Osnabrück  Die Verunsicherung wächst: Wird der Schlossgarten Osnabrücks neuer Brennpunkt?

Markus Pöhlking
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Von Markus Pöhlking
| 18.10.2025 06:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Kippt der Schlossgarten? Das Unsicherheitsgefühl rund um die größten innerstädtischen Grünfläche ist offenbar ins Rutschen geraten. Foto: Sebastian Dannenberg
Kippt der Schlossgarten? Das Unsicherheitsgefühl rund um die größten innerstädtischen Grünfläche ist offenbar ins Rutschen geraten. Foto: Sebastian Dannenberg
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Müll nach Partynächten und Drogendeals auf Parkbänken sind im Osnabrücker Schlossgarten eigentlich nichts Neues. Dennoch wächst bei Anwohnern und Anliegern aktuell die Verunsicherung. Was ist los auf der größten Grünfläche in der Innenstadt?

Die Szenerie in der westlichen Seminarstraße trügt nicht: Das Wintersemester hat begonnen. Vor dem Gebäude, in dem die Erziehungswissenschaften angesiedelt sind, halten sich an diesem Dienstagvormittag Dutzende Studenten auf. Gesprächsfetzen und Gelächter dringen ans Ohr.

Ein Kontrast zu jenen Eindrücken, die um die Ecke warten. Fast menschenleer liegt der Schlossgarten um diese Zeit da. Einige Mitarbeiter der Stadt leeren gerade die Mülleimer, irgendwo hinten auf den Bänken sitzen vereinzelte Gestalten.

Dass es auch hier deutlich lebhafter zugehen kann, dass es hier wohl noch vor ein paar Stunden deutlich lebhafter zuging – davon zeugen Spuren, die sich besonders im Umfeld der Mensa noch finden. Der städtische Grund endet kurz vor dem Gebäude. Entsprechend lassen die Mitarbeiter des Servicebetriebs den Müll dort unangetastet. Ein paar Becher liegen herum, ein Fläschchen Nasenspray, Chipstüten. Auf den Treppenstufen, die zur Terrasse an der Mensa führen, glänzen kleine Blutstropfen.

Alt sind sie augenscheinlich noch nicht. Es ist ein Bild, das sich auf der Terrasse fortsetzt: Taschentücher liegen herum, manche sind blutverschmiert. Ein zerrissenes Dokument der Landesaufnahmebehörde liegt auf den Betonfliesen. Und immer wieder kleine, wiederverschließbare Plastiktüten. „Szenetypische Verpackungen“, wie es im Polizeijargon oft heißt. Sie liegen auch im Gebüsch hinter der Brüstung, gemeinsam mit Kleidungsstücken und anderem Müll. Wer genauer hinschaut, entdeckt auch ein paar Kanülen.

Dass im Schlossgarten gefeiert und gedealt wird, dass Teilbereiche immer wieder stark vermüllt sind, ist kein Geheimnis. Es ist eigentlich auch keine Neuigkeit. Relativ neu ist aber das Ausmaß, das der Drogenhandel angenommen habe und das Ausmaß, in dem eine einschlägige Szene den Schlossgarten besetzt hat.

So zumindest schildert es eine Anwohnerin. „Wenn ich vom Schlossgarten den Durchgang zur Ritterstraße nehme, laufe ich jedes Mal regelrecht Spalier durch eine Gruppe von Dealern und Konsumenten. Das war frühe nicht so“, so beschreibt sie es. Namentlich will sie nicht in der Berichterstattung auftauchen. Sie fürchtet, für die Szene identifizierbar zu sein.

Es ist nicht die einzige Stimme, die andeutet: Da ändert sich was im Schlossgarten. Was genau, in welchem Umfang und aus welcher Ursache allerdings, dazu gehen die Ansichten teils auseinander. Wohl größter Anrainer am Schlossgarten ist die Universität Osnabrück. Ein Uni-Sprecher beschreibt auf Nachfrage unserer Redaktion eine wachsende Verunsicherung „bei unseren Studierenden und Mitarbeitenden, vor allem nach Einbruch der Dunkelheit“.

Grund dafür dürfte eine Verlagerung der Trinker- und Drogenszene aus der Johannisstraße sein. „Es ist ja weithin bekannt, dass sich, insbesondere nach Einrichtung einer Waffen- und Alkoholverbotszone in der südlichen Innenstadt, eine gewisse Klientel in den Schlossgarten und in den Schlossinnenhof verlagert hat, was wir mit einiger Sorge beobachten“, heißt es von der Uni.

Eine Darstellung, die die Stadt nicht teilt. Es gebe keine Hinweise darauf, dass Menschen, die „vorher in der Verbotszone Alkohol konsumierten, für die Situation im Schlossgarten verantwortlich sind“, erklärt ein Sprecher der Stadt. Vielmehr sei die Lage dort „heterogen“. Die Anlage würde von verschiedenen Personengruppen genutzt, was zu „vielfältigen Herausforderungen“ führe.

Ähnlich klingt die Einschätzung der Stadt unterdessen zu anderen Gesichtspunkten: Das Beschwerdeaufkommen der jüngeren Vergangenheit zeige, dass die frühere „Akzeptanz“ der Lage infrage stehe. Es würde vermehrt über Vermüllung, Vandalismus und Lärmbelästigung geklagt, ohne dass sich dies an bestimmten Personen festmachen lasse. Dazu sei bekannt, dass im Schlossgarten Drogendealer unterwegs seien.

Nach Einschätzung der Anwohnerin halten die sich derzeit vorwiegend im Bereich vor der Uni-Mensa auf. Zumindest würde dort sehr offen konsumiert. Tatsächlich liegt der Geruch von Cannabis deutlich in der Luft, als unsere Redaktion am Donnerstag der vergangenen Woche vor Ort ist. Fünfzehn, vielleicht zwanzig Personen halten sich am frühen Nachmittag vor der Terrasse auf. Viele dürften afrikanische Wurzeln haben. Den Reporter, der auf sie zugeht, halten sie offenkundig für einen Polizisten in Zivil. Manche grinsen spöttisch. Andere rufen „Police! Police!“

Die Lage ist unübersichtlich, mehrere Personen rauchen Joints. Das allerdings ist nicht verboten. Seit April 2024 ist es auch das Mitführen von bis zu 25 Gramm des Rauschmittels nicht mehr. Dass die Gruppe vor der Mensaterrasse Joints kreisen lässt, könnte gar Ausweis von Gesetzestreue sein: Es ist schließlich der einzige Bereich, an dem der Konsum von Cannabis nicht durch das Cannabiskonsumgesetz eingeschränkt ist. Das nämlich schreibt eine Art Bannmeile für Kiffer etwa um Spielplätze und Schulen fest.

Die sogenannte Bubatz-Karte gibt eine ungefähre Vorstellung davon, wo diese Bannmeilen enden. Der Bereich vor der Mensa dürfte tatsächlich weit genug entfernt sein von Ratsgymnasium und dem Käfigspielplatz, um hier regelkonform zu kiffen. Nicht regelkonform wäre es freilich, würde hier gedealt oder würden andere Substanzen konsumiert, wie es die Universität, das Studierendenwerk, aber auch die Stadt beobachten.

Tatsächlich kommt es auch in Anwesenheit unserer Redaktion zu verdächtigen Szenen. Auf einer Bank im hinteren Bereich sitzen zwei Leute auf der Lehne. Eine dritte Person tritt hinzu. Es kommt zu Handbewegungen, offenbar wird etwas übergeben. Vielleicht Drogen – vielleicht aber auch nur ein Kaugummi oder ein Päckchen Fußballsticker. Bauchgefühl allein ist kein Beweis.

Nur gelegentlich lassen sich Indizien und Beobachtungen auch erhärten. So teilt die Polizeiinspektion Osnabrück mit, dass vor Kurzem im Schlossgarten ein mutmaßlicher Drogendealer festgenommen wurde. Der Mann sitze mittlerweile in Untersuchungshaft. Darüber hinaus sei der Polizei bekannt, dass es in dem Bereich immer wieder zu Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz komme. Die Polizei zeige daher regelmäßig mit Streifen Präsenz. Ein Polizeisprecher spricht von einer „erkennbaren Problemlage“. Die allerdings schlage sich nur bedingt in feststellbaren Straftaten nieder: Die Fallzahlen zeigten bislang keine signifikante Steigerung für den Bereich.

Freilich: Das Sicherheitsgefühl von Anwohnern und Passanten basiert nicht auf Zahlen, sondern auf persönlichen Empfindungen. „Ja, es ist klar schlimmer geworden über das vergangene Jahr“, schildert die Anwohnerin. Auch die Einschätzungen von Universität, Studierendenwerk und Stadt stützen diesen Eindruck.

Ob sich daran schnell etwas ändert, dürfe fraglich sein. Die Stadt erklärt, die Lage zu beobachten und sich regelmäßig mit anderen Akteuren abzustimmen. Das Ordnungsamt sei im Rahmen seiner Möglichkeit vor Ort. Dazu erwäge die Stadt, mobile Toiletten aufzustellen, um das Wildpinkeln einzudämmen. Einstweilen zeichne sich eine jahreszeitliche Verbesserung der Lage ab: Es wird Winter im Schlossgarten.

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