Kritik am Bundeskanzler  Auricher reagieren auf Stadtbild-Äußerung von Friedrich Merz

Pia Pentzlin
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Von Pia Pentzlin
| 21.10.2025 19:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Zahlreiche Demonstranten versammeln sich auf dem Pariser Platz in Berlin, um gegen die Migrationspolitik der Bundesregierung zu demonstrieren. Das Motto lautet „Wir sind das Stadtbild!“ Foto: Annette Riedl/dpa
Zahlreiche Demonstranten versammeln sich auf dem Pariser Platz in Berlin, um gegen die Migrationspolitik der Bundesregierung zu demonstrieren. Das Motto lautet „Wir sind das Stadtbild!“ Foto: Annette Riedl/dpa
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Mit der Äußerung, Deutschland habe ein Problem im Stadtbild, sorgt Friedrich Merz für Kritik. Auch in Aurich halten Menschen mit Einwanderungsgeschichte dagegen. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Aurich - „Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem [...]“ Mit dieser Äußerung sorgt Bundeskanzler Friedrich Merz seit vergangener Woche im ganzen Land für Diskussionen. Mit dem Problem im Stadtbild meinte der Kanzler nicht fehlende Grünflächen oder leerstehende Geschäfte, sondern Menschen – im Zusammenhang mit der Migrationspolitik. Trotz eines Rückgangs der Asylanträge um rund 60 Prozent zwischen August 2024 und August 2025 sieht Merz ein Problem und fordert verstärkte Rückführungen.

Bundesweit gibt es daran Kritik: Der Kanzler stelle Menschen mit Einwanderungsgeschichte pauschal als Problem dar. Diese Redaktion hat sich in Aurich umgehört und wollte von betroffenen Personen wissen, wie sie die Aussage des Bundeskanzlers einordnen.

„Wir gehören doch alle dazu“

„Ich kann Ihnen das ganz klar sagen: Ich bin sehr dagegen, was Merz gesagt hat“, sagt ein Auricher gegenüber dieser Zeitung. Seit 2016 lebt der Kurde, geboren in Syrien, in der ostfriesischen Stadt. Er möchte anonym bleiben. Deutschland empfinde er als ein vielfältiges Land. „Wir gehören doch alle dazu“, sagt der Mann. Die Aussage von Bundeskanzler Merz stuft er als einseitig ein. Sie habe mit seiner Lebensrealität wenig zu tun. „Ich bin seit 2016 hier in Aurich und habe nie etwas Negatives erlebt und ich habe viel Kontakt mit Kunden. Es gibt viele positive Geschichten zu erzählen“, sagt der gebürtige Syrer. Wenn immer nur über negative Punkte in der Migrationspolitik gesprochen werde, sei es kein Wunder, dass viele Menschen auch negativ darüber denken.

Der Auricher nennt ein alltägliches Beispiel, um seine Einschätzung zu verdeutlichen. „Wenn ich im Supermarkt Brötchen kaufen will, dann gehe ich in den Supermarkt, suche Brötchen, kaufe sie und gehe wieder“, sagt er. Dann schaue man doch nicht rechts und links nach anderen Produkten. Und genauso sei es auch, wenn die Politiker nur negativ über Menschen mit Einwanderungsgeschichte sprechen. Der gebürtige Syrer wünscht sich mehr Geschichten über gelungene Migration. „Ich habe immer in Deutschland gearbeitet und den deutschen Pass bekommt man nicht so leicht. Das ist sehr schwer, man muss sich gut integrieren. Darüber muss doch auch gesprochen werden“, sagt er. Die Welt sei ein großer Ort mit Platz für alle Menschen, das gelte auch für Deutschland: „Hier können doch mehrere Kulturen zusammenleben!“

Bundeskanzler Merz sorgt derzeit mit Äußerungen zur Migrationspolitik für bundesweite Kritik. Foto: Christophe Gateau/dpa
Bundeskanzler Merz sorgt derzeit mit Äußerungen zur Migrationspolitik für bundesweite Kritik. Foto: Christophe Gateau/dpa

„Ich bin seit 20 Jahren hier, ich arbeite fleißig“

Ähnlich äußert sich ein weiterer Auricher auf Anfrage dieser Redaktion. Auch er möchte sich nur anonym äußern. „Ich habe das alles auf Facebook mitgelesen“, sagt der Mann, der gemeinsam mit seiner Familie vor 20 Jahren aus Istanbul nach Deutschland kam. Er habe eine starke Meinung, äußere sich aber selten politisch. Kritik äußert er weniger an der Äußerung von Kanzler Merz, sondern gegenüber dem Union-Fraktionsvorsitzenden. Zum Hintergrund: Jens Spahn äußerte sich nach Kritik der Grünen-Fraktionschefin Katharine Dröge, Merz Aussage sei diskriminierend und unanständig. Spahn verteidigte den Bundeskanzler und entgegnete, dass an den Hauptbahnhöfen und Marktplätzen in Deutschland die Folgen irregulärer Migration zu sehen seien.

„Schauen Sie sich mal an, was Jens Spahn in der Corona-Zeit mit den Masken gemacht hat. So jemand darf Fehler machen und nichts passiert“, sagt der Auricher. „Er sollte auch nicht mehr hier sein, aber sagt jetzt, dass andere Menschen gehen sollen.“ Der gebürtige Istanbuler räumt im Gespräch aber ein, grundsätzlich Verständnis dafür zu haben, dass Menschen abgeschoben werden, die in Deutschland straffällig werden. Er wünsche sich mehr positive Migrationsgeschichten. „Ich bin seit 20 Jahren hier in Aurich, ich arbeite fleißig, man kennt sich hier und wir verstehen uns“, sagt er.

„Es wird alles in einen Topf geworfen“

Kritik an den Worten des Kanzlers kommt auch von Van-Anh Thai von der vietnamesisch-buddhistischen Jugendgemeinde in Aurich. Er selbst ist 1986 aus Vietnam nach Deutschland geflohen. „Für mich ist die aktuelle Debatte ein sehr sensibles Thema“, sagt er. Gerade als Kanzler könne man sich solch eine Aussage nicht erlauben. „Es wird alles in einen Topf geworfen, aber man darf nicht verallgemeinern“, sagt Thai. Davon profitiere am Ende die AfD. Die Partei gilt laut des Bundesverfassungsschutzes als gesichert rechtsextrem.

„Es gibt so viele positive Beispiele von Ausländern, die nach Deutschland kommen und hier Karriere machen“, sagt er. „Wir versuchen, unser Bestes für Deutschland zu leisten.“ Er selbst nimmt wahr, dass das gesellschaftliche Klima sich allgemein verändert und Anfeindungen und Diskriminierungen zunehmen. Trotzdem hat Thai einen Wunsch: „Das aktuelle Thema sollte nicht zu hochkochen, weil die AfD damit auf Höhenflug ist.“

Menschen mit Migrationsgeschichte sind „keine Probleme“

Auch die Migrationsberatung des Deutschen Roten Kreuzes Aurich stuft die neuesten Aussagen von Merz als problematisch ein. Die Aussagen hätten „das Potenzial, Ängste zu schüren und bestehende Vorurteile zu verstärken“, heißt es in einer schriftlichen Antwort auf eine Anfrage dieser Redaktion. Wenn Migration pauschal als Problem bezeichnet wird, werde nicht zwischen den Einzelschicksalen und komplexen Ursachen differenziert. Menschen mit Migrationsgeschichte würden einen erheblichen Beitrag leisten – gesellschaftlich und wirtschaftlich. „Viele von ihnen sind engagierte Nachbar*Innen, Eltern, Beschäftigte oder Auszubildende – „keine ‚Probleme‘.“

Kritik äußern die Mitarbeitenden der Beratungsstelle auch am Begriff „Stadtbild“. Dieser sei irreführend. Er suggeriere eine Idealvorstellung davon, wie öffentliche Räume auszusehen hätten. „Die Herausforderung besteht nicht in der Diversität selbst, sondern in den sozialen Rahmenbedingungen, die Integration entweder fördern oder erschweren“, heißt es. Zum Lösungsvorschlag von Merz, verstärkte Rückführungen durchzuführen, heißt es von der Beratungsstelle, damit werde ein rechtliches Verfahren für politische Symbolik instrumentalisiert. Es entstehe dadurch der Eindruck, dass durch Rückführungen das öffentliche Erscheinungsbild bereinigt werden solle. „Eine Vorstellung, die aus menschenrechtlicher Perspektive sehr kritisch zu bewerten ist“, heißt es von der Beratungsstelle in Aurich.

Union-Fraktionschef Jens Spahn verteidigt die Merz-Aussagen zu Migration im Stadtbild. Foto: Kay Nietfeld/dpa
Union-Fraktionschef Jens Spahn verteidigt die Merz-Aussagen zu Migration im Stadtbild. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Beratungsstelle berichtet von beunruhigten Menschen

Die Mitarbeitenden der Beratungsstelle in Aurich bestätigen außerdem, dass sich in den letzten Monaten vermehrt Menschen unsicher fühlen oder misstrauisch beäugt werden. Besonders beunruhigend sei es, dass sich die Menschen nicht nur von rechtsextremen Strukturen bedroht fühlen, sondern auch durch die Sprache in der Mitte der Gesellschaft verunsichert werden. Wenn Politiker nicht auf Differenzierung in ihrer Sprache achten, würden Menschen mit Migrationsgeschichte kollektiv unter Generalverdacht landen. „Das trägt nicht zur Integration bei – im Gegenteil, es untergräbt Vertrauen, Teilhabe und das Gefühl, in Deutschland willkommen zu sein“, heißt es in der Stellungnahme.

Und während bundesweit Kritik wie diese laut wird und in Städten wie Berlin und München Tausende gegen die migrationspolitischen Aussagen von Merz demonstrieren, verteidigt der Kanzler seine Worte. Auf Nachfrage eines Journalisten am Montag, 21. Oktober 2025, betonte Merz, er habe „gar nichts zurückzunehmen“. Statt seine Aussage nach anhaltender Kritik wegen Diskriminierung zu revidieren oder einfach zu erklären, wolle er sie, ganz im Gegenteil, noch einmal unterstreichen.

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