Tokio Dicksein im Land dünner Menschen: Japan kürt die schönste Plus-Size-Frau
Während in den meisten Industriestaaten Übergewicht schon fast zur Norm gehört, trifft dies auf Japan kaum zu. Umso stärker werden dicke Menschen im Land diskriminiert. Um dem entgegenzuwirken, kürte das Land diese Tage die schönste „Plus-Size-Frau“.
„Bei der Arbeit haben mich die Kollegen schon ‚Yokozuna‘ genannt“, sagt Miyu hinter den Kulissen. So heißen im japanischen Traditionssport Sumo die stärksten Kämpfer, die viele Kilos auf die Waage bringen. Miyu aber ist eine 27-jährige Frau, gekleidet in ein strahlend rotes Kleid, trägerlos mit langem Schleier. Während ihr wegen solcher Hänseleien schon oft zum Weinen zu Mute gewesen ist, kommen ihr auch heute die Tränen – aber aus Freude. „Dieses Event hier ist wirklich schön“, lächelt sie.
Miyu ist eine von rund 20 Frauen, die am Wochenende im Tokioter Viertel Asakusabashi auf einer Bühne standen und sich feiern ließen, für das, was sie sind: Frauen mit Körpern, die deutlich korpulenter sind als in Japan üblich. Aber am Sonntag, als das Event „Today’s Woman“ zum fünften Mal stattfand, war die Hundertschaft an Zuschauern nicht nur die größte, die ein solches bisher gesehen hat. Sie war vermutlich auch die lauteste. Immer wieder wird gejubelt, geklatscht, Konfetti geschossen.
Ein Schönheitswettbewerb für dicke Frauen – was anderswo auf der Welt längst ein Teil von Gesellschaften ist, die sich um Inklusion und Körper-Positivität bemühen, ist in Japan noch etwas Besonderes. Denn das ostasiatische Land fällt immer wieder durch strenge Normen auf, die für alle gelten sollen: Mit 22 Jahren sollte man die Universität abgeschlossen haben und sofort einen festen Job landen, heißt es. Vor 30 sollte man verheiratet sein und Kinder haben. Und: Schlank muss man sein. Vor allem Frauen.
Strenge Körperideale haben Mädchen in Japan über die vergangenen Jahrzehnte nicht nur subtil durch die Werbe- und Unterhaltungsindustrie inhaliert. Auch Magazine für Pubertierende drucken schon mal Idealmaße für alle möglichen Körperteile ab. So empfinden sich gerade Heranwachsende, die mehr als dies auf die Waage bringen, oft als falsch. „Ich habe meinen Körper gehasst, habe dann gehungert, abgenommen, aber dann kam der Domino-Effekt“, sagt eine Teilnehmerin auf der Bühne.
„Aber dieses Event hier hat mir gezeigt, dass man sich trotzdem gut fühlen kann. Dass man schön ist, wie man eben ist!“ Im Publikum steht eine Person nach der anderen auf, klatscht. Bemerkenswert: Hier hören längst nicht nur übergewichtige Personen zu. Dandyhaft gekleidete Personen mit vermeintlichen Idealmaßen sitzen neben Frauen mit in Japan seltener Hautfarbe, daneben Crossdresser und Senioren. Die Frau auf der Bühne reagiert: „Wir alle sind Today’s Woman! Männer, Frauen und alle weiteren!“
Es ist ein Spruch, den zu Beginn der Veranstaltung auch Steven Haynes in den Saal gerufen hat. Der gebürtige US-Amerikaner und ausgebildete Tänzer hat das Event vor fünf Jahren ins Leben gerufen, ist immer wieder den Tränen nahe. „Es ist unglaublich, wie diese Finalistinnen während der monatelangen Vorbereitungen wachsen. Sie fühlen sich plötzlich wohl, auf Highheels zu gehen. Sie fühlen sich schön in Abendkleidern. Und sie werden all das mit ins Alltagsleben nehmen.“
Wohl jedes Land der Welt könnte in Sachen Körper-Positivität noch etwas dazulernen. Auf Japan trifft dies aber besonders zu. Nicht nur wegen der strengen Normen. Sondern auch weil es dort relativ wenige Menschen mit Übergewicht gibt. Die Adipositas-Rate im Land beträgt nur um die vier Prozent, deutlich weniger als in anderen wohlhabenden Ländern. Und damit einher geht offenbar, dass Diskriminierung umso stärker ausfällt.
Diverse Studien aus verschiedenen Ländern dokumentieren die soziale Benachteiligung von Menschen mit Adipositas oder Fettleibigkeit. Personen mit starkem Übergewicht haben generell mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit befriedigende Familienbeziehungen, sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen, haben ein höheres Verschuldungsrisiko und schneiden tendenziell schlechter in Sachen Bildung ab.
Eine 2024 im renommierten akademischen „Journal Psychological Science“ veröffentlichte Studie kam auf Grundlage von Daten aus Großbritannien und den USA zum Schluss, dass Benachteiligung mit Übergewichtigkeit aber auch vom sozialen und demografischen Kontext abhängt. Die festgestellte Tendenz: Personen mit starkem Übergewicht haben es besonders dort in diversen Lebensbereichen schwerer, wo es insgesamt weniger Menschen mit Übergewicht gibt, sie also mehr auffallen.
Tobias Ebert, Psychologe und Assistenzprofessor an der Universität St. Gallen und einer der Autoren der Studie, sagt zu seiner Untersuchung: „Regionale Gewichtsvorurteile konnten nahezu vollständig erklären, warum Menschen mit Adipositas in Regionen mit hohem Adipositasanteil weniger Nachteile in Beziehungen haben.“ Während Japan nicht Teil dieser Studie war, berichten Betroffene aber, dass sie oft als faul oder undiszipliniert gelten, und mit ihren Körpern eben als besonders ungewöhnlich dastehen.
So war das Event am Sonntag im Tokioter Stadtzentrum auch eine Hommage an Abweichung von einer oft allzu strikten Norm. Als eine der Jurorinnen, eine in Japan bekannte Sängerin, eine der Finalistinnen fragt, welches kostbare Geschenk sie anderen Personen gerne geben würde, zögert die füllige, lächelnde Dame auf der Bühne nicht lang: „Meine kostbarste Gabe wäre, Ihnen Mut zu geben. Haben Sie Mut, zu sein, wer sie sind, wer sie sein wollen. Ich habe das hier erhalten. Mut verändert alles!“
Am Ende wird in zwei Altersklassen – U-40 und Ü40 – je einer Frau die Krone aufgesetzt. Aber Siegerinnen sind sie an diesem Tag alle. „Ich bin in die Top fünf gekommen!“, strahlt Miyu nach der Veranstaltung. Und streicht beim Vorbeilaufen immer wieder Komplimente ein – für ihr hübsches Aussehen.