Osnabrück Fragil und doch voll Würde: Alberto Giacomettis Skulpturen sind die Zeichen der Zeit
Alberto Giacometti in der Kunsthalle Bremen: Das ist gerade mehr als nur eine Kunstpräsentation. Die Skulpturen des Schweizer Kunststars wirken wie Zeitzeichen zu aktuellen Krisenlagen.
Die „mittelgroße Figur“ schießt immerhin 126 und einen halben Zentimeter in die Höhe. Ihr Körper verjüngt sich mit jedem Zentimeter geradewegs zu einem gefühlten Nichts. Fadendünn strebt nach oben, was man einen Leib kaum zu nennen wagt. Durchhalten oder abbrechen? Wer da hinschaut, wünscht diesem Figürchen mit jedem seiner Höhenzentimeter eiserne Selbsterhaltungsenergie.
In der Bremer Kunsthalle schauen gerade richtig viele Leute hin, auf die „Mittelgroße Figur“ zum Beispiel. Ihre Beine wirken wie Streben, die Wolken stützen. Darauf ein zartes Körperchen, hauchfeine Arme, eine Andeutung von einem Kopf. Reduzierter gibt es ihn kaum, den Menschen. Alberto Giacometti formt 1948/49, wenige Jahre nach dem Ende von Zweiten Weltkrieg und Holocaust, mit dieser Gipsfigur ein Zeitzeichen. Denn seine Figur wirkt wie ein Mensch, der der Katastrophe gerade so eben noch entronnen ist.
Mit den Jahren scheint von dieser Botschaft der Skulptur aber nicht mehr übrig geblieben zu sein als der reine Kunstgenuss. Plastiken von Alberto Giacometti werden angestaunt, als pure Kunst oder als Auktionsstücke, die schon einmal mit 70 Millionen Dollar zu Buche schlagen können. Kunst ist nicht nur schön, Kunst ist auch teuer. So lautet die Gleichung in der Gesellschaft der Verwöhnten.
Was all diese Skulpturen, die nun in der Bremer Kunsthalle ausgestellt sind, wohl wert sein mögen? Ich habe mir die Frage nicht gestellt. Die anderen Besucher, so glaube ich, auch nicht. Stille herrschte in den Ausstellungssälen, kein Ernst der Andacht, sondern die Versenkung intensiven Hinschauens. Was ist der Mensch? Was macht seine Substanz aus, was sein Leben? Alberto Giacometti hat mit jeder seiner hauchfeinen Figuren letzte Fragen gestellt. Und die lassen einen nicht los.
Kunst als Sensation, Kunst als bloßes Pläsir: Das hat sich überlebt, so scheint es mir. Der Blick gilt jetzt der Kunst als existenzieller Auskunft, als Wegweisung zu wirklichen Sinnfragen. Die Freizeitgesellschaft, einst das Mantra von Kulturmanagern, scheint sich abzuschwächen.
Ich hatte dieses intensive Gefühl bei der Ausstellung mit Bildern von Caspar David Friedrich in Hamburg. Die Besucher suchten in den Bildern des Malers der Romantik den Kontakt zu Natur und Lebensfragen des Menschen. In der Präsentation von Werken Giacomettis in Bremen kam es mir wieder so vor, als suchten viele Menschen die ganz persönliche Begegnung mit Werken, die dem Betrachter einen doppelten Weg weisen – zur Kunst und zu sich selbst.
Alberto Giacomettis fadenfeine Figuren galten einst als Embleme des Existenzialismus, als Symbole eines Lebensgefühls im Zeichen der Katastrophe. Über Jahrzehnte eines Lebens im Wohlstand ist dieses Krisengefühl geschwunden. Jetzt scheint es wiederzukehren. Sehen die Figuren des Schweizer Bildhauers nicht aus wie Menschen am Nullpunkt ihres Daseins, einsam und ausgesetzt? Wirken sie nicht so fragil und verletzlich wie Wesen in jenem Moment, in dem alles kippt, das Klima, die Freiheit, die Sicherheit?
Je größer, je bedeutender die Kunst, umso intensiver die Fragen, die sie stellt. Nach diesem Maßstab gehört jede von Alberto Giacomettis Figuren zur ganz großen Kunst. Denn jede seiner Skulpturen schaut auf den Betrachter zurück, stoisch und unnahbar.
Die „Mittelgroße Figur“ wirkt nicht nur zerbrechlich, sie wirkt auf mich auch ungemein würdevoll. Wie erhaben ist jeder einzelne Mensch, wie beeindruckend und feierlich. Ich nehme das als Versicherung eines trotz aller Krisen am Ende doch schönen Lebens. Mit Kunst auf der Spur seines Geheimnisses – in Bremen ist das gerade zu erfahren, wirklich und wahrhaftig.