Umwelt Warum sich im Meer die Schadstoffe ansammeln
Meereswissenschaftler haben die giftigen PFAS-Chemikalien im Blick. Immer wenn der Einsatz eines weiteren Stoffs eingeschränkt wird, ist das an den Messstellen auf See zu sehen.
Nordsee/Hamburg - Gerade hat die EU-Kommission den Einsatz von giftigen PFAS-Chemikalien in Feuerlöschschaum eingeschränkt. Damit gelangen nach Angaben der Behörde pro Jahr EU-weit künftig rund 470 Tonnen der sogenannten Ewigkeitschemikalien weniger in die Umwelt.
Mit den synthetischen Chemikalien – PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen – wird zur Brandbekämpfung die Oberflächenspannung von Wasser reduziert. So kann ein besonders feiner und gleichmäßiger Schaum gebildet werden, der zum Löschen brennender Flüssigkeiten wie Ölen oder Treibstoffen eingesetzt wird.
PFAS reichern sich in der Nordsee an
Doch die PFAS-Chemikalien bauen sich nicht natürlich ab, stattdessen reichern sie sich im Boden und im Wasser an. Und über die Flüsse gelangen sie natürlich auch ins Meer: Vor wenigen Tagen erst veröffentlichte Greenpeace eine Untersuchung, nach der Speisefische, Muscheln und Krabben aus der Nordsee und der Ostsee zum Teil Konzentrationen der Chemikalien aufweisen, die über den Empfehlungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) liegen. Bereits seit 2023 warnen die Behörden in Dänemark, den Niederlanden und Belgien jedes Jahr vor dem Kontakt mit angeschwemmtem Meeresschaum an der Nordseeküste: Auch darin finden sich hohe Konzentrationen von PFAS.
Per- und polyfluorierte Chemikalien, so genannte PFAS, sind wahre Alleskönner: Sie sorgen dafür, dass in der Pfanne nichts anbrennt, dass Outdoorkleidung und -schuhe wasserdicht sind. Sie machen Oberflächen wasser- und schmutzabweisend und schützen vor Flecken. Sie sind für besseren Klang in Gitarren- und Geigensaiten verantwortlich, sorgen dafür, dass Pizzakartons, Burgerverpackungen und Pommestüten nicht sofort vor Fett triefen. Als Emulgatoren und Gleitmittel in Kosmetika sorgen sie für angenehme Konsistenz und als Bindemittel und Trägerstoff halten sie die Pigmente in der Farbe. PFAS sind in fast allem zu finden – auch dort, wo sie unerwünscht sind: Im Wasser, in Sedimenten, im Eis der Arktis und Antarktis, im Boden, in der Luft. Es gibt viele verschiedene PFAS – insgesamt rund 4700 chemische Stoffe sind per- und polyfluorierte Alkylverbindungen. Deren Gefährlichkeit wird unterschiedlich eingeschätzt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bewertet einige der Chemikalien mittlerweile als krebserregend oder möglicherweise krebserregend. Die Chemikalien stehen zudem in Verdacht, Schilddrüsenerkrankungen, Parkinson und Alzheimer zu begünstigen. Die PFAS gelangen etwa über die Nahrung und Trinkwasser in den Körper von Tieren und Menschen und lagern sich dort an. Da es keine Kennzeichnungspflicht gibt, ist es nicht so einfach, im Alltag bewusst auf PFAS zu verzichten. Allerdings kann man beim Kauf von Schuhen, Kleidung, Rücksäcken oder auch Imprägniersprays auf die Bezeichnungen „fluorfrei“, „frei von PFC“, oder „ohne PFAS“ achten.PFAS – Ewigkeitschemikalien
Experten des BSH überwachen Schadstoffe seit 2005
In Deutschland haben die Meeresexperten des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg die PFAS seit 2005 im Blick: An 23 Stationen in der Nordsee werden jedes Jahr Meerwasserproben genommen und auf über 100 verschiedene Schadstoffe hin untersucht, darunter 18 Substanzen, die zur Gruppe der Ewigkeitschemikalien gehören. Diese Messungen zeigen, dass die Konzentration der PFAS in den Flüssen am höchsten ist und dann über die Küste zur See hin abnimmt. „Nur noch im offenen Meer, weit draußen in der Deutschen Bucht, liegen die Konzentrationen unter dem Schwellenwert“, berichtete vor kurzem Dr. Berit Brockmeyer, Leiterin des Meereschemischen Labors des BSH, bei der Meeresumwelttagung 2025 in Hamburg.
Messungen zeigen Rückgang bei einzelnen Chemikalien
Die gute Nachricht: „Die Regulierung zeigt Wirkung“, berichtete die Wissenschaftlerin: An mehreren Messstellen und im Sediment auf dem Meeresboden sei zu sehen, dass immer dann, wenn einzelne Schadstoffe eingeschränkt oder sogar verboten werden, die Konzentrationen in den Folgejahren sinken. Selbst die Ankündigung, dass für einen Stoff eine Einschränkung ansteht, habe diese Wirkung. „Da passiert schon etwas“, sagte Brockmeyer. Sie fügte hinzu: „Die Industrie ist sehr anpassungsfähig.“
Aktuell sind allerdings nur drei Substanzen, die zu den PFAS gezählt werden, international verboten. Insofern sei jede Einschränkung wie zuletzt die Verwendung der Chemikalien in Feuerlöschschaum zu begrüßen. „Wenn man der Meeresumwelt helfen will, sollte man alle PFAS so weit wie möglich einschränken“, betonte Dr. Berit Brockmeyer mit Blick auf ein Dossier zu den Ewigkeitschemikalien, das die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) seit 2023 prüft. Fünf europäische Regierungen fordern darin die Beschränkung der gesamten PFAS-Gruppe.
Neue EU-Grenzwerte für PFAS
Ende September erst haben sich Europarat und -Parlament auf die Aufnahme von 24 PFAS-Chemikalien in die Liste der für Oberflächengewässer und Grundwasser besonders gefährlichen Schadstoffe geeinigt. Bis 2039 müssen die EU-Staaten neue Normen sowohl für Oberflächengewässer als auch für Grundwasser erreichen, bei einigen Stoffen mit strengeren Umweltqualitätsnormen in Oberflächengewässern müssen die Vorgaben bis 2033 erfüllt werden. Um zu gewährleisten, dass die gefährlichsten Schadstoffe nach und nach verschwinden, setzt die EU eine Frist von 20 Jahren für die schrittweise Abschaffung.