Berlin  No-Gos beim Bestatter: Eric Wrede sagt, bei welchem Satz Sie wieder gehen sollten

Daniel Benedict
|
Von Daniel Benedict
| 12.11.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Welcher Bestatter ist der Richtige für mich? Eric Wrede, Bestseller-Autor und selbst Bestatter, gibt Tipps und nennt Auswahlkritieren. Foto: IMAGO/xcitepress
Welcher Bestatter ist der Richtige für mich? Eric Wrede, Bestseller-Autor und selbst Bestatter, gibt Tipps und nennt Auswahlkritieren. Foto: IMAGO/xcitepress
Artikel teilen:

Wer trauert, hat oft kaum die Kraft, bei der Auswahl des Bestatters groß zu überlegen. Bestseller-Autor Eric Wrede, selbst Bestatter, gibt einfache Tipps, die bei der Entscheidung helfen.

Bestatter neigen zur Stille. Angesichts einer Kundschaft, die von Schmerz und Trauer betroffen ist, tritt das Handwerk für den letzten irdischen Moment diskret in den Hintergrund. Einer allerdings macht dabei nicht mit: Eric Wrede, in einem ersten Berufsleben Musikmanager, spricht über seine Arbeit, schreibt „Spiegel“-Bestseller darüber, macht Podcasts und ist auf Instagram präsent. Jetzt schildert die Doku „Der Tod ist ein Arschloch“ (ab 27. November im Kino) seinen Arbeitsalltag.

Wir haben den 45-Jährigen in seinem Bestattungsinstitut lebensnah besucht. Die Geschäftsräume liegen an einer Kopfsteinpflasterstraße in Berlin-Prenzlauer Berg. Rechts und links sind die Hauseingänge mit Graffiti übersät, auf dem Hinterhof verkauft ein Fetisch-Ausstatter Latexklamotten. Eric Wredes Schaufenster, Trauerszenarien mit Modellhäusern nachstellt, lässt auf den ersten Blick fast an ein Spielzeuggeschäft denken. Innen nehmen wir zum Interview an einem massiven Holztisch Platz. Auf dem Sofa liegt der Hund des Bestatters.

Frage: Herr Wrede, in der Doku über Ihr Bestattungsunternehmen hört man, wie eine Mitarbeiterin mit der Verstorbenen spricht, die sie gerade abholt. Warum tut sie das?

Antwort: Das ist ihre Weise, Respekt zu zeigen. Wir sehen den Verstorbenen als Menschen. Ich selbst mache das nicht. Aber auch ich spreche nie von einer Leiche, sondern von einer Person. Da liegt jemand, der einen Anspruch an mich hat, auch juristisch übrigens. Es gibt ein postmortales Persönlichkeitsrecht, wobei der Schutz mit der Zeit abnimmt. Mit Ötzi darf man anders umgehen als mit einem gerade Verstorbenen. Ich verhalte mich immer so, als wäre es meine Oma. Und ich will, dass man gut mit meiner Oma umgeht. Leider ist das – auch wenn es keiner laut sagt – nicht immer der Fall.

Sehen Sie hier den Trailer zum Film:

Frage: Von einem Altenheimleiter weiß ich, dass er im Raum blieb, wenn der Bestatter kam. Seine Sorge war, dass Tote in der Leichenstarre mit Gewalt in den Sarg gebracht werden. Passiert das?

Antwort: In der Leichenstarre ist ein Mensch nicht zu bewegen; die Haltung der Arme und Beine bleibt dann erstmal fix. Das setzt so zwei Stunden nach dem Tod im Gesicht ein, geht in den Körper und ist nach sechs bis zwölf Stunden voll ausgeprägt. Nach rund 36 Stunden lässt es nach. Dann kann man die Totenstarre behutsam aus den Gelenken massieren. Wenn der Bestatter zu früh kommt und man da zwei gestresste Kollegen erwischt, können hässliche Bilder entstehen. Idealerweise kommt er einfach später und erklärt den Angehörigen, was er tut.

Frage: Was sagen Sie den Angehörigen?

Antwort: Wenn eine Wohnung zu eng für den Abtransport im Sarg ist, schlage ich zum Beispiel vor, dass wir den Toten auf eine Bahre legen. Unsere kann man oben zumachen. Ich frage die Angehörigen auch, ob sie für die Abholung überhaupt schon bereit sind. Für die bin ich der Mensch, der ihnen den Verstorbenen wegnimmt. Als Bestatter begleite ich den Trauerprozess. Ich muss ein Gefühl entwickeln, was die Angehörigen brauchen. Ein Kind, das den Vater verloren hat, möchte vielleicht nicht mehr den Toten sehen, aber womöglich den Leichenwagen. Sinnliche Erfahrungen sind für die Trauer elementar.

Frage: Wie finde ich den richtigen Bestatter? Bei welchen Warnhinweisen sollte ich aufpassen?

Antwort: Die meisten sind gut. Die schwarzen Schafe machen vielleicht zwei Prozent aus. Gehen Sie in das Geschäft und sagen Sie, dass Sie Ihre Mutter vor der Bestattung noch einmal sehen möchten. Vielleicht fragt der Bestatter dann, ob Sie die Mutter nicht lieber so in Erinnerung behalten wollen, wie sie war. Dann sollten Sie den Laden sofort verlassen. Das sind die Bestatter, die einen nicht hinter die Kulissen gucken lassen wollen. Ein zweiter Wunsch könnte sein, die Mutter in ihrem Lieblingskleid zu bestatten. Wenn er Ihnen dann seine Totenhemden anquatschen will, kommt der Kollege zu sehr aus der Verkaufslogik. Natürlich müssen wir verkaufen. Aber das darf nicht über der individuellen Trauer stehen.

Frage: Wie stehen Sie zu Billig- oder Discount-Bestattern? Das klingt pietätlos, aber für viele dürfte der Finanzfaktor ja wirklich wichtig sein.

Antwort: Es ist nicht ehrenrührig, über Geld zu reden. Mit Friedhof, einer kleinen Trauergesellschaft und einem Grabstein ist man bei einer Bestattung im mittleren bis hohen vierstelligen Bereich. Am besten geht man gemeinsam die Posten durch: Die Verstorbene mochte gar keine Blumen? Dann fallen die schon mal weg. Sie sind Journalist? Wie wäre es, wenn wir den Redner streichen und Sie selbst sprechen? Discounter sind nicht verboten, aber oft gar nicht am günstigsten. Man kann die Kosten schließlich auch schönrechnen. Das einzige, das ich ablehne, ist Leichentourismus. Wenn ein Toter quer durch die Republik chauffiert wird, weil das tschechische Krematorium 30 Euro billiger ist, dann bin ich raus. Da weiß ich ja nicht mal, wie mit dem Verstorbenen umgegangen wird.

Frage: Kann man wenigstens sicher sein, dass die Asche auch wirklich der eigene Angehörige ist?

Antwort: Nach einer Kremation bleibt keine richtige Asche übrig, sondern mineralische Stoffe aus den Knochen. Daran ist keine DNA erkennbar. Jedem Toten wird aber ein Schamottstein mit einer Identifikationsnummer in den Sarg mitgegeben. Der verbrennt nicht und wird am Ende mit der Urne bestattet.

Frage: Warum braucht es für eine Kremation überhaupt einen Sarg?

Antwort: Es geht um den Brennwert des Holzes. Man hat es mal mit Pappsärgen versucht, aber da musste man zusätzlich noch sehr viel Gas zuführen.

Frage: Rheinland-Pfalz hat gerade den Friedhofszwang aufgehoben. Ist das gut?

Antwort: Für mich hat Rheinland-Pfalz damit Bremen als das Bundesland mit dem sympathischsten Bestattungsgesetz abgelöst. Schon in Bremen galt, dass ich zu Lebzeiten entscheiden kann, dass meine Urne – keine fremde – auf meinem privaten Grundstück beigesetzt wird. Rheinland-Pfalz geht einen Schritt weiter und erlaubt jetzt auch Flussbestattungen. Die Aufregung darüber ist unnötig groß. In der Schweiz und in den Niederlanden gibt es keine Friedhofspflicht für Urnen. Trotzdem kommt das Gros der Urnen an einen institutionellen Ort. Der Zeitraum dahin ist nur länger. Man kann sich noch ein halbes Jahr nehmen, bis man die Urne der Mutter beisetzt. Was mir auch gefällt: Je mehr Alternativen es zum Friedhof gibt, desto attraktiver muss der dann werden.

Frage: Bestatten ist ein Handwerk. Was für Geräte und Werkzeuge möchte man in Ihrem Beruf gerne haben?

Antwort: Das Praktischste unter der Sonne sind Schaufeltragen. Die kann ich über dem Toten in der Mitte aufklappen wie eine Baggerschaufel, um ihn ohne großes Rumruckeln anzuheben. Und unter uns: Einen Kran finde ich auch nicht schlecht.

Frage: Für Tote mit Übergewicht?

Antwort: Ein Sarg wiegt zwischen 30 und 70 Kilo, und wenn der Mensch dann noch mal 150 Kilo mitbringt, wird es zum Problem, gerade bei uns, wo viele Frauen im Team arbeiten. Ein Kran schont den Rücken.

Frage: Gibt es Fachvokabular, das nur Bestatter verstehen?

Antwort: Natürlich, und ich vermeide es auch, weil es für Distanz sorgt. Der korrekte Begriff einer „hygienischen Totenversorgung“ klingt für Angehörige zum Beispiel, als wäre ihr Verstorbener unsauber. Dabei meint das Wort nur das Waschen und Versorgen des Toten. Dazu gehört auch, eine „Ligatur“ zu legen. Das meint das Zusammennähen von Unter- und Oberkiefer, damit die Lippen aufeinander bleiben.

Frage: Ist das Standard?

Antwort: Wir machen es nur, wenn jemand es möchte. Mein Rat wäre aber immer: Ich mache mit deiner Oma nur Dinge, die ich auch mit jemand Lebendem machen würde. Früher legte man Münzen auf die Augen und band das Kinn hoch. Auch dann öffnen sich die Augen und der Mund nicht mehr. Und wenn man es vor der Leichenstarre macht, bleibt der Körper in der Regel auch so.

Frage: Auf dem Land war es früher üblich, Tote im Haus aufzubahren. Macht man das noch?

Antwort: Häufiger, als Sie vielleicht denken. Für viele ist das eine vertraute Tradition. Gleichzeitig denken viele, dass das in der Stadt nicht mehr möglich ist – weil die Oma vielleicht im Heim gestorben ist. In einer gewissen Frist darf ich sie aber nach Hause bringen. Eine Ausnahme, die vielleicht komisch klingt: Es darf keinen Umweg über unsere Aufbahrung geben. Wer einmal in der Kühlkette ist, bleibt in der Kühlkette. Natürlich gibt es auch für den Abschied zu Hause Fristen. Aber in Deutschland ist jede Frist verlängerbar, wenn es begründbar ist. Vielleicht erinnern Sie sich an die Trauerfeier für Helmut Kohl. Der soll viel länger als die üblichen 36 Stunden in seinem Oggersheimer Haus aufgebahrt worden sein. Und das, obwohl er im Sommer gestorben war. In so einem Fall wird der Körper dann einfach von unten gekühlt.

Ähnliche Artikel