Wien  „Die Frauen sind in Ohnmacht gefallen, wenn er auf die Bühne kam“ – auf den Spuren Johann Strauss‘

Michael Marek
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Von Michael Marek
| 14.11.2025 13:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Johann Strauss (Sohn) – auch bekannt als der „Walzerkönig“ (1825-1899). Foto: Imago Images/United Archives International
Johann Strauss (Sohn) – auch bekannt als der „Walzerkönig“ (1825-1899). Foto: Imago Images/United Archives International
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Zum 200. Geburtstag von Johann Strauss (Sohn) feiert Wien das Leben und Werk seines berühmten Musikers. Ein Rundgang durch die Stadt des Walzers auf den Spuren des Menschen Strauss.

Die Altstadt von Wien: Am Opernring halten Fiaker vor der prächtigen Renaissance-Fassade der Wiener Staatsoper. Junge Männer in historischer Kleidung – mit weiß gepuderter Perücke, rotem Frack und goldener Weste – bieten bündelweise Konzertkarten für den Abend an. Passanten bleiben stehen, zücken ihre Handys für ein Selfie und diskutieren über die Preise der VIP-Tickets. Zwischen dem geschäftigen Treiben verbeugt sich ein Musiker, hebt die Geige, und der Bogen gleitet über die Saiten.

Die ersten Takte schweben durch die Luft und kämpfen mit dem städtischen Lärm. An der schönen blauen Donau – so klingt Wien (nicht nur) im Jubiläumsjahr von Johann Strauss (Sohn). Neben mir lacht Ilse Heigerth, ausgewiesene Strauss-Expertin, Autorin und Stadtführerin. Mit ihr bin ich in Wien unterwegs – auf den Spuren des Walzer-Königs, an den Orten, wo er einst gelebt, gespielt und geliebt hat.

„Die Staatsoper, eröffnet 1869, ist natürlich das erste Haus am Platz – aber für Strauss ist sie auch Symbol einer gewissen Widersprüchlichkeit. „Denn Operette war dort einst verpönt. Nur einmal im Jahr darf sie rein – zu Silvester. Und dann? Natürlich „Die Fledermaus“. In ganz Österreich, pünktlich um 20:15 Uhr auf ORF 1, hebt sich der Vorhang zur Walzerkomödie. „Ein Feel-Good-Stück“, sagt Heigerth, „lustig, frivol“, und wenn es traurig ist, „dann lustig-traurig!“

Johann Strauss (Sohn) war bereits zu seiner Zeit ein echter Superstar, erklärt Heigerth – und ich werde das auf unserer Tour immer wieder hören. Übrigens trug sein berühmter Vater, ebenfalls Komponist, denselben Namen. Doch keine andere Musik steht so für Wien wie die von Strauss junior. Innerhalb der Strauss-Familiendynastie komponierte nicht nur er: Es herrschte erbitterte Konkurrenz zwischen ihm und seinem gleichnamigen Vater.

Nach der Rivalität im Leben liegen die beiden nun friedlich auf dem Zentralfriedhof nebeneinander.  Am Ende war Sohn Johann auch erfolgreicher als seine ebenfalls talentierten Brüder. Über 500 Werke hat er geschrieben: Walzer, Polkas, Märsche, Quadrillen, Galopps – und natürlich Operetten.

Weiter geht es mit der Bim, wie die Wiener liebevoll ihre Straßenbahn nennen. Die quietscht um die Kurve zur nächsten Station: das Theater an der Wien. Heigerth deutet auf den neoklassizistischen Bau. „Hier wurden fast alle Strauss-Operetten uraufgeführt“, sagt sie. „Und dirigiert hat er selbst – oft mit der Geige in der Hand.“ Dabei war Johann Strauss Sohn eigentlich gar kein Operetten-Fan, so heißt es.

Der deutsch-französische Komponist Jacques Offenbach legte ihm aber nahe, sich in diesem Genre zu versuchen – mit Erfolg: Heute gilt sein Wirken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als die Goldene Operettenära. Wir stehen auf dem Bürgersteig, durch ein Fenster dringt leise Probengesang. „Er war ein hochtalentierter Dirigent“, sagt Heigerth. 

Strauss war bekannt für seinen eigenen Stil: Er trug eine kleinkarierte Hose, einen schwarzen Frack, eine weiße Weste sowie einen Halsschmuck. Und er hatte beim Dirigieren eine körperbetonte Bewegungschoreografie. „Er war ein schöner Mann“, da ist sich Ilse Heigerth sicher. „Die Frauen sind in Ohnmacht gefallen, wenn er auf die Bühne kam.“ Die Menschen nannten ihn damals „den schönen Schani“. Heute wäre er wohl Influencer oder Tikkok-Star. Damals war er der Popstar der k. u. k.-Monarchie.

Nächste Station: das „House of Strauss“ – ein multimediales Erlebnismuseum über die Geschichte der Familie Strauss, im ehemaligen Casino Zögernitz. Im historischen Strauss-Saal finden auch heute noch Konzerte statt. Und hier sind wir mit einem Verwandten der Familie verabredet.

Eduard Strauss (VI) kommt lächelnd auf mich zu und entfaltet ein Blatt Papier mit einem Stammbaum. „Der Johann Strauss Sohn ist mein Urgroßonkel – also einmal ums Eck“, erklärt er trocken. Mit seinem Oberlippenbart und den markanten Gesichtszügen könnte man meinen, Johann Strauss stünde einem persönlich gegenüber. 

Eduard Strauss führt durch das bunte multimediale Erlebnismuseum. Es gibt kein einziges Originalobjekt, aber dafür LED-Wände, Klanginstallationen, animierte Projektionen, die sachkundig über die Geschichte der Familie Strauss informieren – etwa über die verdrängte Strauss-Rezeption während der NS-Zeit. Urgroßneffe Eduard Strauss führt auch durch diesen Teil der Ausstellung.

Das NS-Regime stilisierte den Walzerkönig zur deutschen Kultfigur – und unterschlug dafür seine jüdischen Wurzeln durch Dokumentenfälschung. „Goebbels hat gesagt: Das können wir nicht machen, wir können den Strauss nicht verbieten – Hitler mochte ihn doch so gern. Und dann hat man ihn einfach arisiert“, sagt Eduard Strauss. Die Großmutter von Johann Strauss Sohn war Jüdin. Für das Regime ein Problem – für seine Musik jedoch nicht.

Der Komponist wurde kurzerhand „reingewaschen“, seine Herkunft aus den Akten getilgt. Eduard zeigt eine plumpe Fälschung seines Taufbuchs durch das „Reichssippenamt“. Ich bleibe stehen, schaue auf den Stempel, denke an die Rhythmen des Walzerkönigs – und an den Klang der Lüge, der sich durch so viele Biografien dieser Zeit zieht.

Auf der Strauss-Tour geht es weiter zum Karlsplatz – ein Ort, der gar kein klassischer Platz ist, sondern ein weiträumiger Park: mit Wiesen, Springbrunnen und Kunstinstallationen. Hier kreuzen sich U-Bahn- und Straßenbahnlinien, Radwege und Touristenströme – eine Mischung aus Alltagschaos und großer Oper.

Dort spielte sich im Schatten der barocken Kuppel der Karlskirche für Strauss ein besonders romantisches Kapitel in seinem Leben ab, berichtet Ilse Heigerth mit einem Lächeln. „Hier hat Strauss geheiratet. Drei Mal insgesamt war er unter der Haube. Das war im katholischen Österreich gar nicht so einfach.“

Menschen sitzen auf Parkbänken, Kinder planschen am Brunnenbecken mit einer Skulptur von Henry Moore in der Mitte. Ein Postkartenmotiv. Strauss’ erste Frau, Henriette „Jetti“ Treffz, war älter als Strauss und Opernsängerin. Ihre Hochzeit fand mit großem Pomp genau hier statt.

Die dritte Ehe war dagegen ein kleiner Skandal. „Strauss hat seine Staatsbürgerschaft und seine Religion wechseln müssen, wurde Protestant und Bürger von Sachsen-Coburg und Gotha – das nehmen ihm die Wiener bis heute ein bisschen übel“, meint Ilse halb ernst, halb verschmitzt.

Dreizehn Mal war Strauss verlobt. Adele Deutsch, seine letzte Ehefrau, managte ihn bis zu seinem Tod 1899. Danach kümmerte sie sich um seinen Nachlass. Eigene Kinder hatte Strauss mit keiner seiner Frauen. Dafür waren seine Locken ein begehrtes Gut unter seinen weiblichen Fans.

Und dann erzählt Heigerth diese eine Geschichte, die so typisch für Strauss ist: Der Komponist war eitel. Er färbte sein Haar und verteilte gerne Haarlocken an weibliche Fans – bis seine Frau Adele merkte: Bald würde er eine Glatze bekommen. Also führte sie schwarze Pudel spazieren. Die Locken? Vom Hund. „Des Pudels Strauss“, scherze ich.

Draußen leuchtet Wien im sommerlichen Nachmittagslicht. Straßenmusiker spielen „Rosen aus dem Süden“. Beim Schlendern durch Wien scheint man ihn überall zu hören – diesen Strauss-Sound, der einem aus Cafés, Souvenirshops oder auf der Straße entgegenwippt. 

Letzte Station – der Wiener Stadtpark. Ein Saxofonspieler bläst „Wiener Blut“ in die feuchte Sommerluft. Wir folgen dem Klang über gewundene Wege, vorbei an Stockenten, Joggern und einer Busladung asiatischer Touristen, die zu einem bestimmten Ort wollen. Zwischen Platanen blitzt eine scheinbar goldene Figur. Die Statue von Johann Strauss (Sohn) ist das meistfotografierte Denkmal Wiens – und ein Selfie für die digitale Sofashow zu Hause ein Must-Do.

Der Komponist steht eingerahmt von tanzenden Flussnixen, die – je nach Perspektive – den Zauber, aber auch die Verlockungen der Donau verkörpern. Eine Szene wie aus einer Operette: ein bisschen verklärend, ein bisschen frivol so wie der Walzer: ein Tanz, der Männern und Frauen körperliche Nähe erlaubte, auf offener Bühne – damals im 19. Jahrhundert. „Strauss war ein Revolutionär mit Rhythmus“, sagt Heigerth.

„Der Walzer galt früher als anstößig, weil sich Männer und Frauen dabei berühren mussten.“ Der Tanz, sagt sie, war ursprünglich ein Skandal. Und gleichzeitig hatte er soziale Sprengkraft: Nähe, die im 19. Jahrhundert nicht vorgesehen war.

Später wurde aus dem Walzer das, was Wien bis heute verkauft: musikalischer Eskapismus im Drei-Viertel-Takt. Wien, Wein, Walzer – für den Satiriker und Komponisten Georg Kreisler war das die Musik einer Gesellschaft, die lieber tanzt als nachdenkt. „Das funktioniert bis heute“, ist sich Heigerth sicher. „Auch als Verdrängung“.

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