Osnabrück Ensemble des Theaters Osnabrück äußert sich zur Absage: Der Elefant namens Ödipus
Ein offener Brief hat die Debatte um dieAbsage von „Ödipus Exzellenz“ am Theater Osnabrück wieder neu befeuert. Jetzt äußert sich ein Ensemble-Mitglied zu dem Thema. Sein Credo: Aufarbeitung tut not – hinter verschlossenen Türen.
Tanzen gehört für Michi Wischniowski zum Handwerkszeug – jeder Schauspieler muss das können. Wenn er jetzt sagt, er müsse „mit dem Elefanten Tango tanzen“, meint er damit aber nicht das, was er auf der Bühne vollführt. Er meint den Elefanten, der seit der Absage von „Ödipus Exzellenz“ durchs Theater poltert, das Problem, das jeder kennt und niemand benennt.
Die Absage ereignete sich kurz vor Saisonende. In der Sommerpause kochte das Thema so richtig hoch, danach erzählte Intendant Ulrich Mokrusch bei der traditionellen Ensemblebegrüßung zum Saisonstart, wie sich der Fall aus seiner Sicht darstellt. „Dadurch ist eine Disbalance entstanden“, sagt Wischniowski jetzt bei einem Cappuccino. „Denn das Ensemble hat sich nicht geäußert.“
Zwischenzeitig entstand dann fast der Eindruck, das Thema würde allmählich versanden. Ein offener Brief, der Konsequenzen aus der Absage einforderte, hat es wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Das Auffällige dabei: Etliche Mitarbeiter des Theaters Osnabrück haben diesen Brief unterzeichnet. Und zwar künstlerisch Beschäftigte.
Das ist deshalb bemerkenswert, weil sich Theatermitarbeiter eher selten in der Öffentlichkeit kritisch gegenüber ihrem Arbeitgeber positionieren. Denn: Wer nach dem sogenannten NV Bühne beschäftigt ist, kann jährlich „nicht verlängert“ werden. Alljährlich im Oktober müssen Schauspieler, Sängerinnen, Dramaturginnen damit rechnen, ins Büro des Intendanten gerufen zu werden, wo ihnen dann eröffnet wird, dass ihr Engagement mit Ende der laufenden Spielzeit endet. Aus „künstlerischen Gründen“.
Davon erzählt auch Wischniowski und begleitet die „künstlerischen Gründe“ mit der Anführungszeichen-Geste. Nun weiß jeder, der sich nach der Lektüre einer Rezension schon mal gefragt hat, ob er und der Kritiker dieselbe Aufführung erlebt haben, wie unterschiedlich und subjektiv Menschen Bühnenkunst bewerten. Anders gesagt: Künstlerische Gründe lassen sich immer vorschieben, auch wenn ein Schauspieler eigentlich wegen kritischer Äußerungen in Ungnade gefallen ist.
Dieses Problem betrifft die ganze Branche, und es treibt auch die Schauspieler des Theaters Osnabrück um. Sich nachts um zwei Uhr am Tresen mit einem Ensemblemitglied über Missstände zu unterhalten, ist das eine. Ihn am nächsten Tag zum verwertbaren Gespräch zu bewegen, etwas ganz anderes. Ein Theater ist ein geschlossenes System.
Jetzt aber outen sich Ensemblemitglieder nicht nur mit ihrer Unterschrift unter besagtem offenen Brief. Wischniowski spricht offen über den Elefanten namens Ödipus – er sollte in dem Stück selbst auf der Bühne stehen.
Die Reaktion des Intendanten Ulrich Mokrusch auf den geplanten Gottesdienst als Teil der „Ödipus“-Fassung vom Team um Regisseur Lorenz Nolting verwandelte den geschützten Raum, der eine Probebühne eigentlich sein sollte, plötzlich in einen „Raum des Eingriffs von außen.“ Daraus erwächst jetzt fast zwangsläufig die Frage: Wie lässt sich verloren gegangenes Vertrauen wiederherstellen?
Die Schauspieler reklamieren die Möglichkeit eines „sanktionsfreien Sprechens“, wie sie das nennen; das Aussetzen der Nichtverlängerungspraxis ist dafür eine Voraussetzung. „In diesem Jahr sind wir safe“, sagt Wischniowski, denn: Die Nichtverlängerungen müssten jetzt ausgesprochen werden.
Doch wie soll man sich ins nächste Stück versenken, wenn jeder einzelne Schauspieler einen Rucksack voller Fragen und Unsicherheiten mit sich herumschleppt, bis in den Probenraum hinein? Hier müssen sich die Künstler eigentlich öffnen, deswegen verträgt er keine äußeren Einflüsse – erst dann kann Kunst entstehen. „Wie kriegen wir diesen geschützten Raum wieder hin?“ – das ist eine der zentralen Fragen im Aufarbeitungsprozess.
Dabei bezieht Wischniowski die Notwendigkeit des geschützten Raums keineswegs nur auf das Ensemble. Ihm ist klar, dass die Mediationsrunden mit der Theaterleitung ein geschützter Raum sein muss und konkrete Aussagen und Inhalte intern bleiben müssen. Außerdem sagt er deutlich, dass die Mediationsgespräche nur die Vorbereitung eines Aufarbeitungsprozesses sein können. Er spricht da von „Fragestellungen, die die Absage aufwirft“ und betont: „Unabhängig von Personen.“
Fest steht: „Die Aufarbeitung wird Zeit brauchen“, sagt Wischniowski, „wir müssen jetzt das Tempo herausnehmen.“ Jetzt gehe es darum, den Vorfall aufzuarbeiten und dann zu analysieren. Daraus will das Ensemble eine Perspektive entwickeln, und die zielt auf strukturelle Veränderungen im Theater ab, um einen Vorfall wie die „Ödipus“-Absage künftig zu verhindern.
Nun fordert auch die Öffentlichkeit in einem offenen Brief an Oberbürgermeisterin Katharina Pötter und an die Ratsfraktionen Transparenz, damit der Status der Aufarbeitung nicht aus der Öffentlichkeit verschwindet. Das deckt sich mit Wischniowskis Interessen; er bringt Politik und Gesellschaft ins Spiel. „Es wäre großartig, wenn sich die ganze Stadt dieser Aufgabe stellt“, sagt er. „Das könnte große Signalwirkung nach außen haben.“
Außen: Das ist dieses Biotop, das sich deutsche Theaterlandschaft nennt, das in seiner Vielfalt so faszinierend, in seiner Struktur aber so reformbedürftig ist. Doch unabhängig davon, ob Osnabrück zum Modell für andere Häuser wird: Im Theater wird der Fall „Ödipus“ aufgearbeitet – als nächsten Schritt stellt das Ensemble in einer Betriebsversammlung seine Sicht der Dinge dar. Und das ist ein gutes Zeichen.