Osnabrück Ein Flop? Was das letzte Mentoringprojekt für Osnabrücker Migranten (nicht) gebracht hat
Schätzen Sie doch mal: Wie viele Osnabrücker Ratsmitglieder haben einen Migrationshintergrund? So viel vorab: Ihr Anteil liegt weit unter dem in der Stadtbevölkerung. Daran hat auch ein Mentoringprojekt vor fünf Jahren nicht viel geändert, das jetzt in die zweite Runde geht. Sind die Parteien schuld?
Mit einem Mentoringprojekt will die Stadt Osnabrück erreichen, dass mehr Menschen mit Migrationsbiografie einen Zugang zur Kommunalpolitik erhalten. Mit 21 Teilnehmenden ist es Mitte September 2025 angelaufen. 14 Ratsmitglieder nehmen sie an die Hand und zeigen ihnen, wie der Laden läuft.
Es ist bereits der zweite Durchgang. Nach der Erstauflage des Projektes „Demokratie.Macht.Integration“ vor fünf Jahren waren viele über das Ergebnis enttäuscht, denn der Rat wurde bei der Kommunalwahl 2021 nur ein kleines bisschen bunter. Einige Parteien sind da durchaus selbstkritisch.
Je nach Definition haben 25 (mindestens beide Elternteile im Ausland geboren) bis 30 Prozent (ein Elternteil im Ausland geboren) aller Osnabrücker einen Migrationshintergrund. Doch im aktuellen Rat sind nur fünf von 50 Mitgliedern entweder selbst im Ausland geboren oder ihre beiden Elternteile. Die Frauenquote liegt übrigens bei 42 Prozent, immerhin.
Zwar setzten die Parteien zur Kommunalwahl 2020 auch Menschen mit Migrationshintergrund auf ihre Kandidatenlisten – doch eher auf wenig aussichtsreiche Plätze. Dabei gab es einige, die durch die Erstauflage des Mentoringprojekts „Demokratie. Macht. Integration“ Gefallen an der Kommunalpolitik gefunden hatten.
Rund 60 Menschen mit Migrationsbiografie hatten sich 2020 bei dem Projekt angemeldet. Es wurde sogar mit dem Niedersächsischen Integrationspreis ausgezeichnet. Angeschoben hatte es der damalige Migrationsbeirat, um die Schieflage bei der Repräsentanz dieser so großen wie vielfältigen Bevölkerungsgruppe zu beheben.
Die Zahl der Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund stieg bei der Kommunalwahl 2021 dann von einem auf drei. Mittlerweile sind es fünf, weil die in Chile geborene Loreto Bieritz 2022 bei den Grünen für Michael Kopatz nachgerückt ist, und Nicole Emektas mit türkisch-arabischen Wurzeln rückte 2023 bei den Linken für Chris Determann nach.
Wurzeln im Ausland haben neben diesen beiden Frauen noch Elena Moormann (SPD), Kristina Pfaff (Grüne) und Alexander Garder (AfD). CDU und FDP haben gar kein entsprechendes Ratsmitglied mit Migrationshintergrund.
Bei Elena Moormann und Nicole Emektas war das erste Mentoring-Projekt die Eintrittskarte in die Osnabrücker Kommunalpolitik – und beide fungieren nun ihrerseits bei der Neuauflage als Mentorinnen. Die Sozialdemokratin Moormann hat mehrfach gemahnt, es seien mit dem Projekt auch Hoffnungen geweckt worden. Diese müssten ernst genommen werden, und Menschen mit Migrationsbiografie seien nicht nur dazu da, „Listen aufzuhübschen“.
Nicole Emektas drückt sich noch deutlicher aus: „Ich merke zunehmend, wie wichtig und wie unterrepräsentiert migrantische Stimmen im Stadtrat sind“, sagt sie. Es sei ein „Armutszeugnis“, kritisiert Emektas. Durch das Mentoring-Programm erhoffe sie sich, dass die Linken in Osnabrück mindestens zwei weitere Menschen mit Einwanderungsgeschichte für die Liste gewinnen können.
„Auch bei uns ist noch Luft nach oben“, schreiben die Osnabrücker Grünen auf Anfrage, ob sie mit ihrem Migrationsanteil im Rat zufrieden sind – und mit zwei Ratsmitgliedern sind sie da ja schon Spitzenreiter.
Die SPD „möchte natürlich als Volkspartei die Gesellschaft auch in ihrer Ratfraktion abgebildet wissen und dazu sollte der Anteil von Kandidierenden mit Migrationsbiografie erhöht werden“, schreiben Fraktionsgeschäftsstelle und Regionalgeschäftsstelle.
Von der FDP hatten wir auf unsere Anfrage keine Antwort bekommen.
„Verbesserungspotenzial“ sieht auch die Osnabrücker CDU, betont jedoch gleichzeitig mit Blick auf das Abbilden der Breite der Bevölkerung, dass schon jetzt mehr Frauen als Männer in der CDU-Fraktion seien. Außerdem habe die CDU mit Ayse Cindilkaya und Martin Sapich zwei Personen mit Migrationsbiografie in den Migrationsbeirat beziehungsweise Stadtentwicklungsausschuss entsandt.
Sapich ist zudem CDU-Ortsverbandsvorsitzender im Schinkel geworden. In den Rat schaffte er es wegen eines hinteren Listenplatzes nicht, doch das Mentoringprojekt hatte ihm die Türen zur Partei geöffnet. Jetzt gestaltet er zusammen mit der Vorsitzenden des Migrationsbeirats, Natalia Greywul, und auch Ayse Cindilkaya das aktuell laufende Projekt, das auf weniger Teilnehmende setzt, diese dafür engmaschiger betreuen will.
Im September 2026 sind Kommunalwahlen. Ob der Rat dann wohl bunter wird? In der ersten Jahreshälfte werden wir erfahren, wen die Parteien auf ihre Kandidatenlisten setzen.