Osnabrück  Abschluss mit Charly Hübner in der Botschaft Osnabrück: So war Musica Viva

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 09.10.2025 16:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Außergewöhnliches Konzert im Rahmen von Musica Viva: Charly Hübner interpretiert in Schuberts „Winterreise“ Foto: Steve Weber
Außergewöhnliches Konzert im Rahmen von Musica Viva: Charly Hübner interpretiert in Schuberts „Winterreise“ Foto: Steve Weber
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Nachdem Herbert Vieth vor einem knappen Jahr unerwartet verstorben ist, hat Stephan Lutermann die Leitung des Festivals Musica Viva im Osnabrücker Land übernommen. Jetzt ist seine erste Ausgabe zu Ende gegangen – mit einem veritablen Erfolg.

Das Finale des diesjährigen Festivals Musica Viva war in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Das beginnt mit dem Spielort: Stephan Lutermann hat sich die Botschaft ausgesucht, die Halle, die ebenso neu in der Kulturlandschaft der Region Osnabrück ist, wie Lutermann selbst als Festivalmacher. Dort steht der Schauspieler Charly Hübner auf der Bühne, kein Künstler, den man mit Alter Musik, also dem Kerngeschäft von Musica Viva verbindet. Und dass Franz Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“ zweimal innerhalb eines Festivals erklingt, diesmal eben mit Hübner als Protagonist, ist ebenfalls neu.

Mit diesem Abschlussabend schließt sich eine Klammer, die Lutermanns Programm gleich am zweiten Festivalabend öffnete. Da machte der Tenor Christoph Prégardien, am Klavier begleitet von Michael Gees, Schuberts „Winterreise“ zu einem magischen Erlebnis. Ein einmaliger Abend in der Ehemaligen Kirche in Hagen von internationalem Spitzenformat.

So „magisch“ ist die zeitgenössische Fortschreibung der „Winterreise“ in der Botschaft nicht geworden. Aber düster geht es schon zu; dafür sorgen das Ensemble Resonanz, die Jazzmusiker Kalle Kalima (Gitarre), Maximilian Andrzejewski (Schlagzeug) und Oliver Portatz (Kontrabass) sowie Soundmann Sebastian Schottke und, natürlich, Charly Hübner.

Sie erweitern Schuberts Zyklus um ein paar Songs von Nick Cave, unter anderem das Titel gebende „Mercy Seat“. Da irrt dann kein psychisch aus der Bahn geworfener Jüngling durch die Welt, sondern ein Mörder sitzt auf dem elektrischen Stuhl, eben dem „Mercy Seat“. Das bringt die Geschichte einem Publikum nahe, das mit einem klassischen Liederabend oder diesem Mythos namens „Alte Musik“ nur wenig anfangen kann.

Die Botschaft ist denn auch nahezu ausverkauft, und die Gäste lassen sich von dem gut einstündigen Konzert begeistern. Da spielt es keine Rolle, dass Hübners Stimme für Nick-Cave-Songs ein bisschen zu brav und für die Schubert-Lieder ein bisschen zu profan klingt. Aber es ist ein Konzert aus einem Guss, das Schubert und Cave eng aneinander bindet. Und wer hätte gedacht, dass sich Gustav Mahlers inniges Adagietto aus seiner fünften Sinfonie so wunderbar in Nick Caves Ballade „Where The Wild Roses Grow“ spiegelt.

Dass Lutermann sein Publikum im wahrsten Sinne des Wortes abholen will, demonstriert er tags zuvor im Museum Industriekultur (MIK). In einem Wandelkonzert singen sich sein Vokalconsort Osnabrück und das Ensemble vocal aus Hamburg unter der Leitung von Cornelius Trantow durch das Schachtgebäude des MIK. Die sogenannte Alte Musik bildet dabei den Anker; hauptsächlich stehen in den vier jeweils 15-minütigen Musikblöcken Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Benjamin Britten oder Zeitgenossen wie Karin Rehnqvist (geboren 1957) oder Jaakko Möntyjärvi (geboren 1963) auf dem Programm. Wenn dann aber in der Schachthalle beide Chöre vereint ein Kyrie von Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594) singen, lösen Perfektion, Klangsinn und Emotion dieser Musik schon Gänsehaut aus.

Gesang hat überhaupt eine zentrale Rolle gespielt bei Lutermanns erstem Festival. Mit dem Vokalensemble Stile Antico feierte er den 500. Geburtstag Palestrinas, eines Komponisten, den man wegen seiner Klasse und seiner Bedeutung für die musikalische Nachwelt gar nicht hoch genug bejubeln kann (für das Album zum Konzert hat das Ensemble übrigens gerade einen Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik erhalten). Mit Dorothee Mields holt Lutermann einen weiteren Star der Alten-Musik-Bewegung nach Hagen a.T.W., der auch schon unter Herbert Vieth berührende Konzerte gesungen hat.

Neu ist in Lutermanns Festivalkonzept, wie er über Genregrenzen hinausdenkt. Deshalb hat er den fantastischen Akkordeonisten Pavel Efremov für ein Konzert in der Osnabrücker Bergkirche engagiert, das Musik von Johann Sebastian Bach und Jean-Philippe Rameau mit der Sonate für Bajan, also Knopfakkordeon, „Et exspecto“ von Sofia Gubaidulina konfrontiert: Drei sehr unterschiedliche Welten, von der ausgerechnet diejenige, die uns zeitlich am nächsten ist, nämlich die der erst in diesem Frühjahr verstorbenen Gubaidulina, mit ihrer Geräuschhaftigkeit, ihrer Schroffheit am sperrigsten vorkommt. Und doch war‘s ein faszinierendes Erlebnis.

Ja, und Lutermann tut viel, um das Festival stärker in der Region zu verankern. Und wie geht das besser als mit Musik aus Osnabrück? Ein Abend in der Bergkirche widmet sich nahezu ausschließlich dem Osnabrücker Domkapellmeisters Paul Ignaz Liechtenauer. Die Kölner Akademie hat sich schon vor längerem der Instrumentalmusik dieses Bach-Zeitgenossen angenommen; diesmal ging es um Messvertonungen, also um sakrale Musik.

Die wird frisch und lebendig interpretiert und geht leicht ins Ohr, dank hervorragender Sänger wie der Sopranistin Elena Harsányi und dem Bassisten Thomas Bonni. Nun muss man zu Liechtenauer wissen: Der Komponist hat hier gelebt, der Osnabrücker Musikwissenschaftler Stefan Hanheide gibt das Notenmaterial heraus. Das Label cpo mit Sitz in Georgsmarienhütte schließlich hat das Konzert mitgeschnitten, um es als CD herauszubringen – mehr Heimat geht beim international ausgerichteten Festival Musica Viva nicht.

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