Osnabrück  Unaussprechliches Leid in Worte fassen: Bistum Osnabrück erinnert an Opfer von Missbrauch

Matthias Liedtke
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Von Matthias Liedtke
| 17.11.2025 17:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Wie lassen sich Worte finden für das Unaussprechliche? Oder kann man nur still trauern angesichts der Missbrauchsfälle der katholischen Kirche? Eine Gedenkveranstaltung im Osnabrücker Dom lieferte keine Antwort, aber Vorschläge.

Es herrscht bedrückende Stille im Kirchenschiff, als Max Ciolek von seinem Manuskript ablässt, das jenen Brief beinhaltet, den er 1997 im Alter von 38 Jahren an seinen Peiniger geschrieben hat. Acht Jahre lang wurde der heutige Opernsänger und Komponist während seiner Pubertät in den 1970er-Jahren von einem katholischen Priester sexuell missbraucht.

In unverblümter Offenheit berichtet er darüber im Osnabrücker Dom anlässlich eines Gebetstages für die vielen Opfer, die es auch im Bistum Osnabrück gegeben hat, wie man spätestens seit der vor rund einem Jahr erschienenen Missbrauchsstudie weiß.

Weder könne er dem Täter verzeihen, noch sei die Tat wiedergutzumachen, sagt Ciolek. Dafür seien die „Verletzungen zu schwer, die Wunden zu tief und der Schaden zu grundsätzlich“. Es sind Sätze wie diese, die den Besuchern den Atem stocken lassen.

Unter ihnen auch Bischof Dominicus Meier, der nichtsdestotrotz zuvor ein paar einleitende Worte gefunden hatte. Als Leiter des Bistums zeigte er sich als jemand, bei dem die Befunde ein „Ringen, Suchen und Zweifeln“ ausgelöst hätten. Das Engagement der Initiatoren wertete er als ersten Schritt „hin zu einer Betroffenen-sensiblen Erinnerungskultur“.

Im Bewusstsein, damit „nie allen gerecht werden zu können“, wolle man den Betroffenen Raum geben, um für das Unaussprechliche Worte zu finden, betont Inga Schmitt, die Leiterin des Bereichs Liturgie und Kirchenmusik. Als Form dafür hat man vier Stationen gewählt, die Angebote liefern: Vom Ausdrücken von Gefühlen über eine „Klagemauer“ zur Diskrepanz von Recht und Gerechtigkeit und die Reflexion der eigenen Würde bis hin zum Umgang mit Verletzungen, die Spuren sowohl bei den Betroffenen als auch bei den Angehörigen hinterlassen.

Auch der Bischof hört von den hinteren Kirchenbänken aus zu, als Ciolek sich daran erinnert, wie der Priester seine Stellung in der Familie als „Heiliger“ ausgenutzt hat – für die „schamlose Befriedigung eines Erwachsenen an einem kindlichen Wesen“, wie der Missbrauchte klarstellt, dass es sich dabei niemals um eine gleichberechtigte Form der Liebe handeln kann. Als eine Art Ersatz für den „nicht greifbaren“ Vater habe er durch den Priester Aufmerksamkeit erfahren – inklusive einer ersehnten Zärtlichkeit, deren Übergang ins Sexuelle er seinerzeit nicht wahrnehmen konnte.

Denn Sexualität sei in seiner katholischen Familie tabuisiert worden, erzählt Ciolek. Ein Umstand, der es dem Priester zusätzlich leicht gemacht habe, Schritt für Schritt die Zugänglichkeit zu prüfen und auszubauen. Sex habe er somit als Preis für Aufmerksamkeit und Zuwendung erlernt, erinnert sich das Missbrauchsopfer auch an die Folgen: Von einem unzulänglichen Körperbewusstsein bis hin zu Körperhass, Erektionsstörungen und Depressionen ist da die Rede.

Inzwischen habe er aber längst gelernt und erfahren, dass „echte, vorbehaltlose Liebe“ möglich sei, sagt Ciolek. Und macht damit anderen Opfern Mut – auch wenn die Narben des kindlichen Missbrauchs für immer bleiben werden. Die Konfrontation mit dem Täter hat vor mehr als 20 Jahren dazu geführt, dass dieser sich kurz vor seiner Anhörung suizidiert hat. Die Hoffnung auf dessen ehrliche Betroffenheit und Reue hat sich nicht erfüllt. Für das Opfer aber war das Brechen des Schweigens ein „erster, wichtiger Schritt zur Heilung“, betont Ciolek.        

Die dem Schutzprozess des Bistums angehörige Arbeitsgemeinschaft Erinnerungskultur lädt auch andere Betroffene dazu ein, sich mitzuteilen – schriftlich oder auch mündlich. Der ersten Osnabrücker Gedenkveranstaltung zum offiziellen weltweiten Gebetstag für die Opfer sexuellen Missbrauchs am 18. November sollen weitere Aktionen folgen.

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