Osnabrück Wie ein Flüchtling „Danke“ sagt: Einsatz im Osnabrücker Evakuierungszentrum
Brote schmieren, Kaffee kochen, Mut machen: Der 38-jährige Mohammad Afrough hilft bei den Bombenräumungen in Osnabrück im Evakuierungszentrum. Ehrenamtlich. Warum er sich einbringt, ist genauso bewegend wie seine eigene Fluchtgeschichte.
Im Evakuierungszentrum ist Mohammad Afrough oft einer der ersten freiwilligen Helfer. Und er geht erst, wenn alles überstanden ist. Im Gespräch mit unserer Redaktion wird klar, warum er sich engagiert: Er will sich bedanken für die Hilfe, die er in Deutschland erfahren hat. Die Motivation dahinter ist ebenso bemerkenswert wie sein Einsatz selbst.
Bombenräumungen sind kräftezehrend. Wenn sich die Maßnahmen unnötig in die Länge ziehen – wie zuletzt in Osnabrück, weil Unbefugte immer wieder in die Sperrzone rund um das Lokviertel liefen – bedeutet das zusätzlichen Stress. Leidtragende sind die Anwohner, die pünktlich ihr Zuhause verlassen haben und im Evakuierungszentrum Aufnahme, man kann auch sagen, Asyl finden.
Die Verzögerungen sind zudem für alle belastend, die arbeiten müssen: Kampfmittelräumdienst, Polizei, Mitarbeiter der Stadtverwaltung und viele mehr. Hart getroffen sind auch die vielen ehrenamtlichen Helfer, denn für sie beginnt die normale Arbeit am Tag danach wie gewohnt, egal wie lange sie am Sonntag freiwillig im Einsatz waren.
Um sie soll es hier gehen. Vielmehr um einen von ihnen, stellvertretend für alle, die am kommenden Sonntag, 9. November, wieder einmal dafür sorgen, dass Bombenräumung und Evakuierung in Osnabrück funktionieren.
Mohammad Afrough heißt der 38-jährige Helfer. In seinem dunkelblauen Pullover mit dem kleinen DRK-Logo wird er etlichen im Evakuierungszentrum bei den vergangenen Bombenräumungen schon begegnet sein.
„Ich habe in den vergangenen Jahren um die 20 Evakuierungen mitgemacht.“ Buch geführt hat er über seine Einsätze nicht, aber einige „dauern schon mal 20 Stunden und auch länger. Wir müssen ja auch vorbereiten, und, nachdem alle wieder nach Hause können, aufräumen.“
Afrough ist vornehmlich in der Schnelleinsatzgruppe (SEG) „Verpflegung“. Er schmiert Brote, kocht Heißwürstchen und Kaffee. An der Essensausgabe in der Mensa hat er den Überblick und sorgt dafür, dass alle drankommen. Er hilft bei der Anmeldung, wenn die Menschen im Evakuierungszentrum eintreffen. Afrough kann Persisch, Türkisch und Deutsch. Seine Muttersprache ist Aserbaidschanisch. „Da kann ich auch mal übersetzen, wenn etwas nicht verstanden wird.“
„Mohammad ist ein absoluter Allrounder“, sagt Philip Hergt vom Deutschen Roten Kreuz Osnabrück (DRK) und Einsatzleiter für das Evakuierungszentrum. „Ich bin sehr froh, dass er bei uns ist.“
Afrough ist im Frühjahr 2018 nach Deutschland gekommen. Von der Asylbewerberunterkunft in Bramsche-Hesepe ging es nach Osnabrück. Arbeiten durfte er noch nicht. „Ich brauchte aber eine Beschäftigung. Den ganzen Tag nichts tun, das kann ich nicht.“
Bei der Freiwilligen Agentur hat er sich nach Möglichkeiten erkundigt und so kam die Sache mit dem DRK und der Hilfe bei den Evakuierungen ins Rollen.
„Zu Beginn konnte ich nur ‚Hallo‘ und ‚Wie gehts?‘ auf Deutsch“, sagt er. Anfänge, die ausdrücken, dass Afrough Mut und Überwindung mitbringen musste, sich aktiv in die gewachsene Gemeinschaft des DRK einzubringen. Sprachbarrieren zu überwinden, kann schwer sein. Sein Ziel, „Deutsch zu lernen und Kontakte zu knüpfen“, hat geklappt. Mit Ralf Gretzmann, Leiter der SEG Verpflegung, hat sich eine Freundschaft entwickelt.
Und dann sagt er im Gespräch mit der Redaktion fast nebenbei: „Als Flüchtling bekomme ich auch finanzielle Unterstützung. Bei den Evakuierugen kann ich davon etwas zurückgeben und Danke sagen.“
Dabei zeigt das Engagement von Afrough, dass es ihm um weitaus mehr geht als bloße Rhetorik: Er packt mit an, bringt sich ein, schaut nicht auf die Uhr. So hilft er, dass die oft langwierigen Evakuierungen für die Betroffenen erträglicher und Osnabrück am Ende, wenn die Blindgänger entschärft sind, ein Stück sicherer wird. Das ist sein Beitrag.
Aus seiner Heimat ist er aus religiösen Gründen geflohen. Als zum Christentum konvertierter Muslim gilt er im Iran als vom Islam Abgefallener, die von den Mullahs verfolgt werden und Repressialien ausgesetzt sind.
Sein Aufenthaltsstatus in Deutschland ist indes noch nicht endgültig geklärt. Erstmal kann er bis 2027 in Deutschland sein. Für Afrough steht fest: „Ich will hier bleiben. Unser Regime im Iran ist wie die Taliban.“
Afrough hat im Iran Geologie studiert. Den akademischen Abschluss hat er in der Tasche, aber das ist lange her. Jetzt macht er eine Weiterbildung zum Lkw-Fahrer und den Führerschein. Statt sonntags zur Kirche zu gehen, büffelt er für die Prüfung. „Das sind über 5000 Fragen“, sagt Afrough und runzelt die Stirn, „ganz schön schwer“.
Nächsten Sonntag wird er nicht zum Lernen kommen. Da arbeitet er ehrenamtlich im Evakuierungszentrum – bis zum Schluss, ganz egal wie lange es dauern wird.