Osnabrück Friseurbesuch, Bankett und Fürsorge: „Essen im Abseits“ verwöhnt Osnabrücks Wohnungslose
Ein Friseurtermin oder ein Restaurantbesuch – für Menschen, die keinen festen Wohnsitz, geschweige denn ein Dach über dem Kopf haben, ist das alles andere als alltäglich. Dank einer Idee zweier Männer können Osnabrücker Wohnungs- und Obdachlose diese Vorzüge einmal jährlich genießen.
Die Eingebung kam Thomas Schenk und Michael Werner vor fünf Jahren. Um zwei Uhr nachts, auf einer Bank nahe dem Büdchen am Westerberg. Nach dem Genuss von einigen Gläsern Weißwein hätten sie sich die Idee „zusammengelallt“, wie sie selbst sagen. Am nächsten Tag dann, im nüchternen Zustand, ausgearbeitet. Und in diesem Jahr bereits zum fünften Mal erfolgreich umgesetzt.
Die Rede ist von der Wohltätigkeitsveranstaltung „Essen im Abseits“. Bei dem einmal jährlich stattfindenden Event, organisiert von der Bürgerstiftung Osnabrück, stehen die im Mittelpunkt, die im schnellen Alltag oft vergessen werden: Wohnungs- und obdachlose Menschen. Beim Büdchen am Westerberg erhielten sie auch dieses Mal wieder das volle, kostenlose Verwöhnprogramm: ein Haarstyling, eine Fußpflege, ein Drei-Gänge-Menü.
Von vorne bis hinten mal so richtig verwöhnt werden, das kennen viele der geschätzt knapp 130 Obdachlosen und 600 Wohnungslosen in Osnabrück gar nicht. Zumindest an diesem einen Tag wurden die von der Gesellschaft Abgehängten sprichwörtlich auf Händen getragen. Eine willkommene Abwechslung vom sonst so harten Alltag.
Mit Bussen wurden knapp 200 Hilfsbedürftige aus den beteiligten Einrichtungen zum Büdchen am Westerberg gefahren. Dort stand für jeden, der wollte, erst einmal ein Styling auf dem Programm. Haare waschen und schneiden, Augenbrauen und Bart stutzen.
Und weil sie an diesem Tag im wahrsten Sinne von Kopf bis Fuß umsorgt wurden, konnten sie auch noch eine Fußpflege in Anspruch nehmen. Erstmals hatten die Wohnungslosen in diesem Jahr zudem die Möglichkeit, am Rande der Veranstaltung eine medizinische Sprechstunde aufzusuchen. Neu war außerdem eine Kleiderbörse.
Höhepunkt war das gemeinsame Essen, das aber nicht einfach nur eine warme Mahlzeit war, sondern ein regelrechtes Bankett in Form eines Drei-Gänge-Menüs. In diesem Jahr aufgetischt: als Vorspeise Kürbissuppe, ein Hauptgang aus Rouladen, Klößen und Rotkohl, dann Vanilleeis, Crumble und Apfelspalten zum Nachtisch. Serviert wurde das Festmahl einmal mehr von bekannten Persönlichkeiten aus Osnabrück.
Erneut konnte das Event mit der Hilfe zahlreicher Sponsoren und freiwilligen Helfern auf die Beine gestellt werden. Rund 50 Ehrenamtliche – Friseure, Köche, Servicekräfte – wirkten im Hintergrund, um für einen unvergesslichen Tag zu sorgen.
Allein der Aufbau des Festzeltes sei jedes Mal ein Kraftakt. Aber „wenn wir kein Zelt aufbauen, regnet es“, scherzt Initiator Thomas Schenk. „Essen im Abseits“ war nicht sein einziger guter Einfall – 1992 erfand er die Bravo Hits.
Viele der Bedürftigen waren schon bei den vergangenen Ausgaben dabei. „Wo soll ich denn sonst hingehen, wenn nicht hier hin. Sonst bin ich doch alleine“, sagt eine von ihnen, während der Osnabrücker Abseits-Chor singt: „In unserem Traumhaus wäre niemand alleine.“
Als „die stressigste, aber die schönste Zeit des Jahres“ bezeichnet Mitbegründer und Büdchen-Inhaber Michael Werner die Veranstaltung. Für die teilnehmenden Wohnungslosen ist der Tag nachvollziehbarerweise das „Highlight des Jahres.“
Thomas Schenk und Michael Werners Idee bei Weißwein und Mondschein ist inzwischen fest etabliert – und hat schon jetzt einiges bewirkt. Im vergangenen Jahr bewarb man sich mit „Essen im Abseits“ erfolgreich bei der NDR-Benefizaktion „Hand in Hand für Norddeutschland“, die 2024 Projekte gegen Einsamkeit unterstützte, wie Ulrike Burghardt, Vorsitzende der Bürgerstiftung Osnabrück, stolz erzählt. So konnte man auf zusätzliches Spendengeld zurückgreifen. Die Planungen für die nächste Ausgabe laufen bereits.