Osnabrück  Siebte Bombenräumung 2025: Wieder ein Sonntag ohne Zuhause für Tausende Osnabrücker

Karin C. Punghorst
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Von Karin C. Punghorst
| 09.11.2025 17:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mehr als 14.000 Menschen mussten am Sonntag, 9. November 2025, erneut ihre Wohnungen verlassen. Foto: Tobias Saalschmidt
Mehr als 14.000 Menschen mussten am Sonntag, 9. November 2025, erneut ihre Wohnungen verlassen. Foto: Tobias Saalschmidt
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Für viele Osnabrücker war es kein normaler Sonntag. Frühmorgens mussten 14.250 Menschen ihre Wohnungen verlassen – Bombenräumung im Lokviertel. Der Tag wurde noch anstrengender, weil immer wieder Menschen das Sperrgebiet betraten.

Es bleibt bei aller Routine eine Ausnahmesituation: Rund 14.250 Menschen mussten am Sonntag ihr Zuhause verlassen. Den Grund kennen die Osnabrücker: Bombenräumung. Vier Verdachtspunkte hatte der Kampfmittelräumdienst aus Hannover bei seinem siebten Einsatz in diesem Jahr auf dem Areal des zukünftigen Lokviertels ins Visier genommen.

Es sollte wieder ein langer Tag werden, mit guten Momenten und nervigen Situationen, nicht zuletzt, weil die Arbeit der Sprengmeister immer wieder unterbrochen werden musste. Immer wieder gingen Leute in das Sperrgebiet. Und so brauchten alle viel Ausdauer – egal ob sie am Sonntag hauptberuflich oder ehrenamtlich im Einsatz waren.

Geduld mitbringen mussten auch die Betroffenen. Frühmorgens, bis 7 Uhr, mussten sie ihr Zuhause verlassen haben. Wohlgemerkt, und man kann es nicht oft genug sagen, aus Sicherheitsgründen. Das Risiko, dass etwas passieren kann, wenn die Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg untauglich gemacht werden, ist bei jeder Bombenräumung vorhanden.

Spaß macht das wohl niemandem, den Menschen ihren gewohnten Sonntag zu nehmen. Aber es ist notwendig. Und so kam auch die 71-jährige Anita in die Gesamtschule Schinkel. Der rüstigen Seniorin sieht man ihr Alter nicht an. Sie sitzt im Rollstuhl. Große Menschenansammlungen sind nicht so ihr Ding: „Ich hatte panische Angst, dass ich mit vielen Leuten in einem Raum sein muss, das hätte ich nicht ausgehalten.“

Die vielen Helfer hatten ein Auge auf sie und kümmerten sich. Sie bekam einen Platz etwas abseits vom Gewusel. „Hier kann ich mich wohlfühlen“, bedankte sie sich immer wieder.

Indes hieß es um 11:59 Uhr „Sicherheit“. Das Evakuierungsgebiet war geräumt. Das war ein gutes Zeichen, die Sprengmeister konnten mit ihrer Arbeit beginnen. Aber nicht für lange. Immer wieder mussten sie unterbrechen. Sobald Menschen in die abgesperrte Sicherheitszone eindringen, wird gestoppt. Aus Sicherheitsgründen. Und so kam es im Laufe des Tages immer wieder zu unnötigen Verzögerungen.

Und ja, einige Menschen, die sich unerlaubterweise in der Sperrzone befanden, wussten einfach nicht Bescheid. Das kann trotz aller Informationen passieren. Es kam am Sonntag aber auch vor, dass sich Bewohner verweigerten und ihre Wohnung nicht verlassen wollten. Einer von ihnen hat das Ganze mit einem Youtube-Stream ins Internet posaunt. Der junge Mann muss mit einem Bußgeldverfahren rechnen.

Gegen Mittag hatten die Sprengmeister den ersten Verdachtspunkt identifiziert: eine amerikanische 100-Pfund-Bombe mit Aufschlagzünder im Heck. Wenig später kam die Meldung, dass auch an der zweiten Stelle, etwas gefunden wurde – eine deutsche Granate.

Stadtsprecher Constantin Binder erklärte am Nachmittag auf Nachfrage das Prozedere: „Es werden erst alle Verdachtspunkte untersucht. Dann beginnt die Entschärfung. Wenn das nicht möglich ist, gibt es am Ende eine kontrollierte Sprengung.“ Das war um 15:30 Uhr, und er ergänzte: „Wir haben jetzt schon eine Stunde Verzögerung, weil die Menschen immer wieder ins Sperrgebiet gehen.“

Also erstmal wieder Warten. Umso gut, dass es für die Menschen im Evakuierungszentrum, Angebote zum Mitmachen gab – vom Spieltreff für Kinder, über Rikschafahrten bis zu Informationen für Senioren. Über 850 Personen waren nach Angaben der Stadt in der Gesamtschule Schinkel. Beatrix Schroeder, selbst Lehrerin an der Gesamtschule Schinkel, koordinierte das Programm. Sie war, wie auch bei vorherigen Evakuierungen, „die gute Seele“, und für jeden immer ansprechbar.

Um 16 Uhr waren auch die beiden weiteren Verdachtspunkte identifiziert: Eine amerikanische 1000-Pfund-Bombe vom Typ SAP 1000 mit Heckaufschlagzünder und eine amerikanische 500-Pfund-Bombe mit Aufschlagzünder am Kopf. 

Es wurde wieder dunkel, die Dämmerung brach an. 17:30 Uhr und es kam die Meldung: Erste Bombe entschärft. Zehn Stunden waren die Menschen mittlerweile ohne Zuhause. Und für die Einsatzkräfte hatte der Tag noch eher angefangen. Sie waren dabei und gaben ihr Bestes, dass der Tag ein gutes Ende nehmen würde.

Doch das dauerte. Immer wieder gelangten Störer ins Evakuierungsgebiet. Die Sprengmeister meldeten sich am Abend zu Wort: „Wir hätten deutlich früher fertig sein können, wenn unsere Arbeit nicht so oft unterbrochen worden wäre.“ Das sei an diesem Novembertag extrem ärgerlich gewesen – und habe die Arbeit an den Blindgängern deutlich gefährlicher gemacht.

Irgendwann stand jedenfalls fest: Granate und 500-Pfund-Bombe müssen gesprengt werden. Direkt aufeinander waren um 22.26 Uhr zwei Explosionen im Lokviertel zu hören. Alle Blindgänger waren unschädlich gemacht worden.

Für die Betroffenen ein schwacher Trost. Schon am 8. Februar soll es die nächste Maßnahme im Lokviertel geben. Denn noch sind dort längst nicht alle Blindgänger gefunden und entschärft.

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