „eine große Freude, wenn es angenommen wird und die Leute hier ihren Weg suchen und finden würden“.
Maulwürfe stören den Künstler nicht
Während seiner Arbeit auf dem Rasen werde er immer wieder von Spaziergängern angesprochen. „Sie fragen freundlich“, sagt Pilz. Dass derweil Maulwürfe regelmäßig frische Hügel auf der Projektfläche aufwerfen, stört den Künstler nicht. Vielmehr finde er es faszinierend, dass auch sie mit ihrem Gangsystem unter der Erde eine Art Labyrinth erschaffen.
Bereits während seines Studiums habe er fast nur gezeichnet, berichtet Pilz. Überhaupt habe er schon als Kind lieber gezeichnet als gemalt. Wie filigran seine Arbeiten sind, wird bei einem Blick auf einen Teil seiner Werke im Gutsgebäude deutlich. Eines zeigt nach seinen Worten rund 33.000 Punkte, die Pilz nach einem bestimmten Muster auf ein Papier in DIN-A-5-Größe gesetzt hat. Wie der Künstler weiter berichtet, arbeitet er in der Regel an zwischen zehn und 20 Werken gleichzeitig, „immer im Wechsel“.
Kunst gezielt in den ländlichen Raum bringen
Dabei gehe es ihm immer auch ums System, Abweichungen („Störungen des Systems“), Orientierungslosigkeit und Überforderung inklusive. „Wir haben es ständig mit dysfunktionalen Systemen zu tun“, schlägt Pilz einen Bogen in den menschlichen Alltag. Das mache seine Arbeit für ihn so interessant, sagt er.
Christian Pilz ist für seine Kunst mehrfach ausgezeichnet worden. Nach Aschendorf kam er, weil er der erste Preisträger des neuen EWE-Stiftung-Art-Lab-Kunststipendiums ist. Es wurde im Frühjahr im Rahmen der Ostfriesland Biennale vergeben. Mit dem Stipendium will die Stiftung, die nach eigener Darstellung Kunst gezielt in den ländlichen Raum bringe, „die Debattenkultur rund um das entstehende Kunstwerk anregen und künstlerischen Nachwuchs fördern“.