Osnabrück  Kunst aus dem Hochgebirge: Eine Reise zu Giacomettis Orten der Inspiration

Stefan Lüddemann
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Von Stefan Lüddemann
| 26.10.2025 10:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Alberto Giacometti am Diavolezza vor dem Piz Palü, 1961 Foto: Isaku Yanaihara, 1961, Archives Fondation Giacometti, Paris
Alberto Giacometti am Diavolezza vor dem Piz Palü, 1961 Foto: Isaku Yanaihara, 1961, Archives Fondation Giacometti, Paris
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Das Interesse an seinen kargen Figuren von einsamen Menschen nimmt gerade wieder zu: Eine Reise zu den Orten des Bildhauers Alberto Giacometti im Schweizer Kanton Graubünden.

Alberto Giacometti hat es nicht weit bis zu seinem Atelier. Er geht aus der Tür seines Hauses, wendet sich kurz um eine Ecke, tritt zum Atelier herein, einem Häuschen aus groben Holzbalken. Vor der Staffelei sitzt er auf einem schartigen Schemel. Auf dem Boden lauter Farbspritzer. Für einen schnellen Kaffee geht er in die Post gleich gegenüber. Dahinter rauscht hell der Gebirgsbach. Sein klares Wasser schnellt über ein Bett aus Kieseln gurgelnd dahin.

Heute weist Marco Giacometti den täglichen Weg des Künstlers. „Meine Großmutter war eine Cousine des Bildhauers“, erzählt der pensionierte Lehrer, der Lebensspuren jenes Bildhauers aufzeichnet, der mit seinen fadendünnen Skulpturen eine ganze Ära prägte. Diese Skulpturen ragen so schroff und schartig auf, so kantig und karg wie die Felswände zwischen denen Alberto Giacometti aufwächst. Aus dieser entlegenen Gegend der Welt kommt große Kunst oder gar keine.

„Alberto Giacometti liebte die Welt die Berge. Er war kein Bergsteiger, wohl aber ein passionierter Bergwanderer“, erzählt heute Marco Giacometti über seinen berühmten Vorfahren, den 1966 verstorbenen Künstler, der als Bildhauer eine Jahrhundertgestalt war. Sein Nachfahre hat den Kopf voller Geschichten und eine Mappe voller Bilder. Immer wieder zieht er eine Zeichnung hervor und hält sie vergleichend in Richtung eines der steil aufragenden Gebirgsgrate, vor dessen scharf gezogener Silhouette weiße Wolkenfetzen ziehen.

Oder ein Foto. Aufnahmen zum Beispiel, die Alberto Giacometti beim Zeichnen zeigen oder beim Modellieren. Seine Frau Annette ist ganz in der Nähe, entweder als Zuschauerin, die mit dem Künstler in Richtung der Berge blickt, oder als Modell, das gerade und reglos auf einem Schemel sitzt, während Alberto Giacometti ihre klaren Gesichtskonturen auf dem Papier in ein System vergitterter Linien übersetzt. Welcher Künstler der Moderne hat ähnlich rigoros wie Alberto Giacometti der Frage nachgeforscht, was der Mensch eigentlich ist? Eine schnelle Antwort fällt niemandem ein.

Heute drängen sich Besuchergruppen im Atelier Alberto Giacomettis, stehen auf jener kleinen Wiese herum, auf der Giacometti auf einem Stuhl saß und zeichnete. Was bleibt von einem Ort der Kreativität? An einer Wand des Ateliers sind drei jener schmalen Menschenschemen zu sehen, wie Alberto Giacometti sie gezeichnet hat, Kunstwerke und zugleich Signets eines künstlerischen Werkes, das in der Moderne längst zu den klassischen Positionen gehört. Alberto Giacometti (1901-1966) gehört der großen Welt der Kunst. Und der kleinen Welt eines engen Bergtals.

Das Pariser Montparnasse und das Schweizer Bergell, der Kreuzungspunkt der Avantgarden und das enge Tal zwischen grau ragenden Felswänden: Alberto Giacometti pendelt seit dem Beginn der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zwischen den Gegensätzen, zwischen Cafés, in denen er Pablo Picasso und Ernest Hemingway begegnet, und jenem Spalt in der Schweizer Bergwelt, in der die Zeit zu stehen scheint. Sein Vater Giovanni Giacometti (1868-1933) ist bereits ein arrivierter Maler, der mit Cuno Amiet und Giovanni Segantini im engen Kontakt steht. Die Schweizer Kunstszene jener Zeit ist überschaubar, wie jene Welt der Bergdörfer Stampa und Borgonovo im Kanton Graubünden, wo Vater und Sohn Giacometti zur Welt kommen. Provinziell geht es dennoch nicht zu. Der Vater ermutigt den jungen Alberto, es mit der Kunst zu versuchen. Auch der Bruder Diego wird später Designer und Künstler.

Marco Giacometti verweist auf die vielen Wege, die damals aus der Enge der Bergwelt herausführen. „Viele Leute aus dieser Gegend gingen nach Wien oder Mailand, eröffneten dort Kaffeehäuser oder arbeiteten als Barista an der Espressobar“, erzählt Marco Giacometti. Vermeintlich verschlossene Leute aus den Bergen als weltoffene Arbeitsmigranten: Alberto Giacomettis Pendelweg zwischen Paris und dem Bergell, zwischen reicher Kapitale und armem Bergdorf, markiert in seiner Heimat keine Ausnahme, sondern eingeübte Normalität.

Aber auch im Paris der Goldenen Zwanziger, zwischen Jazz und Lichtreklame bleibt Alberto Giacometti ein verschlossener Außenseiter, der sich in den Cafés herumtreibt, sich dann aber auch wieder in sein winziges Atelier im Viertel Montparnasse zurückzieht. Es ähnelt jener Berghöhle, in der er sich als Kind versteckte. Während sich draußen die Partys jagen, zeichnet Giacometti wochenlang an nichts anderem als einem Kopf. Er wolle herausfinden, was das sei, ein Kopf, sagt Giacometti und erntet dafür: Kopfschütteln.

„Mein Atelier sieht aus wie nach einem Bergsturz“, zitiert Marco Giacometti seinen berühmten Vorfahren, der die Anregungen für seine Weltkunst in der Abgeschiedenheit einsamer Berggegenden findet. Marco Giacometti weist den Weg zu einer Waldlichtung, auf der Fichten wie Pfeile gen Himmel aufschießen. Über Steine und Baumwurzeln geht es den Hang hinauf, der Felswand entgegen. Wirken die Nadelbäume nicht wie hauchfeine Schemen von Menschen, die einsam nebeneinander auf einer leeren Piazza versammelt sind? Giacometti steht hier einst allein mitten im Wald. Später stellt er seine nadelfeinen Bronzefiguren auf eine Metallplatte, gruppiert sie zu einer Versammlung der Einsamen.

„Das also ist das Modell: der Mensch. (...) Er besitzt noch nicht den Prunk und die äußeren Würden, die die den Bildhauer der Zukunft anziehen werden. Er ist lediglich eine lange, undeutliche Silhouette, die sich am Horizont bewegt“. Mit diesen Sätzen, die der Philosoph Jean-Paul Sartre 1948 über Alberto Giacometti schreibt, avanciert der Außenseiter aus dem Schweizer Bergtal in der Nachkriegszeit zur Symbolfigur eines ganzen Lebensgefühls. Der Existenzialismus prägt eine Ära, zu der die Chansonsängerin Juliette Greco ebenso gehören wie die Feministin Simone de Beauvoir, Sartres Lebensgefährtin, oder der Literaturnobelpreisträger Albert Camus. Die Einsamkeit des Menschen nach der Katastrophe des Krieges, seine Isolation im Industriezeitalter – diesen Themen verleiht Giacometti scheinbar perfekten künstlerischen Ausdruck.

Beim ideellen Wert seiner Kunst bleibt es nicht. Seit seine Skulptur „Zeigender Mann“ 2015 in New York für 141 Millionen Dollar versteigert worden ist, gilt Giacometti auf dem Kunstmarkt als der teuerste Bildhauer der Moderne. Der Mann ist ein Maßstab, an dessen nadeldürren Menschenfiguren in der Kunstwelt absolut kein Weg vorbeiführt. Entsprechend begehrt sind seine Kunstwerke für Ausstellungen. Die Kuratorin Eva Fischer-Hausdorf von der Bremer Kunsthalle erfährt das gerade. Sie richtet eine Schau mit kostbaren Figuren Giacomettis ein. „Das Maß der Welt“: So heißt die Kunstschau, die bis zum 15. Februar 2026 in Bremen zu sehen sein soll.

„Das ist die letzte Gelegenheit, Alberto Giacometti noch einmal groß auszustellen“, sagt Fischer-Hausdorf, die die Ausstellungsexponate von der Giacometti-Stiftung in Paris entleiht. Schon im nächsten Jahr wird sich die Situation ändern. Die Stiftung wird im ehemaligen Bahnhof Invalides unweit der Pariser Place de la Concorde ein eigenes Museum eröffnen. Die kostbaren Skulpturen Giacomettis werden dann kaum noch zu entleihen sein. Für die Bremer Kunsthalle entwirft Fischer-Hausdorf eine fein austarierte Raumfolge, die Alberto Giacomettis Kunst in ihrer ganzen Unmittelbarkeit zeigen. „Die Lichtung“, eine Versammlung von neun Figuren auf einer Bronzeplatte, die Giacometti 1950 schuf, bildet das Herzstück der Schau.

Wer vor diesem Werk im Museumsraum steht, darf seine Gedanken nach Borgonovo schweifen lassen, in ein Dorf in den Schweizer Bergen. Die Bilder, die der Künstler in seine Plastiken umsetzt, empfängt er dort – als Junge, der allein auf einsamen Lichtungen steht oder die steilen Felsflanken hinaufsieht. Sie sind seine Welt. „Alberto Giacometti trug diese Erinnerungen tief in sich“, sagt sein Nachfahre Marco und ergänzt: „Erst viel später kommen sie wieder zum Vorschein – als große Kunstwerke“.

(Diese Reportage wurde ermöglicht durch eine Pressereise der Kunsthalle Bremen, unterstützt von Schweizer Tourismus-Verbänden, nach St. Moritz, Stampa und Borgonovo).

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