Berlin  Trachten und Tradition: Wie rechte Frauen für ihr Netzwerk rekrutieren

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 01.10.2025 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Frauen sollen der rechtsextremen Szene ein freundliches Gesicht verleihen und helfen, anschlussfähiger zu werden. Hier marschieren sie mit der Identitären Bewegung durch Berlin. Foto: imago/Christian Mang
Frauen sollen der rechtsextremen Szene ein freundliches Gesicht verleihen und helfen, anschlussfähiger zu werden. Hier marschieren sie mit der Identitären Bewegung durch Berlin. Foto: imago/Christian Mang
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Nettes Auftreten, radikale Ansichten: Junge Frauen in der rechten Szene treten zunehmend in den Vordergrund. Sie geben sich als Hüterinnen „traditioneller Werte“ und lassen die Grenze zum Extremismus verschwimmen. Auch zur AfD gibt es Verbindungen.

Die junge Frau, die sich in den sozialen Medien Isi nennt, steht vor einem Kleiderschrank und filmt sich selbst. Mit ernster Stimme und auf Englisch trägt sie Zahlen deutscher Sicherheitsbehörden vor: 36 Vergewaltigungen pro Tag habe es 2024 gegeben, mehr als die Hälfte der Täter seien Ausländer gewesen. „Unsere Frauen, unsere Mädchen, unsere Töchter sind im öffentlichen Raum nicht mehr sicher“, behauptet sie.

Der Schnitt ist schnell, mehrfach blitzen Statistiken auf. So sehen Clips aus, die Reichweite bringen. Aber in diesem Video werden auch Artikel der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ eingeblendet, ein Sprachrohr der Neuen Rechten. Am Ende dreht sich Isi einmal im Kreis, fast tänzerisch, und nennt feierlich ihr eigentliches Ziel: „Nur Remigration kann Europa retten.“

Mitte September wird das Video auf der Plattform X veröffentlicht, auf einem Account namens Lukreta. Isi fungiert nach eigenen Angaben als Sprecherin des Frauennetzwerks. Lukreta beschreibt sich selbst als Initiative, die sich für „Frauenrechte und gegen die Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Raum“ einsetzt. Das klingt harmlos. Unauffällig sind auch die Posts auf Social Media, zumindest auf den ersten Blick. Man sieht viel Naturverbundenheit, Weiblichkeit. Wer sich aber intensiver mit den Beiträgen auseinandersetzt, erkennt, dass es sich um Frauen mit radikaler Gesinnung handelt.

In zahlreichen Beiträgen auf X und Instagram propagiert die Organisation die „Remigration“ von Ausländern. Mit dem rechtsextremen Kampfbegriff sind massenhafte Abschiebungen von Menschen mit Migrationshintergrund gemeint, mitunter auch von deutschen Staatsbürgern. Das eingangs erwähnte Video ist nur ein Beispiel. Ein anderes ist ein Bild, das Lukreta kürzlich auf Instagram hochgeladen hat. Fünf Frauen in weißen Trachten stehen vor einer saftigen Bergkulisse, wie in einem alten Heimatfilm. „Remigration brings Peace“, heißt es darunter. Und: „Unsere Heimat braucht uns.“

Eine der Frauen auf dem Foto ist Reinhild Boßdorf. Die Tochter der AfD-Europaabgeordneten Irmhild Boßdorf hat 2019 Lukreta gegründet, um in der rechten Szene einen „Frauenraum“ zu schaffen. So hat die 26-Jährige das mal formuliert. Das „Hauptaugenmerk“ von Lukreta sei es, „authentisch Fälle von importierter Gewalt“ aufzugreifen. Online inszeniert sich die Gruppe als Beschützerin von Frauen. Doch sexualisierte Gewalt wird ethnisiert, Ausländer als bedrohliches Kollektiv stilisiert.

In Nordrhein-Westfalen beobachtet der Verfassungsschutz das völkische Frauennetzwerk, nicht zuletzt, weil es als Nachfolgegruppierung der rechtsextremen Identitären Bewegung gilt. Die Einschätzung kommt nicht von ungefähr: Vor Lukreta engagierte sich Gründerin Boßdorf bei den Identitären. Auf eine Interviewanfrage unserer Redaktion reagierte sie nicht. Aktiv für Lukreta ist auch Marie-Thérèse Kaiser, AfD-Politikerin und Mitarbeiterin von Parteichefin Alice Weidel.

Es sind nach wie vor Männer, die die rechte Szene dominieren. Der Verfassungsschutz schätzt den Frauenanteil bundesweit auf etwa ein Sechstel. Dennoch treten Frauen zunehmend in Erscheinung. Das zeigt sich nicht nur bei rein weiblichen Gruppen wie Lukreta, sondern auch auf Kundgebungen von „Die Heimat“, „Der III. Weg“ oder den „Freien Sachsen“. Junge, gut aussehende Frauen, die vorne mitmarschieren und Stimmung gegen Andersdenkende machen. Obwohl deutlich in der Unterzahl, fallen sie allein schon optisch unter den oft aggressiv auftretenden und breitschultrigen Männern auf solchen Veranstaltungen auf.

Michaela Köttig forscht seit 30 Jahren zur rechten Szene und kann erklären, welche Rolle Frauen dort spielen. Zunächst, sagt die Soziologin von der Frankfurt University of Applied Sciences in Frankfurt am Main, müsse man verstehen, wie sich die Szene verändert hat. „Seit den frühen 2000ern bemüht sich die extreme Rechte darum, in allen gesellschaftlichen Bereichen Fuß zu fassen.“ In den 90er-Jahren, die Zeit der „Baseballschlägerjahre“, habe sie sich eher nach außen abgeschottet.

Bei dieser Entwicklung komme auf Frauen eine Schlüsselfunktion zu. „Rechte Gruppen setzen gezielt auf weibliche Gesichter, um sich nach außen harmloser zu geben.” Die Taktik dahinter: Frauen sollen als unscheinbare Türöffnerinnen in die Szene fungieren, um Nachwuchs zu rekrutieren. Auch sollen sie es den Organisationen erleichtern, Räumlichkeiten anzumieten und Kundgebungen anzumelden.

Man dürfe die Frauen aber nicht automatisch der Bewegung der Tradwives zuschreiben, der traditionellen Hausfrauen, ein erfolgreicher Social-Media-Trend, der aus den christlich-fundamentalistischen Winkeln der USA stammt. Viele Aktivistinnen wollen mehr, so die Wissenschaftlerin. Nicht nur hinterm Herd stehen und auf den Ehemann warten.

Auch bei Lukreta zeigt sich dieser Anspruch. Das Bild der eifrig kochenden und treusorgenden Mutter wird zwar zum Fundament der Kernfamilie erklärt. Doch zugleich wollen die Frauen auch politisch hervorstechen. Im Juni riefen sie zum „Stolzmonat“ auf, wobei es sich um eine Kampagne in den sozialen Netzwerken für Nationalstolz handelt, lanciert aus rechtsextremen Kreisen als Gegenentwurf zum „Pride Month“. Unter dem gleichnamigen Hashtag postete Lukreta Fotos von Frauen mit Deutschlandflaggen, oft im Kleid, oft im Wald. Hunderten Nutzern gefiel das.

Sicherheitsbehörden gehen zwar davon aus, dass der Einfluss von Lukreta gering ist – 14.000 Follower auf Instagram, 11.000 auf X. Allerdings beschränkt sich der Aktivismus nicht nur aufs Netz. 2024 etwa trat Gründerin Boßdorf im sachsen-anhaltischen Schnellroda beim Sommerfest des Antaios-Verlags auf, den der einflussreiche Ideologe Götz Kubitschek leitet und den der Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ einstuft.

Auch auf der Straße zeigen Boßdorf und ihre Mitstreiterinnen Präsenz: Beim „Marsch für das Leben“ in Köln und Berlin demonstrierten sie jüngst gegen Abtreibungen. Oder, wie es Lukreta ausdrückt: „Für echte Kinderrechte“. Zudem veranstaltet die Gruppe sogenannte Frauenkongresse, die auch von Politikern der AfD besucht werden. In der Vergangenheit wurde bei diesen Events etwa über die „gefährliche Transideologie“ der EU diskutiert. So verschafft sich Lukreta über ihre Online-Reichweite hinaus Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum.

Transidentität gehört ohnehin zum festen Feindbild Lukreta. Für die Aktivistinnen ist die binäre Geschlechterordnung die einzig gültige, das Selbstbestimmungsgesetz erscheint ihnen als Bedrohung.

Ablehnung von Abtreibung, Feindseligkeit gegenüber Transpersonen, dazu die Idealisierung der Frau als Mutter und Ehefrau: Dass Lukreta gerade diese Themen in den Vordergrund stellt, ist für Soziologin Köttig kein Zufall. „Unsere Gesellschaft, etwas einfach formuliert, driftet zunehmend auseinander“, sagt sie. „Die einen streben nach Vielfalt und sexuelle Selbstbestimmung, die anderen treiben eine Rückkehr zu traditionellen Rollenbildern voran.“

Lukreta bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld, gibt sich dadurch als „traditionsbewusster“ Gegenpol zu einer liberalen Gesellschaft. Es ist ein Muster, das man auch bei anderen Gruppen erkennt. Dazu zählt der „Mädelbund Sachsen“: die Frauenorganisation innerhalb der „Jungen Nationalisten“, der Jugendorganisation der NPD-Nachfolgepartei „Die Heimat“. Auch der „Mädelbund“, angelehnt an den Bund Deutscher Mädel während der NS-Zeit, setzt auf konservative Geschlechterbilder und mobilisiert zu Protesten gegen den „Christopher Street Day“.

Das Hausprojekt „Castell Aurora“ im österreichischen Streyregg bei Linz gilt als Begegnungsstätte der deutschsprachigen neurechten Szene. Vor wenigen Tagen kamen hier Vertreter der Szene zusammen, um über „Kulturpolitik von rechts“ zu diskutieren. Unter den Anwesenden: Ein Kinderbuchverlag, AfD-Mitglieder und Reinhild Boßdorf.

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