Osnabrück Wie das Pottgrabenbad in Osnabrück zum Tanzpalast Alando wurde
Vor 25 Jahren eröffnete Frederik Heede den Tanzpalast „Alando“ – hineingebaut in ein Haus mit Geschichte. Es ist die Geschichte des ersten und über viele Jahrzehnte einzigen Osnabrücker Hallenbades, des Pottgrabenbades.
Seit 27 Jahren hängt kein Chlorgeruch mehr im Gebäude des Pottgrabenbades. In Osnabrücks erstem und lange einzigem Hallenbad war nach fast 70 Betriebsjahren 1998 endgültig der Stöpsel gezogen worden.
Keine schlotternden Kinder mit blauen Lippen mehr auf den Umgängen, kein Klappern der Holzpantinen und keine Trillerpfeifen-Pfiffe des Schwimmmeisters mehr, keine „Seifenkontrollen“, mit denen der Schwimmmeister die übermütige Jugend beim Versuch stellte, die Körperreinigung unter der Dusche zu umgehen.
Zwei Jahre später, im Herbst des Jahres 2000, hatte die Investorengruppe um Frederik Heede und Franz Ossenbeck ihr Konzept der Nachnutzung des Gebäudes umgesetzt und das „Alando-Palais“ an den Start gebracht. Es entwickelte sich schnell zur größten Location Osnabrücks zum Tanzen und Feiern.
2019 kamen die Veranstaltungshalle „Ballhaus“, das Holiday-Inn – ein Viersterne-Hotel mit 158 Zimmern – und eine Tiefgarage hinzu, 38 Millionen Euro wurden investiert. Der wirtschaftliche Erfolg machte internationalen Investoren Appetit. 2024 klopfte eine Gruppe aus Dubai an. Doch Heede und Ossenbeck ließen sie abblitzen, bis auf weiteres bleibt das Alando in ihrer Hand.
Ob ein Teil des Erfolgs auf den Nostalgie-Faktor zurückging? Zumindest in den Anfangsjahren gab es ja genug Osnabrücker, die hier „an der Angel“ des Schwimmmeisters schwimmen gelernt hatten und nun zur Ü-40-Party begeistert zurückkehrten.
In den kühlen Fluten des Pottgrabenbades gestählte Frei- und Fahrtenschwimmer konnten jetzt auf dem Dance Floor leichter ins Schwitzen kommen als in Zeiten des kaum geheizten Bades. Die Verwandlung des Hallenbads zum Amüsiertempel erlaubte schöne Schlagzeilen wie „Disco-Beats statt Trillerpfeife“ oder „Mambo No. 5 statt Köpper vom Einer“.
Das Äußere des Gebäudes geht auf das Jahr 1929 zurück, als im konstruktiv-sachlichen Stil des „Neuen Bauens“ der Weimarer Republik ein Ersatz für zu klein gewordene Vorgängerbauten geschaffen wurde.
Neueste Schwimmbadtechnik verlangte ihren Preis: Die für damalige Begriffe sehr hohe Summe von 800.000 Reichsmark stand unter der Endabrechnung. Osnabrück war nun stolz auf die erste Schwimmhalle mit einer 25-Meter-Bahn, die ganzjährig die Ausrichtung von Schwimmwettkämpfen erlaubte.
Wenn man noch weiter in der Geschichte des Osnabrücker Badens zurückreist, trifft man auf Flussbadestellen. Hase, Nette und später der Stichkanal boten Körperreinigung und erfrischenden Spaß an heißen Tagen. An der Wellmannsbrücke, am Stahlwerk, an der Wachsbleiche und am Pottgraben sind einfache Badegelegenheiten in der Hase überliefert.
Die zunehmende Industrialisierung beeinträchtigte jedoch die Wasserqualität. 1883 formierte sich eine Bürgerbewegung, die neben der Flussbadestelle am Pottgraben ein „Warmbadehaus“ baute – die Stadt hatte Derartiges noch nicht als eine kommunale Aufgabe erkannt.
Die Bürger gründeten die „Osnabrücker Badehaus-Aktien-Gesellschaft“. Ihr erstes Schwimmbecken unter Dach war 7 x 15 Meter groß. 1920 war man mutig genug, anzubauen und das Becken auf 20 Meter zu verlängern. Dieser Akt brachte die AG jedoch offenbar in finanzielle Bedrängnis. Sie schenkte 1922 das Badehaus der Stadt. Bevölkerungszunahme und wirtschaftliche Erholung forderten bald ein größeres Bad. So kam es 1929 zum Neubau.
Den Kriegszerstörungen 1945 folgte ein hastiger Wiederaufbau, um den Osnabrückern wenigstens diese eine Badegelegenheit unter Dach zurückzugeben.
Energieeffizienz war damals kein Thema. Auch der Einbau einer neuen Heizungsanlage und neuer Fenster 1986 konnte nicht verhindern, dass das Pottgrabenbad von allen städtischen Bädern dasjenige mit dem höchsten Zuschussbedarf pro verkaufter Eintrittskarte wurde, und zwar mit Abstand. Oberstadtdirektor Dierk Meyer-Pries rechnete 1984 vor, dass die Stadt jeden Besuch mit elf DM subventionieren müsse. Mit steigender Tendenz, weil die Besucherzahlen stetig zurückgingen.
Trotzdem kam die millionenschwere Sanierung 1985 bis 1987. Lange Schließzeiten waren unvermeidlich. Schon vorher waren dauerhaft die Reinigungsbäder geschlossen worden. Sie erwiesen sich in dem Maße als entbehrlicher, wie immer mehr Osnabrücker in Neubauwohnungen über eigene Badezimmer verfügten.
Ebenso erging es der medizinischen Abteilung, die in den Hochzeiten der 1950er-Jahre über 15 Masseure und Badewärterinnen beschäftigte. Private Massagepraxen und Physiotherapeuten hatten ihr das Wasser abgegraben. Und auch für das alte Dampf- und Heißluftbad, später als „römisch-irische Dampfsauna“ angepriesen, gab es kein Überleben.
Mit vielen kleinen Maßnahmen wurde versucht, die Attraktivität des Bades auch für jüngere Besuchergruppen zu steigern. So gab es 1975 ein Solarium, 1979 Nacktbadezeiten, 1987 Unterwasserscheinwerfer und Massagedüsen, Warmbadetage und ein Mutter-und-Kind-Planschbecken.
Doch es half nichts. „Die Technik ist im Eimer. Es tropft an allen Ecken, und der Keller ist nur noch mit Gummistiefeln zu betreten“, beschrieb ein Mann vom Fach die Situation. Das Siechtum des Bades näherte sich trotz aller Frischzellenkuren seinem Ende.
Die Stadt beschloss ihr „Bäderkonzept 2000plus“, bei dem die Furcht vor teuren Sanierungen bei den sieben städtischen Bädern die entscheidenden Kapitel diktierte. Heraus kam die Formel „Aus sieben mach drei“. Pottgrabenbad, Niedersachsenbad, Hallenbad Lüstringen und das Freibad Wellmannsbrücke zogen den Kürzeren und mussten schließen.
Alle Investitionsmittel konnten so auf Moskaubad, Nettebad und Schinkelbad konzentriert werden. Am 23. Juli 1998 war es so weit: Schwimmmeister Klaus Entrup öffnete in den Katakomben zum letzten Mal den Schieber und ließ das Bad leerlaufen. Der Weg für den Umbau zum „Alando“ war frei.