Gewalt an Schulen  Auch Mobbing kann körperlichen Schaden anrichten

| | 03.10.2025 13:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Seit 2019 ist Christa Frigger bei der Polizeiinspektion Leer-Emden für Jugendfragen zuständig. Foto: PI Leer/Emden
Seit 2019 ist Christa Frigger bei der Polizeiinspektion Leer-Emden für Jugendfragen zuständig. Foto: PI Leer/Emden
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Wachsende Gewalt an Schulen ist immer wieder Thema in der Öffentlichkeit. Ist das übertrieben? Ein Gespräch mit Christa Frigger, der Präventionsbeauftragten der Polizeiinspektion Leer/Emden.

Leer - Gewalt an Schulen ist immer wieder Thema in der öffentlichen Diskussion. Bei „Gewalt“ mag mancher zunächst an körperliche Übergriffe denken. Die spielen aber gegenüber psychischer Gewalt eine untergeordnete Rolle. Die psychische Gewalt reicht von Erpressung über Stalking bis hin zu Cat-Calling und Mobbing. Polizeihauptkommissarin Christa Frigger, Beauftragte für Jugendsachen der Polizeiinspektion Leer/Emden, geht seit 2019 an ostfriesischen Schulen präventiv in den direkten Austausch mit Schülerinnen und Schülern. Besonders Cyber-Mobbing ist ein Thema, über das sie aufklärt, sagt sie im Gespräch mit der Redaktion.

Frau Frigger, mögen Sie Ihren Job?

Christa Frigger: Auf jeden Fall. Der Bereich Prävention ist durchweg positiv besetzt. Man arbeitet mit jungen Menschen zusammen, kann hilfreiche Tipps geben, sodass sie gut gewappnet, sozusagen mit dem entsprechenden Gepäck, in die Zukunft starten können. Das macht sehr viel Freude.

Laut Polizeistatistik ist die Zahl der Gewalttaten an Schulen in den letzten Jahren bundesweit gestiegen. Auch die Schulen berichten über mehr Gewalt gegenüber Lehrkräften. Ist das auch in der Region so?

Frigger: Wir stellen schon fest, dass die Gewaltdelinquenz (also physische oder psychische Gewalt, die strafrechtlich relevant ist, Anm. d. Red.) zugenommen hat. Ob es da allerdings vereinzelt zu Gewalthandlungen gegen Lehrkräfte in unserer Region gekommen ist, ist mir nicht bekannt.

In öffentlichen Diskussionen gibt es auch die Ansicht, dass es schon immer Gewalt an Schulen gegeben hat – nach dem Motto: ‚Wir wurden früher auch gemobbt und haben uns geprügelt und es hat uns nicht geschadet.‘ Würden Sie sagen, Gewalt an Schulen ist auch ein Stück Definitionssache?

Frigger: Mit dem, was wir durch Statistiken belegen können, haben wir schon gemerkt, dass die Gewalt bei Kindern und Jugendlichen gestiegen ist. Der Begriff Gewalt ist natürlich weit gefasst. Das ist zum einen die Körperverletzung, da reden wir über die physische Gewalt. Aber auch die psychische Gewalt spielt eine Rolle. Sie betrifft zum Beispiel Mobbing oder Cybermobbing und findet sich nicht unbedingt in einer Statistik wieder, außer es gibt eine Anzeige.

In welchen Fällen kann psychische Gewalt angezeigt werden?

Frigger: Es ist möglich, eine Anzeige zu erstatten, wenn die psychische Gewalt darauf hinausläuft, dass ein Kind, Jugendlicher oder erwachsener Mensch durch die Einflussnahme etwa über das Netz physische Probleme entwickelt – zum Beispiel Depression oder Autoaggression. Dann steht es in einem kausalen Zusammenhang und es besteht durchaus die Möglichkeit, sich an die Polizei zu wenden und das zur Anzeige zu bringen.

Gibt es noch andere Formen psychischer Gewalt, von denen Sie erfahren?

Frigger: Ja, Stalking kann da auch eine Rolle spielen, oder auch Catcalling (sexuell anzügliches, belästigendes Verhalten im öffentlichen Raum wie Pfeifen, sexistische Sprüche oder anzügliche Blicke, Anm. d. Red.).

Wie läuft bei Ihnen ein typischer Schulbesuch ab?

Frigger: Für gewöhnlich rufen die Schulen bei mir an und fragen nach Präventionseinheiten in Sachen Medienkompetenz. Das beginnt in der Grundschule in der vierten Klasse und geht bis in die Erwachsenenbildung hinein. Eine Präventionseinheit dauert circa 90 Minuten. Ich unterhalte mich mit den Schülerinnen und Schülern, frage sie auch, ob sie bei bestimmten Trends oder Challenges im Internet mitmachen, und warne dann gegebenenfalls davor. Ich zeige Filme und kläre zum Beispiel darüber auf, was alles zu Straftaten gehört, was eine Beleidigung ist oder was es mit den Persönlichkeitsrechten auf sich hat. Also: Was darf ich verbreiten? Was darf ich nicht verbreiten?

Es gibt verschiedene Strafinhalte, die über Messenger-Dienste recht häufig verbreitet werden. Das ist zum Beispiel volksverhetzendes oder pornografisches Bildmaterial. Das haben wir recht häufig. Ich kläre darüber auf, dass es sich beim Versenden von pornographischen oder volksverhetzenden Bildern um Straftaten handelt. Dazu gebe ich den Schülerinnen und Schülern Tipps, wie sie sich selber davor schützen können, dass es automatisch heruntergeladen wird. Wenn Kinder oder Jugendliche ein Bild von sich versenden, das vielleicht freizügiger ist, und bei dem sie im nächsten Moment denken: ‚Oh, hätte ich das mal nicht gemacht‘, gibt es durchaus auch Möglichkeiten, dieses Bild für die Allgemeinheit zu sperren. Auch weise ich auf das Phänomen „Cybergrooming“ hin und erkläre den Schülerinnen und Schülern, dass sie mit ihren persönlichen Daten vorsichtig sein sollen und sie sich im Zweifel bei Kontakten im Internet Hilfe holen, zum Beispiel bei den Eltern und den Lehrkräften.

NCMEC (National Center for Missing and Exploited Children)

Über die gemeinnützige Organisation NCMEC (National Center for Missing and Exploited Children) in den USA kann mittels dem digitalen Tool „Take it down“ von einem verschickten Bild eine Datei generiert werden. Diese Datei (nicht das Bild, das auf dem eigenen Gerät verbleibt) wird dann an die Institution geschickt. Die Kooperationspartner dieser Institution, zu denen etwa die amerikanischen Internetanbieter und Serviceprovider Meta, Microsoft, Yahoo oder Google gehören, verhindern dann, dass diese Datei weiterverbreitet werden kann.

Was ist...

... ein Deepfake? Ein Deepfake ist ein KI-generiertes, manipuliertes Video, Bild oder eine Audio-Datei. Darin sagt oder tut eine Person etwas, das sie nie gesagt oder getan hat. Solche täuschend echten Fälschungen werden für böswillige Zwecke wie Propaganda, Rufschädigung und Betrug eingesetzt.

... ein Deepnude? Deepnudes sind KI-generierte Bilder, in denen Personen nackt dargestellt werden.

... Sextortion? Sextortion ist eine Form der Geld-Erpressung, bei der mit der Veröffentlichung von Nacktfotos oder -videos gedroht wird.

Was für Fragen stellen denn die Schülerinnen und Schüler?

Frigger: Zum Beispiel: Wann darf ich ein Bild von einer Person machen und wann darf ich das weiterverbreiten? Oder: Darf ich etwas kopieren im Netz und darf ich das dann für meine Hausaufgabe verwenden? Oder eben: Was ist mit einem Bild, wenn ich das verschickt habe? Was kann mir da passieren? Solche Fragen werden recht häufig gestellt und die kann ich im Laufe der Präventionseinheit beantworten. Das ist ja gerade das Schöne: Man kommt mit den jungen Menschen ins Gespräch und Fragen können beantwortet werden. Das ist wirklich gewinnbringend.

Was beschäftigt die Schülerinnen und Schüler noch?

Frigger: Neben dem Versenden von Bildern vor allem die KI (Künstliche Intelligenz, Anm. d. Red.). Seit geraumer Zeit ist es möglich, auch Deep Fakes oder Deep Nudes zu erstellen. Leider hatten wir schon die ersten Vorfälle, wo Menschen, die ganz normal fotografiert worden sind, mithilfe dieser Tools entkleidet worden sind und diese Bilder ins Netz gestellt wurden. Das hat natürlich für die Betroffenen, denen so etwas widerfährt, extreme Folgen. Sie haben ja keine Kontrolle mehr über dieses Bild und ich glaube, kein Mensch möchte sich so wiederfinden, auch wenn es nicht echt ist. Zudem wird darüber aufgeklärt, dass es sich bei der Verbreitung solcher Bilder um Straftaten handelt.

Solche Fälle gab es auch schon hier in der Region?

Frigger: Es kommt mittlerweile hier auch vor, ja.

Aber das betrifft doch keine Viertklässler, die haben doch noch gar kein Handy.

Frigger: Christa Frigger (lacht). Es fängt schon in der dritten Klasse an, dass Kinder ihr erstes Handy bekommen. Somit kommt es natürlich auch schon in jungen Jahren zu Problemen. Eltern sollten immer selber entscheiden, wann sie ihr Kind als kompetent genug betrachten, dass es mit Medien umgehen kann. Es bedarf aber natürlich einer engen Begleitung durch die Erziehungsverantwortlichen.

Wie ist denn das Feedback der Schülerinnen und Schüler?

Frigger: Ich frage nach einer Präventionseinheit für gewöhnlich, ob sie ein bisschen mitgenommen haben. Da bekomme immer das Feedback, dass Sachen dabei waren, die ihnen nicht bekannt waren und bei denen sie ein gutes Gefühl und Sicherheit haben, weil sie das jetzt gehört haben.

Sagen die Lehrkräfte, die dabei sind, auch was zu den Präventionseinheiten?

Frigger: Für die ist zum Beispiel der Umgang mit der Verbreitung von strafbaren Inhalten über Messenger-Dienste interessant oder welche neuen Phänomene es gibt, zum Beispiel Sextortion.

Schon wieder ein neues Wort. Wie informieren Sie sich über die neuen Trends?

Frigger: Man muss sich da ständig weiter informieren. Durch die Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern kriegt man schon viel mit. Bei der Polizei sehen wir ja zudem, welche Kriminalitätsphänomene sich niedersachsenweit oder bundesweit widerspiegeln. Auch bei Klicksafe (Informationskampagne der Europäischen Union für mehr Sicherheit und Kompetenz im Internet, mit vielen Tipps und Informationen für Kinder, Eltern und Lehrkräfte, Anm. d. Red.) hole ich mir sehr viele Informationen. Und es werden natürlich auch Fortbildungen angeboten.

Wie können Lehrkräfte und Eltern Ihrer Meinung nach dazu beitragen, dass Gewalt und Mobbing an Schulen gar nicht erst entstehen?

Frigger: Was wir uns wünschen, ist, dass die Erziehungsverantwortlichen ihre Kinder unterstützen und sie eng begleiten. Schulen machen da schon sehr viel. Es werden sehr frühzeitig präventive Angebote in der Schule verankert, gerade betreffend Medienkompetenzen und ähnlichem.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen bei der Präventionsarbeit an Schulen – gerade in Bezug darauf, dass Sie die einzige Person für diesen Bereich sind?

Frigger: Einen Großteil der Schülerinnen und Schüler auch tatsächlich zu erreichen. Wir haben sehr viele Schulen hier im Bereich Leer/Emden. Wenn die Anfragen kommen, dann versuche ich die Anfrage so zu bedienen, dass ich möglichst viele Schulen auch erreiche.

Haben Sie selbst in Ihrer eigenen Schulzeit Erfahrungen mit Gewalt oder Mobbing gemacht?

Frigger: Bei uns in der Jugend gab es natürlich auch Mobbingfälle, aber das war anders. Es spielte sich in einem kleineren Kontext ab. Heutzutage, wenn man über Cybermobbing spricht, dann beschäftigt das die Kinder und Jugendlichen 24 Stunden lang, sieben Tage jede Woche. Es ist ja jederzeit präsent. Jeder hat ein Handy, jeder kann es mitverfolgen und die Breite, in der Inhalte gestreut werden, ist nicht so überschaubar, wie es damals gewesen ist.

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