Osnabrück  Evakuierung und Risiko: Warum die Bombenräumung in Osnabrück so lange dauerte

Claudia Sarrazin
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Von Claudia Sarrazin
| 10.11.2025 19:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Unschädlich gemacht: Diese 1000- und 100-Pfund-Bomben können keinen Schaden mehr anrichten. Sie wurden bei der Bombenräumung am 09. November 2025 im Lokviertel entschärft. Zwei weitere wurden vom KBD gesprengt. Foto: Claudia Sarrazin
Unschädlich gemacht: Diese 1000- und 100-Pfund-Bomben können keinen Schaden mehr anrichten. Sie wurden bei der Bombenräumung am 09. November 2025 im Lokviertel entschärft. Zwei weitere wurden vom KBD gesprengt. Foto: Claudia Sarrazin
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Gut 16 Stunden mussten die Anwohner des Evakuierungsgebietes am Sonntag ausharren, bis drei Bombenblindgänger und eine Granate von den KBD-Experten unschädlich gemacht wurden. Dabei waren die Sprengkörper das kleinere Problem.

Der Sonntag der Bombenräumung war ein langer Tag für alle betroffenen Anwohner, Einsatzkräfte, Haupt- und Ehrenamtliche sowie das Team des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) Niedersachsen. Doch er hätte es nicht sein müssen, wie die Kampfmittelexperten vor Ort erklärten.

Der Tag fing mit Regen an, doch während sich das Wetter nach und nach besserte, verlief die siebte Bombenräumung dieses Jahres in Osnabrück ab Mittag schlechter. Um 11.57 Uhr und damit zu einer, mit früheren Evakuierungen verglichen, typischen Zeit herrschte Sicherheit: Alle Anwohner hatten das Evakuierungsgebiet verlassen und zwei Teams des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) Niedersachsen konnten ihre Arbeit beginnen.

Leider blieb es nicht so. Immer wieder verirrten sich Fußgänger, Jogger oder Radfahrer ins Evakuierungsgebiet oder versuchten bewusst, es gegen die Anweisungen zu betreten. Ein YouTuber stellte sich als nicht besonders clever heraus: Er streamte live im Internet und erklärte, er wolle zu Hause bleiben – bis die Polizei ihn dort abholte. Und ein Langschläfer wurde erst mittags wach und meldete sich bei der Polizei.

Für alle, die das Gebiet frühzeitig verlassen hatten, wie die 71-jährige, pflegebedürftige Anita, war das ein Affront: Sie war um 4 Uhr aufgestanden, damit sie ohne Hilfe des Pflegedienstes pünktlich um 7 Uhr für den Krankentransport ins Evakuierungszentrum bereit war.

Den Lesern unserer Live-Berichterstattung, den Einsatzkräften und Anwohnern fehlte – freundlich formuliert – für die Störer jedes Verständnis. Beatrix Schroeder, die Angebote für Kinder im Evakuierungszentrum organisierte, sagte: „Die Störer sollen sich in Grund und Boden schämen.“ Mit Blick auf die ganz Jungen und die Älteren von der Evakuierung Betroffenen fügte sie hinzu: „Schauen Sie mal in die Aula, die Leute sind jetzt schon total geschafft. Und deren Tagesrhythmus ist für die nächsten Tage komplett durcheinander!“

Je länger die Maßnahme dauerte, desto größer wurde der Unmut über die Störer. Polizei-Pressesprecher Michael Außendorf stellte zwar fest: „Wir hatten jetzt nicht die extremen Probanden, die gar nicht raus wollten, und die wir mit Zwang rausholen mussten“, doch die Vielzahl der Störer sorgte für eine mehr als dreistündige Verzögerung der Maßnahme.

Das stieß auch den Männern des KBD sauer auf, denn für sie bedeutete dies schlicht länger unter hohem Druck und Lebensgefahr arbeiten zu müssen. Nur weil ein Blindgänger über achtzig Jahre im Boden lag, wird er nicht ungefährlicher – im Gegenteil, erklärte Sprengmeister Jann Kirchner: „Wenn wir Blindgänger mit bestimmten Zündsystemen freilegen, müssen wir aufgrund deren Gefährlichkeit sofort handeln. Sobald irgendeine Temperaturveränderung oder eine Lagerveränderung stattfindet, muss etwas geschehen.“

„Wir müssen bei der Arbeit extrem fokussiert sein“, fuhr Kirchner fort. „Schließlich geht es um die Entschärfung von Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg, die dafür gebaut wurden, Menschen zu töten. Und das hat die Bombe bis heute nicht vergessen.“ Zudem würde das Zündsystem eines Blindgängers „dadurch, dass man daran arbeitet, nicht besser“, stellte er lakonisch fest: „Das will man ja möglichst sicher und auch zügig auseinanderbekommen. Dafür begeben wir uns in Lebensgefahr.“ Unterbrechungen bei diesem Arbeitsschritt seien immer „sehr ätzend“. „Wirklich, muss ich so ganz deutlich sagen“, erklärte Kirchner sichtbar verärgert.

Sein Kollege, Sprengmeister Tim Hoferichter, wurde konkret: „Liegt eine Bombe tief in einem Ringschacht, muss ich bei einer Störung natürlich sofort meine Arbeit einstellen, ich muss mein Werkzeug weglegen, ich muss da rausklettern.“ Dann müsse er sich selbst in Sicherheit bringen, was bei längeren Unterbrechungen bedeute, zum Einsatzbasisfahrzeug außerhalb der Lokviertel-Baustelle zu laufen.

Wenn dann wieder Sicherheit herrsche, müsse er wieder ins Loch zur Bombe klettern, alles wieder richten und eigentlich wieder ganz von vorne anfangen. „Die Konzentration ist weg, und das ist wirklich anstrengend“, sagte Hoferichter – auch, bei kurzen Unterbrechungen.

Die zerstörerische Altlast, die der KBD diesmal im Boden des Lokviertels fand, machte die Situation nicht einfacher: eine entschärfbare amerikanische Zehnzentner-Bombe (circa 500 Kilogramm) mit einem Zünder in gutem Zustand, eine amerikanische 100-Pfund-Bombe (etwa 50 Kilo) mit demselben Zündsystem, auch entschärfbar, sowie eine nicht entschärfbare deutsche Sprenggranate. „Die haben wir vor Ort ohne Deckung gesprengt, weshalb es bei der ersten Sprengung so laut knallte“, so Kirchner. Hinzu kam noch eine amerikanischen 500-Pfund-Fliegerbombe, deren Zünder so deformiert gewesen sei, dass Entschärfungsversuche sinnlos gewesen wären. Sie wurde ebenfalls gesprengt.

Während diese Sprengung vorbereitet wurde, kippte die Stimmung im Evakuierungszentrum: Alle wollten einfach nur noch schnell nach Hause, doch das Warten zog sich. Die Vorbereitungen einer Sprengung hingen vom Kampfmittel und seinem Zünder ab, so Hoferichter: „Kann ich das überhaupt noch bewegen, oder darf ich da gar nicht mehr dran?“ In diesem Fall müsse, ähnlich wie bei der deutschen Granate, offen gesprengt werden.

Wenn eine Bombe hingegen noch zu handhaben, aber nicht entschärfbar sei, müsse sie mit mehreren Kubikmetern Sand abgedeckt werden. „Das heißt, wir müssen Bagger fahren, wir müssen Radlader fahren, wir müssen in ein Loch steigen, wir müssen wieder rausklettern, wir müssen die Bombe verlagern, wir müssen Sprengstoff anbringen“, zählte Hoferichter einzelne Arbeitsschritte beispielhaft auf: „Dafür brauchen wir dann halt Zeit.“ Und zudem gelte bei der gefährlichen Arbeit die Regel: So wenig Personal wie möglich einsezten.

Der Kampfmittelexperte vom KBD erläuterte auch, warum nach dem erlösenden Knall nicht sofort alle nach Hause können: „Den Sprengerfolg zu kontrollieren, ist extrem wichtig“, so Hoferichter. „Wir müssen uns hundertprozentig sicher sein, dass das Kampfmittel komplett umgesetzt hat.“ Das Kampfmittel – in diesem Fall die Granate und eine Bombe – müsse „komplett weg“ sein. Erst wenn die Experten sicher sagen könnten, dass keine Sprengstoffreste mehr vorhanden seien, könne die Sperrung aufgehoben werden. Und Hoferichter betonte: Nacharbeiten könnten immer nötig sein.

In Osnabrück waren diese bisher glücklicherweise nicht notwendig. Ob das bei der nächsten Bombenräumung so bleibt, wird sich zeigen. Deren voraussichtlichen Termin gab die Stadt Osnabrück ebenfalls bekannt: Sonntag, den 8. Februar 2026.

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