Fleischereien im Wandel der Zeit  Als es noch drei Schlachtereien allein am Untenende gab

| | 30.09.2025 10:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Gebäude hat sich äußerlich kaum verändert. Im rechten Teil war die Fleischrei Ahlers. Das Foto wurde zur Zeit des Backshops vor rund zehn Jahren aufgenommen.
Das Gebäude hat sich äußerlich kaum verändert. Im rechten Teil war die Fleischrei Ahlers. Das Foto wurde zur Zeit des Backshops vor rund zehn Jahren aufgenommen.
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Es gibt immer weniger Fleischereien im Oberledingerland. Einst gab es allein am Untenende in Westrhauderfehn drei Betriebe. Eine Zeitreise.

Oberledingerland - Ende Oktober schließt die Schlachterei Gerdes in Langholt. Es ist einer der letzten Betriebe dieser Art in der Region. Eine Branche, die einst mit vielen Betrieben in der Region verankert war, verschwindet.

Familienbetriebe prägen das Fehnland

„Etwa um 1850 ließ sich der erste Schlachter nieder“, heißt es in der Chronik dieser Zeitung zum 225. Geburtstag der Rhauder Fehne aus dem Jahr 1994. Zur Einordnung: Die drei Orte Westrhauderfehn, Rhaudermoor und Ostrhauderfehn wurden 1769 gegründet. 1810 erhielt Stephan Hagius eine Genehmigung zum Verkauf von Krämer-, Manufaktur- und Eisenwaren. Vermutlich 1812 erhielt Westrhauderfehn Marktrechte, 1848 wurde die heutige Hoffnungskirche eingeweiht. Bäcker, Frisöre, Schuhmacher folgten erst später. Der Name des ersten Schlachters in Westrhauderfehns wird in der Chronik nicht genannt.

Schlachter Renken und die Entwicklung der Fleischereien

Nicht auf dem Bild: Im rechten Teil des Gebäudes der Werkstatt Austermann war die Fleischerei Ahlers. Foto: GA-Archiv
Nicht auf dem Bild: Im rechten Teil des Gebäudes der Werkstatt Austermann war die Fleischerei Ahlers. Foto: GA-Archiv

Friedrich Hoek berichtet in seiner Ortschronik, dass der Schlachter und Kaufmann Harm Janssen Klock aus Bingum 1860 ein Geschäft in Westrhauderfehn bauen ließ – und schon seit 1847 ein Geschäft betrieben hat. War Klock somit der erste Schlachter vom Fehn? Sicher ist, dass später Klocks Sohn Carl den Betrieb übernahm. Die Familie betrieb das Geschäft bis 1975. Im Jahr darauf mietete Theo Düring die Räume. Eine Leserin aus Rhauderfehn schreibt an die Redaktion, dass sie die Schlachterei noch als Kind in den 1960er Jahren kennt: „Als Kind habe ich noch gute Erinnerungen an die Familie Klock, als wir dort mit der Mutter eingekauft haben.“ In Erinnerung geblieben ist ihr noch die Scheibe Wurst, die für Kinder bei den Einkäufen gab.

Vereinsleben und Persönlichkeiten im Fehnland

Eine der ersten Schlachtereien, deren Geschichte sich besser zurückverfolgen lässt, ist die von Harm Renken. Laut Ortschronik von Hoek, hat Renken 1903 seine Prüfung abgelegt und ist von Loga nach Westrhauderfehn gezogen. Er eröffnete sein Geschäft neben dem Kolonialwarenladen von Olligs Kramer. Renken sollte großen Einfluss auf die Fleischerei von Westrhauderfehn haben. Außer seinem eigenen Betrieb bildete er noch mit Johann Ahlers einen langjährigen Fleischer vom Fehn aus. 1920 ging Ahlers bei ihm in die Lehre. Anschließend machte er sich auf der anderen Seite des Untenendes selbstständig. Beide Betriebe gab es bis um die Jahrtausendwende. Renken war außerdem Gründungsmitglied und vier Jahre lang (von 1920 bis 1924) Vorsitzender des Fußballvereins Sportvereinigung Westrhauderfehn. Beide Vereine fusionierten später zum heutigen TuRa 07 Westrhauderfehn. Weiter engagierte sich Renken auch als Sänger des MGV Immergrün. Auch in dem Chor wurden in den Anfangsjahren vermutlich nur angesehene Fehntjer aufgenommen. Erster Liedervater war beispielsweise der Schiffbauer Harms - einer der Werftchefs vom Fehn.

Das Untenende von Westrhauderfehn um 1912. Foto: GA-Archiv
Das Untenende von Westrhauderfehn um 1912. Foto: GA-Archiv

Renken war offenbar im Ort hoch angesehen. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Sportvereins TuRa 07 Westrhauderfehn, damals noch Männerturnverein. In der Chronik zum 100. Geburtstag des Vereins werden der hochgeachtete Dr. Walter Trepte, der Buchhalter der Holzhandlung Graepel, der Auktionator Heiko Athen, der Buchhalter des Kaufhauses Hagius Hinrich Klinkhamer, der Uhrmacher Simon Müller und der Lehrer Meinert Oltmanns aufgezählt.

Erinnerungen an die Schlachterei Ahlers

Zum 50-jährigen Bestehen wurde bei Ahlers geschmückt. Foto: Sammlung Ahlers
Zum 50-jährigen Bestehen wurde bei Ahlers geschmückt. Foto: Sammlung Ahlers

An jenen Betrieb auf der südlichen Seite des Untenendes erinnert sich Antje Ahlers noch gut. Sie hat dort gemeinsam mit ihrem Mann Johann Ahlers jun., Sohn des Firmengründers, von 1963 bis 1992 den Betrieb geführt. Die Anfänge kennt sie allerdings nur aus Erzählungen. Der Firmengründer zog zunächst nicht in das eigene Gebäude mit der Werkstatt Austermann, sondern erst 1928 in das von der Fischhandlung Hündling, heute nahe dem Eiscafé Bei Bruno. „Geschlachtet wurde damals in Ostrhauderfehn und am Untenende verarbeitet“, sagt Ahlers. 1954 wurde dann der Neubau bezogen. In dem hat auch Antje Ahlers gearbeitet. Etwa um die Zeit als der Neubau bezogen wurde, stieg Johann Ahlers jun. in den Betrieb ein. „Damals gab es mehrere Schlachter am Untenende“, sagt sie. Außer dem eigenen Betrieb war da Schlachter Schmidt, der mittlerweile das Geschäft von Renken übernommen hatte. Außerdem gab es noch Klock, und die Schlachterei Decker nahm wenige Jahre später an der Rhauderwieke den Betrieb auf.

Handwerk und Rezepte im Wandel der Zeit

Die markante blaue Außenmauer gibt es immer noch, die Ford-Werkstatt im Hintergrund schon lange nicht mehr. Foto: Sammlung Ahlers
Die markante blaue Außenmauer gibt es immer noch, die Ford-Werkstatt im Hintergrund schon lange nicht mehr. Foto: Sammlung Ahlers

Ahlers erinnert sich noch gut an den Betrieb. Zu tun gab es trotz der Mitbewerber in unmittelbarer Nähe genug. „Wir hatten einen zweiten Meister eingestellt“, sagt sie. Am Untenende wurde regelmäßig geschlachtet. Ihrem Mann war es wichtig, dass alles aus eigener Herstellung stammt. Das war in jenen Tagen auch bei den meisten Mitbewerbern so üblich. Und noch etwas war wichtig: Die Betriebe hatten alle ihre eigenen Rezepturen. „Wir hatten Rezepte aus Schlesien“, sagt Ahlers. Um 1945 habe ein Fleischer namens Herzog bei ihnen gearbeitet, der sich später in Emden niedergelassen hatte, so die Fehntjerin. Nach dessen Rezepten hätten sie noch viele Jahre um Weihnachten und Silvester die Spezialität „Schlesische Weisse“ hergestellt. Freitags gab es immer bayerischen Leberkäs aus dem Backofen. „Der ganze Laden duftete danach.“ Typisch Ostfriesisch gab es auch Snirtje. Snirtje wurde nur im Winter verkauft. Das hatte einen Grund: „Das wurde am Tag vorher geschlachtet und kam nicht in den Kühlraum“, sagt Ahlers. So war das Schweinefleisch immer besonders frisch.

Letzte Jahre und das Ende der Schlachtertradition

Antje und Johann Ahlers jun. führten das Geschäft bis 1992. In den letzten Jahren hätten sie den Verkaufsraum verkleinert und einen Imbiss eröffnet, erzählt Ahlers. Auch dort hätten sie Wert auf eigene Herstellung gelegt. Dann war Schluss.

Das Geschäft am Untenende. Foto: Sammlung Ahlers
Das Geschäft am Untenende. Foto: Sammlung Ahlers

Einige Jahre länger gab es noch die Fleischerei Schmidt, in der Renken Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen hat. Sohn Peter Schmidt führte das Geschäft laut Hoek bis etwa 2004. An den Betrieb kann sich auch noch die Fehntjer Leserin gut erinnern: „Dort gab es das besondere Labskaus aus eigener Herstellung und zum Martinisingen Wiener Würstchen“.

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