Klimaschutz  Weg frei für die CO2-Verpressung am Grund der Nordsee

| | 10.11.2025 08:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Dampf und Abgase kommen aus einem Schornstein einer Fabrik: Um die Klimaziele zu erreichen, ermöglicht Deutschland die CO2-Speicherung im Meer. Foto: Patrick Pleul/dpa
Dampf und Abgase kommen aus einem Schornstein einer Fabrik: Um die Klimaziele zu erreichen, ermöglicht Deutschland die CO2-Speicherung im Meer. Foto: Patrick Pleul/dpa
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Deutschland bereitet die Speicherung von Kohlendioxid im Meeresboden der Nordsee vor. Welche Chancen, Risiken und Kontroversen hat das Vorhaben?

Nordsee - Seit mehr als zwei Jahrzehnten verpresst Norwegen bereits große Mengen Kohlendioxid im Meeresgrund der Nordsee. Auch in den Niederlanden, in Dänemark und Großbritannien sind kommerzielle Projekte zur CO2-Speicherung in der Nordsee in Planung. Und in Deutschland laufen aktuell ebenfalls Vorbereitungen, um in Zukunft im industriellen Maßstab das Klimagas auf See zu speichern. Der Bundestag hat am 6. November zwei Gesetze verabschiedet, die die rechtliche Voraussetzung für die CO2-Verpressung in der Nordsee schaffen.

Wo darf künftig CO2 verpresst werden?

Darin enthalten sind verbindliche ökologische Kriterien: Zum einen beschränkt das Gesetz Vorhaben der CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage/Kohlenstoffabscheidung und -speicherung) grundsätzlich auf das Gebiet des Festlandsockels und der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ). Dabei bleibt der Bereich des Küstenmeeres außen vor. Bei einer geologischen Speicherung sind außerdem „weitreichende Vorkehrungen zugunsten des Meeresumweltschutzes“ vorgesehen. So ist beispielsweise eine Speicherung von CO2 in Meeresschutzgebieten grundsätzlich nicht zugelassen.

Das sogenannte Küstenmeer entspricht der 12-Seemeilen-Zone. Es ist deutsches Hoheitsgebiet und unterliegt der Zuständigkeit des jeweils angrenzenden Bundeslandes. Seewärts der 12-Seemeilen-Grenze bis maximal 200 Seemeilen Entfernung zur Küste liegt die ausschließliche Wirtschaftszone. Die deutsche AWZ in der Nordsee ist weitgehend mit dem sogenannten deutschen Festlandsockel identisch, heißt es bei der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. Den Festlandsockel bildet der seewärts des Küstenmeeres gelegene Meeresboden und Meeresuntergrund der Unterwassergebiete bis zu einer Ausdehnung von maximal 200 Seemeilen.

Im Herbst 2017 untersuchte das Forschungsschiff "Poseidon" im Rahmen eines CCS-Projekts Gasaustritte vor Norwegen in der nördlichen Nordsee. Stürmisches Wetter erschwerte die Arbeit. Peter Linke/Geomar
Im Herbst 2017 untersuchte das Forschungsschiff "Poseidon" im Rahmen eines CCS-Projekts Gasaustritte vor Norwegen in der nördlichen Nordsee. Stürmisches Wetter erschwerte die Arbeit. Peter Linke/Geomar

Warum überhaupt CO2-Speicherung im Meer?

Um die Klimaziele zu erreichen und die Erderwärmung zu bremsen, müssten nach aktuellen Berechnungen bis zum Jahr 2100 zwischen 350 und 780 Milliarden Tonnen Kohlendioxid aus der Atmosphäre entnommen werden. Carbon Capture and Storage (CCS) wurde entwickelt, um das an großen Quellen, wie zum Beispiel an Kohle- oder Erdgaskraftwerken, frei werdende Kohlendioxid abzufangen, bevor es in die Atmosphäre gelangt. Um das klimaschädliche Gas zu neutralisieren, muss es dauerhaft gespeichert werden – zum Beispiel tief im Untergrund in Gesteinsformationen. Unter der Nordsee existieren ebenfalls Gesteinsformationen, in denen sich vermutlich große Mengen Kohlendioxid speichern ließen.

Wie und wo das geschehen kann, erforscht seit mehreren Jahren die Forschungsmission CDRmare der Deutschen Allianz Meeresforschung (DAM) unter dem Titel „Marine Kohlenstoffspeicher als Weg zur Dekarbonisierung“. Der Allianz gehört unter anderen das Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel an.

Wie funktioniert die CO2-Speicherung im Meer?

Für die Speicherung im tiefen Meeresuntergrund wird flüssiges Kohlendioxid via Schiff oder durch eine Pipeline in das Meeresgebiet transportiert und durch eine oder mehrere Bohrungen in tiefliegende poröse Sandsteinformationen gepresst. Dort breitet sich das Kohlendioxid in den Poren aus. Mit der Zeit löst sich das Kohlendioxid im Formationswasser, also dem Wasser in den Gesteinsporen. Dabei reagiert das CO2 mit Mineralen, die im umliegenden Sandstein enthalten sind. So bilden sich Minerale (Karbonate), in denen das Kohlendioxid auf Dauer fest gebunden ist. Bis dahin können jedoch einige Jahrtausende vergehen, erklären die Forscher von CDRmare (https://cdrmare.de/).

Welche Risiken sehen die Meereswissenschaftler?

Die Nordsee biete gute geologische Voraussetzungen für eine Kohlendioxid-Speicherung, so die Forscher von CDRmare. Ihre geringe Wassertiefe erleichtere zudem die Installation der notwendigen technischen Anlagen. Schätzungen zufolge ließen sich im tiefen Untergrund der gesamten Nordsee etwa 150 Milliarden Tonnen Kohlendioxid einlagern.

Die Insel Helgoland besteht aus Sandsteinformationen, wie Geologen sie auch in großer Tiefe unter dem Meeresboden der Nordsee finden und als Speicher für abgeschiedenes Kohlendioxid vorschlagen. Foto: Melanie Hanz
Die Insel Helgoland besteht aus Sandsteinformationen, wie Geologen sie auch in großer Tiefe unter dem Meeresboden der Nordsee finden und als Speicher für abgeschiedenes Kohlendioxid vorschlagen. Foto: Melanie Hanz

Die Risiken des Verfahrens für Mensch und Umwelt sind dabei weitgehend bekannt. Zu ihnen zählen das ungewollte Entweichen des eingelagerten Kohlendioxids aus dem Speichergestein (Leckagen) und die daraus folgende Versauerung bodennaher Wassermassen. Hinzu kommt laut CDRmare die Belastung der Meeresumwelt durch sehr salziges Formationswasser sowie durch Schwermetalle und andere für die Umwelt schädliche Stoffe, die bei einer Kohlendioxid-Injektion aus dem Speichergestein verdrängt werden. Es könnte seismische Erschütterungen in der Tiefe geben, die die Funktionalität und Standfestigkeit der Speicherinfrastruktur gefährden. Und die Meeresbewohner sind erheblichem Lärm ausgesetzt - bei der Suche nach geeigneten Speicherstrukturen, beim Bau der Anlagen und auch bei der notwendigen langfristigen Überwachung der Kohlendioxid-Speicher. Notwendig seien zudem Strategien zum Umgang mit möglichen Konflikten mit anderen Nutzungsformen der Nordsee wie der Offshore-Windkraft.

Was sagen die Kritiker?

Die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste (SDN) kritisiert die geplante CO2-Verpressung unter dem Nordseegrund „als eine irrtümliche Lösung zum Klimaschutz“: Mit der Umsetzung von CCS gebe es künftig weniger Anreize zur Emissionsvermeidung. Die Schutzgemeinschaft, die sich als Sprachrohr der Städte und Gemeinden an der Küste versteht, sieht als einzig richtigen Weg „ein gesetzliches Komplettverbot von CCS in Deutschland“. Sie fordert „eine konsequente Fokussierung auf Emissionsvermeidung statt Speicherung und eine verbindliche Beteiligung der Küstenländer an allen Entscheidungen zur Nordsee-Nutzung“.

Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) mit Sitz in Bonn spricht von CCS als „eine erhebliche Gefahr für die menschliche Gesundheit, die natürlichen Lebensgrundlagen und das Klima“. Die Einlagerung von CO2 als Beitrag zum Klimaschutz sei ein Etikettenschwindel, denn die Technologie verlängere das fossile Zeitalter weiter. „So soll die Technik auch für Gaskraftwerke Anwendung finden, die dann in Konkurrenz zu erneuerbaren, CO2-freien Energien stehen“, kritisiert der Verband.

Was sagt die Politik?

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) sagte, CCS könne einen zusätzlichen Beitrag für den Klimaschutz leisten, sei aber kein Allheilmittel. Vorrang habe weiter die Vermeidung von Treibhausgasen. „Allerdings wird es in Teilen der Industrie auch künftig unvermeidbare, prozessbedingte CO2-Emissionen geben“, sagte Schneider. Dafür könne CCS eine Lösung sein, „wenn dabei höchste ökologische Schutz- und Sicherheitsstandards gelten“.

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Anne Janssen (Wittmund), Vorsitzende des Arbeitskreis Küste der CDU/CSU-Fraktion, sieht in CCS Chancen: „Für unsere Region als bestehende Energiedrehscheibe ist das eine echte Zukunftschance. Mit CO2-Infrastruktur, Offshore-Speicherung und der Verzahnung mit Wasserstoff können Wertschöpfung, gute Arbeitsplätze und Versorgungssicherheit an der Küste wachsen“, teilte sie mit.

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