35 Jahre Kulturverein  Yeziden in Ostfriesland – so fing alles an

Karin Lüppen
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Von Karin Lüppen
| 04.10.2025 13:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Pflege von Musik und Tanz ist eines der Ziele des Yezidischen Kulturvereins. Foto: Vivien Buntjer
Die Pflege von Musik und Tanz ist eines der Ziele des Yezidischen Kulturvereins. Foto: Vivien Buntjer
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Der Yezidische Kulturverein Ostfriesland wurde 1990 gegründet und ist heute der älteste in Deutschland. Bei einer Feier wurde unter anderem der Anfänge gedacht.

Warsingsfehn - Mindestens 3000 Kilometer Luftlinie trennen Moormerland von der Türkei, Syrien oder dem Irak. Die Unterschiede könnten kaum größer sein – und doch empfinden viele Yeziden, die seit den 1980er Jahren nach Leer, Moormerland und andere Orte kamen, Ostfriesland jetzt als ihre Heimat. „Wir sind ein Teil der ostfriesischen Gesellschaft geworden“, beschreibt es Volkan Pamukcu, Vorsitzender des Yezidischen Kulturvereins Ostfriesland.

Volkan Pamukcu (links) und Kadri Tunc sind die Vorsitzenden des Yezidischen Kulturvereins. Foto: Vivien Buntjer
Volkan Pamukcu (links) und Kadri Tunc sind die Vorsitzenden des Yezidischen Kulturvereins. Foto: Vivien Buntjer

Diese Gemeinschaft hat jetzt ihr 35-jähriges Bestehen gefeiert und damit gleichzeitig mehr als drei Jahrzehnte Integration. Die ersten Yeziden kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland, später viele Kurden, die von dort und aus Syrien geflohen waren, weil ihnen als religiöser und ethnischer Gruppe Verfolgung und Gewalt drohte. In ihren Herkunftsländern sind sie nach Vertreibung und Völkermord nur noch eine kleine Minderheit.

Viele kamen als Analphabeten

„Weltweit gibt es etwa eine Million Yeziden“, sagt Pamukcu. Die größte Gemeinde gebe es noch im Irak, dann komme schon Deutschland als Heimat in der Diaspora mit etwa 300.000 Menschen. „Die erste Generation hat sich bewusst dafür entschieden“, so Pamukcu. Viele Yeziden seien ohne jede Schulbildung in Deutschland angekommen, einige hätten kaum mehr als ihren Namen schreiben können. Um sich gegenseitig zu unterstützen und eine Organisation als Anlaufstelle zu haben, wurde der Kulturverein gegründet.

Der Yezidische Kulturverein Ostfriesland hat ein eigenes Haus in Warsingsfehn. Dort wurde kürzlich das 35-jährige Bestehen gefeiert. Foto: Vivien Buntjer
Der Yezidische Kulturverein Ostfriesland hat ein eigenes Haus in Warsingsfehn. Dort wurde kürzlich das 35-jährige Bestehen gefeiert. Foto: Vivien Buntjer

Er habe großen Respekt vor den Gründern des Kulturvereins, die sich bei den deutschen Behörden erkundigten, was für die Gründung und Eintragung des Kulturvereins gebraucht wurde. Trotz ihrer geringen Kenntnisse sei ihnen das gelungen. Heute hat der Yezidische Kulturverein rund 300 Mitglieder und ist der älteste seiner Art in Deutschland. „In den folgenden Generationen haben es die Kinder zu Akademikern und Unternehmern geschafft“, so Pamukcu. Das sei unter anderem dem Kulturverein zu verdanken, der seinen Mitgliedern Halt und Hilfe gab.

Yeziden zu einer Minderheit geworden

Die yezidische Religion verehre genau wie das Christentum einen Gott. Aber es gebe keine dogmatischen Grundsätze, kein missionarisches Verhalten. Die Yeziden, die im Allgemeinen zu den Kurden gezählt werden, haben eine eigene Sprache und Kultur. „Unser Glaube wird seit Jahrtausenden praktiziert“, sagt Pamukcu, aber die Gruppe sei zu einer Minderheit geworden. 2014 erschütterte der Völkermord des Islamischen Staates (IS) an den Kurden im Nordirak die Gemeinschaft. Vor allem Frauen und Kinder wurden verschleppt, Familien wurden heimatlos.

In Ostfriesland seien die Yeziden freundlich aufgenommen worden. Etwa 5000 lebten heute in der Region. „Die Ostfriesen haben selbst eine bedrohte Sprache“, nennt Pamukcu eine Ähnlichkeit. Manche seiner Landsleute hätten nach ihrer Ankunft sogar Plattdeutsch gelernt, wenn es mitunter auch nur wenige Sätze seien. Zur Jubiläumsfeier kamen Gäste aus Moormerland und umzu, wie die Bundestagsabgeordnete Anja Troff-Schaffarzyk (SPD), der stellvertretende Bürgermeister von Moormerland, Berthold Koch oder der Vorsitzende des Schützenvereins Neermoor, Hans-Georg Stulken.

Berthold Koch vertrat die Gemeinde Moormerland als stellvertretender Bürgermeister bei der Feier. Foto: Vivien Buntjer
Berthold Koch vertrat die Gemeinde Moormerland als stellvertretender Bürgermeister bei der Feier. Foto: Vivien Buntjer

Pflege der eigenen Kultur bleibt wichtig

Gefeiert wurde in den Räumen des Kulturvereins in Warsingsfehn. Das Haus habe der Verein etwa zehn Jahre nach der Gründung kaufen können. Die Räume wurden in Eigenarbeit saniert und wurden zum Mittelpunkt für die yezidische Gemeinschaft. „Unser Frauenkomitee hat daran großen Anteil“, sagt Pamukcu, „ohne sie wäre vieles nicht möglich.“ Der Verein möchte die eigene Kultur pflegen und bietet unter anderem Kurse in der eigenen Sprache an. „Es ist wichtig, dass man aktiv am Ball bleibt“, sagt der Vorsitzende.

Die Frauen des Kulturvereins sind ein wichtiger Teil der Gemeinschaft. Foto: Vivien Buntjer
Die Frauen des Kulturvereins sind ein wichtiger Teil der Gemeinschaft. Foto: Vivien Buntjer

Religion, Musik und Tanz sollten nicht in Vergessenheit geraten, dazu müsse man das Interesse der Jüngeren wecken. Außerdem wolle der Kulturverein weiterhin die yezidische Kultur nach außen vertreten und den Menschen möglicherweise vorhandene Ängste nehmen. „Das kann man offen ansprechen“, sagt Pamukcu. Integration sei eine „Hol- und Bringschuld“. Das Miteinander könne gut gelingen, „aber das passiert nicht von allein“. Der Kulturverein wolle dazu beitragen, dass Ostfriesland eine interessante Gegend für die nächste Generation bleibe.

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