Osnabrück Nahrung im Müll, Moral auf dem Prüfstand – die Auswüchse der Wegwerfgesellschaft
Millionen Tonnen genießbarer Lebensmittel landen jährlich im Müll. Dabei schieben immer mehr Bürger Hunger und Idealisten werden kriminalisiert. Dieser Skandal der Überflussgesellschaft schreit nach einer Korrektur.
Was für ein Irrsinn: Rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen jährlich im Müll, obwohl sie noch essbar sind. Gleichzeitig müssen immer mehr Menschen jeden Euro zweimal umdrehen, um satt zu werden. Das ist skandalös.
Noch absurder wird es, wenn Hungernde oder Idealisten, die „Containern“, also Nahrung aus dem Müll von Supermärkten vor der Vernichtung retten, wegen Diebstahls als Straftäter gelten. Einmal mehr wird unsere „Wegwerfgesellschaft“ ihrem Namen auf unrühmliche Weise gerecht.
Die bundesweite Aktionswoche „Zu gut für die Tonne“ soll für die Verschwendung von Lebensmitteln nun sensibilisieren. Die SPD macht dazu den Vorstoß, es Einzelhändlern zu erleichtern, noch genießbare Lebensmittel zu verschenken und das Containern, zu entkriminalisieren. Damit greifen die Genossen eine Initiative auf, die die Ampel nicht zu Ende bringen konnte, weil sich die Bundesländer uneins waren.
Natürlich lassen sich Eigentumsfragen nicht vom Tisch wischen; das Bundesverfassungsgericht hat klargestellt, der Gesetzgeber dürfe auch entsorgtes Eigentum mit den Mitteln des Strafrechts schützen. Wenn aber Moral und Marktlogik so weit auseinanderklaffen, wie im Fall vernichteter Lebensmittel, tut Veränderung Not. Das Strafrecht soll schließlich sozialschädliches Verhalten ahnden, und das ist „Containern“ nicht – zumindest, solange kein Hausfriedensbruch oder eine Sachbeschädigung vorliegt.
Verwerflich ist vielmehr Folgendes: Für den Handel ist es einfacher und billiger, Nahrungsmittel wegzuschmeißen, als sie Bedürftigen zukommen zu lassen. Wer sie spendet, muss Vorgaben zu Hygiene, Rückverfolgbarkeit und Produktsicherheit einhalten. Das ist mit Bürokratieaufwand und Haftungsrisiken verbunden. Zudem können Lebensmittelspenden für den Handel steuerlich nachteilig sein – vor allem, wenn noch genießbarer Ware ein Marktwert unterstellt wird.
Hier Abhilfe zu schaffen, wäre nicht nur ein Akt der Vernunft. Es machte auch sichtbar, dass es uns als Gesellschaft ernst ist mit mehr Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit. Dabei sollte sich ein jeder Verbraucher auch an die eigene Nase fassen – denn im Vergleich zu dem, was in Haushalten an Lebensmittel in den Müll wandert, ist der Beitrag des Handels an der Lebensmittelverschwendung deutlich geringer.