Berlin  Bodo Ramelow: „Unsere nationalen Symbole werden jeden Tag mit Füßen getreten“

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 03.10.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Linken-Politiker Bodo Ramelow (69) meint: „Der psychologische Zustand unserer deutschen Einheit ist so verheerend in den Vorurteilen, die Osten und Westen übereinander pflegen.“ Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Linken-Politiker Bodo Ramelow (69) meint: „Der psychologische Zustand unserer deutschen Einheit ist so verheerend in den Vorurteilen, die Osten und Westen übereinander pflegen.“ Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
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Bodo Ramelow redet auch in seiner staatstragenden neuen Rolle als Bundestagsvizepräsident noch Klartext. So denkt der Linken-Politiker über die deutsche Einheit.

Bodo Ramelow stammt aus dem Westen, war aber zehn Jahre lang der bisher erste und einzige Ministerpräsident der Linkspartei in Thüringen. Der 69-jährige frühere Gewerkschafter ist heute Vizepräsident des Bundestages. Gerade erst hat er vorgeschlagen, Deutschland solle über eine neue Nationalhymne abstimmen. Wir trafen ihn zum Video-Interview über 35 Jahre Deutsche Einheit. Ein Gespräch über nationale Symbole und Befindlichkeiten:

Frage: Herr Ramelow, 35 Jahre Deutsche Einheit - was gibt es zu feiern?

Antwort: Für mich sind die Jahre 1989 und 1990 tief eingegraben in meine Seele. Ich bin Teil einer Westost-Familie, einer zerrissenen Familie. Das erste Weihnachten 1989 mit meiner ganzen Familie war für mich ein emotionales Weihnachten sondergleichen. Und natürlich hat die Wiedervereinigung mein Leben radikal verändert.

Frage: Aber was hat das Land nun 35 Jahre später zu feiern, wenn nur 35 Prozent der Deutschen finden, es sei zusammengewachsen?

Antwort: Wir haben viel falsch gemacht: Wir haben zwar die gleiche Sprache gesprochen, aber wir haben häufig ganz unterschiedliche Dinge gemeint oder Begriffe haben ganz andere Bedeutungen. Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass wir lieber eine andere Sprache gesprochen hätten, damit wir uns Mühe geben beim Übersetzen. So war die Übersetzung häufig eine westdeutsche Übersetzung, bei dem das ostdeutsche Gefühl gar nicht mit übersetzt wurde. Die wirtschaftliche Einheit ist viel, viel besser, als sie wahrgenommen wird. Und die emotionale Vereinigung ist viel, viel schlechter. Der psychologische Zustand unserer deutschen Einheit ist so verheerend in den Vorurteilen, die Osten und Westen übereinander pflegen. Die einen reden von den anderen, dort sei alles blau, und die anderen antworten dann darauf und sagen, wir lassen uns gar nichts mehr sagen.

Frage: Lässt sich das noch heilen?

Antwort: Ich werbe weiter für meinen Vorschlag: Ich rate dringend dazu, dass wir über unsere Verfassung abstimmen, so wie es im Grundgesetz im Artikel 146 vorgesehen ist. Und ich würde anregen, dass wir über die Fahne, unsere Nationalflagge, über die Nationalhymne und über den 3. Oktober abstimmen. Das sind die Dinge, die für uns prägend sind, und sie sollten durch eine Volksabstimmung bestätigt werden. Ich erlebe jeden Tag in Ostdeutschland, wie das alles entwertet wird, wie der 3. Oktober lächerlich gemacht wird, wie die deutsche Fahne verkehrt herum aufgehängt wird, wie auf AfD-Veranstaltungen die erste Strophe des Deutschlandlieds gesungen wird. Unsere nationalen Symbole werden jeden Tag mit Füßen getreten. Das zahlt am Ende bei jenen ein, die diesen Staat verachten. Wenn wir dieses Volk zusammengehörig entwickeln wollen, dann braucht es eine gemeinsame Grundlage, auf die wir uns neu verständigen sollten. 

Frage: Ein Kollege vom Stern hat Sie gerade als „Verhaltensossi” bezeichnet, weil Sie zwar aus dem Westen stammen, sich aber benähmen wie ein Ossi. Finden Sie, das ist eine treffende Beschreibung?

Antwort: Das ist mir wurscht. Ich versuche nur zu beschreiben, was offenkundig niemand hören will.

Frage: Was will denn niemand hören?

Antwort: Die deutsche Einheit war wohl auch ein starker Traum vom Golf GTI oder auch der Flug nach Mallorca. Das Versprechen der blühenden Landschaften war vielleicht unbewusst, aber eben leider doch auch ein Anknüpfen an das alte Politikmodell der SED - das war nämlich auch ein Heilsversprechen von oben herab. In der DDR war vieles verbunden mit einem materiellen Anreiz, eine materielle Konditionierung. Für viele Menschen, die während der friedlichen Revolution hinter der Gardine abwarteten, was passieren würde, gab es nie die Erfahrung der Selbstermächtigung und der daraus entstehenden Eigenverantwortung. Diejengen, die Angst überwunden und den Leipziger Ring gefüllt haben, wollten raus aus der Erstarrung. Mit dem Versprechen auf blühende Landschaften konnten die aus den Friedensgebeten Kommenden wenig anfangen - bis heute nicht. Aber die Mehrheiten haben sich dann zu Gunsten der materiellen Konditionierung gedreht. Legendär bleibt das Plakat: Kommt die DM nicht zu uns, gehen wir zu ihr!

Frage: Wenn Ostdeutsche sich vom Westen übergangen fühlen: Wie ist dann zu erklären, dass sie einer westdeutschen Partei wie der AfD jetzt offenbar mehr vertrauen als Ihrer Linken, die im Osten einmal Volkspartei war?

Antwort: Die AfD wird nicht als westdeutsche Partei wahrgenommen. Der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke maßt sich an, für „den Osten“ zu sprechen. Und wenn Herr Höcke dann diesen wirklich bösen Satz sagt, dafür seien „wir“ nicht auf die Straße gegangen, dann ist das eine kulturelle Aneignung der schlimmsten Form. Er war beim Mauerfall ein 17-jähriger Rotzlöffel im Westen! Und trotzdem haben die Leute das Gefühl: Endlich gibt es denen da oben mal einer so richtig mit. Und damit sind wir auch bei dem Problem meiner Partei. Ich war zehn Jahre Ministerpräsident, aber damit waren wir nicht mehr die Rebellen gegen die da oben, sondern ich war Teil dessen, was dann auf einmal da oben war. Die Guerillapartei gegen die da oben, gegen die im Westen und gegen die Amis, das ist jetzt die AfD.

Frage: Besonders ernüchternd war für viele der Blick auf die komplett blau eingefärbte ostdeutsche Landkarte bei der Bundestagswahl….

Antwort: Und da fahre ich Ihnen heftig in die Parade, weil mich diese Sicht ärgert! Diese blaue Karte sagt, 33 Prozent haben bei der Bundestagswahl im Osten AfD gewählt. Diese blaue Karte, die im Westen gezeigt wurde, lässt 67 Prozent derer, die nicht blau gewählt haben, einfach verschwinden. Es war eine bittere Erkenntnis, am nächsten Tag alle westdeutschen Zeitungen zu sehen, wo diese blaue Karte abgebildet war. Die Mehrheit der Menschen in den neuen Bundesländern, die nicht mit der AfD abgebildet sein wollen, wurden vor den Kopf gestoßen.

Frage: Ihre Parteigenossin Heidi Reichinnek hat gerade festgestellt, dass das System in der DDR kein echter Sozialismus war. Träumen Sie von einem weiteren Versuch?

Antwort: Ich kenne Heidi gut genug. Sie sagt das tatsächlich, weil sie überzeugt ist, dass das kein Sozialismus in dem Sinne war, wie man sich eigentlich Sozialismus wünscht. Ich als Christ glaube auch an was Besseres. Und es mir egal, ob ich dabei auf einen Sozialismus oder das Paradies hinarbeite. Es ist doch wurscht, ob wir am Sozialismus arbeiten, solange wir nicht an der Rückkehr der DDR arbeiten. Ich habe viel mehr Angst vor den Zuckerbergs und vor den Peter Thiels dieser Welt, die jetzt mit Herrn Trump zusammen unterwegs sind und diese Welt umgestalten wollen in einer Art und Weise, die uns allen Hören und Sehen vergehen lassen wird. Dann will ich lieber von einem Sozialismus träumen, der jedenfalls soziale Verantwortung meint.

Frage: Was halten Sie von der Idee, frühere Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR anzubieten, als Reservisten der Bundeswehr zu dienen?

Antwort: Wieder so eine irre Debatte. Mein Mitstreiter Dietmar Bartsch verweist auf eine merkwürdige Situation. Die Bundeswehr hat vor 35 Jahren begonnen, die NVA zu integrieren. Standorte, Kasernen, Material und Personal. Aber die DDR-Reservisten nicht. Es geht darum, diese merkwürdige Ungleichbehandlung zu beenden. Aber das fortgeschrittene Lebensalter der Angesprochenen scheint mir doch als Hinweis, dass es eine Scheindebatte ist.

Frage: Ein anderes Thema: Sie waren oft in Israel und kennen sich im Nahostkonflikt sehr gut aus. Überrascht Donald Trump Sie gerade positiv mit seinem Friedensplan?

Antwort: Ich halte nichts von Trump und seiner Politik. Aber offenbar ist es der US-Regierung gelungen, auch Staaten der Region dafür zu gewinnen, der notwendigen Entwaffnung der Hamas und der Freilassung der Geiseln zuzustimmen. Das wären wichtige Grundlagen für einen möglichen Frieden.

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