Osnabrück  Wer spielt welche Rolle: Die Ödipus-Absage am Theater Osnabrück – eine Tragödie in fünf Akten

Sebastian Stricker
|
Von Sebastian Stricker
| 10.10.2025 18:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Absage des kirchenkritischen Stücks „Ödipus Exzellenz“ in Osnabrück brachte Hunderte Menschen auf die Straße. Vor dem Theater demonstrierten sie im August unter dem Motto „Kunstfreiheit statt Kirchenlobbyismus“. Foto: Imago / epd
Die Absage des kirchenkritischen Stücks „Ödipus Exzellenz“ in Osnabrück brachte Hunderte Menschen auf die Straße. Vor dem Theater demonstrierten sie im August unter dem Motto „Kunstfreiheit statt Kirchenlobbyismus“. Foto: Imago / epd
Artikel teilen:

Ein Bischof, der sich auf der Bühne die Augen aussticht – für den Intendanten ist das zu viel. Der Streit um das kirchenkritische Stück „Ödipus Exzellenz“ am Theater Osnabrück eskaliert. Chronologie der Ereignisse.

Die Absage des kirchenkritischen Stücks „Ödipus Exzellenz“ ist zum Politikum erster Güte geworden. Doch wie ist aus einer – sicher provokanten – Theaterproduktion ein Theaterskandal geworden? Wir rekapitulieren, warum Intendant Ulrich Mokrusch den Vertrag mit Regisseur Lorenz Nolting aufgelöst hat, wie Osnabrück in die Schlagzeilen gekommen ist, und was die Osnabrücker Bürgerschaft nun fordert, nachdem sie um das Stück betrogen worden ist.

Vor anderthalb Jahren beauftragt Intendant Ulrich Mokrusch vom Theater Osnabrück das als „jung, schrill, gut“ geltende Regieteam um Lorenz Nolting mit der Eröffnungsinszenierung für die Spielzeit 2025/26. Das Stück soll Senecas antike Tragödie „Ödipus“ sein, für das das Team eine „Überschreibung“ plant.

Statt von persönlicher Schuld soll es von der systematischen Vertuschung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche handeln. Geplanter Titel: „Ödipus Exzellenz“. Im Regieteam arbeitet Karl Haucke mit, der selbst von einem Priester missbraucht wurde und an der 2024 veröffentlichten Missbrauchsstudie der Universität Osnabrück mitgewirkt hat.

Mokrusch unterstützt den „mutigen Regieansatz“ und erklärt sich bereit, die Kirche „deutlich und hart“ zu kritisieren – unter der Bedingung, dass „christlicher Glaube und Gläubige respektiert“ bleiben. Auf seine Initiative treffen sich die Regisseure mit Generalvikar Ulrich Beckwermert und Ombudsmann Simon Kampe. Das Bistum zeigt sich kooperativ und plant ein Begleitprogramm für Betroffene.

Mitte Juni 2025 zeigt das Regieteam die konkrete Umsetzung: Im zweiten Teil wollen sie einen katholischen Gottesdienst „eins zu eins“ auf der Bühne darstellen. Er endet in einer Szene, in der ein Bischof sich die Augen aussticht. Für das Team ist das künstlerisch notwendig – es soll die Instrumentalisierung von Glauben zur Rechtfertigung von Missbrauch zeigen.

Mokrusch lehnt ab. Die Darstellung sei „künstlerisch unterkomplex“ und nutze heilige Symbole nur für einen „theatralen Effekt“. Er fordert eine „künstlerische Transformation“.

Im Verlauf einer Woche verschärft sich der Ton. Mokrusch wird in Artikeln und Fernsehbeiträgen zitiert mit den Worten, er fühle sich „beschmutzt“ und „missbraucht“ und müsse „sein Publikum schützen“. Darauf angesprochen sagt er, diese Gesprächsschnipsel seien aus dem Zusammenhang gerissen. Für den Begriff „missbraucht“ bittet er um Verzeihung. Das Regieteam interpretiert Mokruschs Aussagen als Bevormundung und Zensur. Das Vertrauen ist weg.

Ende Juni schlägt Mokrusch vor, beide Seiten sollten ihre Positionen aufschreiben, um einen „Neuanfang“ zu ermöglichen. Das Regieteam fordert in seinem Text „die komplette künstlerische Freiheit“ und den Ausschluss der Intendanz vom Probenprozess.

Mokrusch fragt: „Ist das etwa ein Ultimatum?“ Das Team antwortet mit Ja – und wird vom Intendanten gefeuert. Das Osnabrücker Theater gibt die Absage der Produktion bekannt.

Überregionale Medien berichten. „Die Zeit“ schreibt: „Das Bistum meldet sich. Das Missbrauchsstück wird abgesagt.“ 3sat stellt Osnabrück als „sehr katholisch“ und provinziell dar, versucht das Bild einer konservativen Stadt unter Kircheneinfluss zu zeichnen, die ein kritisches Stück unterdrückt.

Generalvikar Beckwermert versichert unserer Redaktion: „Die Freiheit des Theaters ist ein hohes Gut.“

Am 21. August demonstrieren etwa 200 Menschen vor dem Theater. Regisseur Nolting sagt: Er würde das Stück „bis zum Mond und zurück“ auf die Bühne bringen – „aber nicht mit diesem Intendanten“. Eine Zuschauerin sagt unter Beifall: „Wir brauchen keinen Schutz, Theater darf und muss provozieren.“

Am 31. August eröffnet die Spielzeit am Osnabrücker Theater statt mit „Ödipus Exzellenz“ mit Yasmina Rezas Komödie „Kunst“.

Kulturdezernent Wolfgang Beckermann verteidigt Mokrusch: Die Macht des Intendanten sei vertraglich geregelt. Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU) hatte im 3sat-Beitrag gesagt: „Kunst darf Diskussionen anregen, aber alles hat seine Grenzen.“ Während Nolting und Haucke in dem Beitrag ausführlich zu Wort kommen, reißen die 3sat-Autoren bei Pötter und Mokrusch einzelne Sätze aus dem Kontext.

Mokrusch erklärt vor dem Ensemble: Seine Kritik sei rein ästhetisch gewesen. Er habe Deeskalation gewollt, nicht Zensur.

Anfang Oktober veröffentlichen 617 Kulturschaffende einen offenen Brief. Sie kritisieren die „überkommenen Machtstrukturen“ am Theater: Der Intendant habe zu viel Einfluss. Die Verhältnisse seien „wie im Kaiserreich“. Sie fordern Demokratisierung und echte Mitsprache für Ensemble und Regisseure, außerdem verlangen sie von Oberbürgermeisterin und Ratsfraktionen – an sie ist der Brief adressiert – ein „klares“ Bekenntnis „zu der im Grundgesetz verankerten Kunstfreiheit“.

Der Aufsichtsrat des Osnabrücker Theaters, vertreten durch die Vorsitzende Brigitte Neumann (CDU) und Vize Heiko Schlatermund (SPD), sowie die Stadtverwaltung in Person von Kulturdezernent Beckermann antworten schnell. Sie verteidigen Mokruschs Entscheidung und „sehen in der Absetzung weder einen Skandal noch einen Eingriff in die Kunstfreiheit“.

Die geforderte Beteiligung bei der Wahl des Intendanten sei am Theater „seit mehr als zwei Jahrzehnten üblich“. Der Aufsichtsrat warnt: „Das Theater insgesamt wird in Misskredit gebracht.“

Ähnliche Artikel