Osnabrück Sieht so die Zukunft aus? Einkaufen mit KI im Selbsttest im Farmely-Shop in Osnabrück
Ein leuchtender Bildschirm statt eines Lächelns an der Kasse: Im Farmely in der Lotter Straße 32 trifft man keine Verkäufer – nur KI-Assistentin „Emma“. Wir wollten wissen, wie gut sie beim Einkaufen wirklich hilft.
Eine verschlossene Tür, kein Verkäufer, aber ein QR-Code hinter der Glasscheibe: Wer den Smart Store Farmely in der Lotter Straße 32 betreten will, braucht ein Smartphone.
Also App laden, Code scannen und rein in den App-Laden. Kaum bin ich drin, finde ich um mich herum eine große Auswahl an Bio-Produkten. Personal? Fehlanzeige. Dafür wartet hier ein digitaler Helfer: die Künstliche Intelligenz „Emma“.
Hinter der Obst- und Gemüseauslage steht ein Tablet bereit – daneben eine kurze Anleitung. Neugierig, ob Emma mir bei meinen Fragen tatsächlich weiterhelfen kann, berühre ich den Bildschirm. Er leuchtet auf, dann tippe ich weiter: „Ich möchte einen Kuchen backen. Was kann ich kaufen?“ Ein Kreis dreht sich, einige Sekunden vergehen, dann die Antwort: „Welchen Kuchen? Rührkuchen, Obstkuchen oder Käsekuchen?“ Eine aufmerksame Nachfrage – das fällt mir sofort auf und stimmt mich positiv.
Kurz entschlossen entscheide ich mich für den Rührkuchen. Jetzt reagiert Emma allerdings weniger hilfreich: „Ups, da ist etwas schiefgelaufen. Probiere es später noch einmal.“
Ein klassischer Softwaremoment, erklärt mir Professor Nicolas Meseth von der Hochschule Osnabrück, der neben mir steht. Er verantwortet das Projekt technisch und arbeitet gemeinsam mit Professor Ulrich Enneking, Claudia Mühl und Philipp Zmijewski an der KI-Einkaufsassistenz. Gründer von Farmely ist Hauke Rehme-Schlüter.
„Deshalb machen wir diese erste Testphase“, sagt Meseth. „Wir wollen wissen, wo Nutzer hängen bleiben oder was sie irritiert. Menschen, die den Assistenten zum ersten Mal nutzen, merken schneller, was noch nicht funktioniert.“
Farmely ist rund um die Uhr geöffnet – ohne Verkaufspersonal. Deshalb soll die KI das übernehmen, was sonst an der Kasse oder im Gang beantwortet werden würde: Wie teuer ist das Brot? Gibt es noch Milch? Welche Alternativen sind verfügbar? „Emma ersetzt nicht, sondern ergänzt“, erläutert Meseth. „Da, wo sowieso kein Personal ist, kann sie Kunden individuell unterstützen.“
Seit Mitte Oktober läuft die Testphase in Osnabrück. Die ersten Daten werden bereits ausgewertet – anonym, wie der Wirtschaftsinformatiker betont. „Je mehr Menschen teilnehmen, desto besser. Sie können über den QR-Code an der Anleitung bei einer Umfrage mitmachen. Das Feedback fließt direkt in die Weiterentwicklung ein.“
Ich starte den zweiten Versuch und möchte wissen, ob im Farmely noch Joghurt vorhanden ist. Emma schlägt mir gleich mehrere Produkte vor – inklusive Preis, Herkunft und Verfügbarkeit. Sechs Mal soll Sojajoghurt im Kühlregal stehen. Ich zähle nach: stimmt. Ein kleiner Moment digitaler Zufriedenheit überkommt mich.
Solche Funktionen sollen bald erweitert werden. Derzeit läuft der Test über das Tablet im Farmely, in Zukunft über eine App auf dem Handy. Dann helfe die KI-Assistenz insbesondere auch vor und nach dem Einkauf: Einkaufslisten erstellen, Rezepte vorschlagen und dabei stets persönliche Vorlieben oder Allergien berücksichtigen.
„Die nächste Ausbaustufe ist schon geplant“, sagt Meseth und zeigt mir eine zweite Demo-Version auf seinem Handy: „Vea“. Sie kann QR-Codes scannen und Produktbilder erkennen. „Später sollen Nutzer mit der KI wie mit einem Menschen sprechen können – unterbrechen, nachfragen, einfach reden.“
Anfang des kommenden Jahres sollen solche neuen Funktionen in einer zweiten Phase getestet werden. Bis dahin sammelt das Entwicklerteam Daten, behebt Fehler und arbeitet an der Personalisierung.
Noch hat die Technik ihre Grenzen. Denn Emma dürfe eigentlich nur Fragen zum Einkauf, Sortiment und Laden beantworten. Trotzdem reagiert sie gelegentlich auf andere Themen – wie etwa auf die Frage nach aktuellen Veranstaltungen in Osnabrück.
Zugegeben: Eine konkrete Antwort bekomme ich nicht, dafür jedoch weiterführende Links. Als sie mir die Neue Osnabrücker Zeitung für mehr Informationen über Veranstaltungen verlinkt, muss ich schmunzeln. Falsches Thema, aber immerhin gut informiert.
Die Hochschule Osnabrück testet den digitalen Einkaufsassistenten in Kooperation mit Regioshopper im Farmely als Reallabor. Meseths persönliches Highlight am Projekt liegt allerdings noch in der Zukunft: „Ich freue mich, wenn wir den Nutzer integriert haben. Die Gespräche werden dann zielgerichtet und personalisiert sein.“
Aber auch Ladenbetreiber könnten von der KI profitieren. Zum Beispiel durch anonyme Einblicke ins Suchverhalten: Wird ein Produkt besonders oft gesucht, könnte das Sortiment angepasst werden.
Und damit endet mein Einkauf. Für mich steht fest: Emma ist noch keine intuitive Begleiterin. Aktuell stolpert sie über Kleinigkeiten und doch zeigt sich ihr Potenzial. Digitale Unterstützung beim Einkaufen wirkt längst nicht mehr abwegig, sondern sinnvoll – vor allem dort, wo ohnehin kein Personal verfügbar ist.
Vielleicht ist das bereits ein realistischer Vorgeschmack auf den Alltag von morgen: ein Supermarkt, der immer offen ist und in dem Künstliche Intelligenz nicht ersetzt, sondern ergänzt.