Selbsttest Was macht die Abnehmspritze mit meinem Körper?
Seit drei Wochen teste ich die Abnehmspritze Wegovy – und plötzlich schmecken mir Schokolade und Kuchen nicht mehr. Was passiert in meinem Körper? Das erklärt der Diabetologe Dr. Markus Rohe aus Leer.
Leer/Wiesmoor/Aurich - Ich kann nicht sagen, wie oft ich mir gewünscht habe, Schokolade und Kuchen würden mir nicht so gut schmecken. „Ich bin gar nicht so für Schokolade“ – wenn jemand in meiner Gegenwart diesen Satz gesagt hat, war ich unfassbar neidisch. Dass ich ihn einmal selbst sagen würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Bis jetzt.
Am 1. September 2025 habe ich begonnen, die Abnehmspritze Wegovy zu nutzen – und in einem Blog und Artikeln über meine Erfahrungen zu berichten. Jeden Montag injiziere ich seitdem den Wirkstoff Semaglutid in mein Bauchfett. Schon einen Tag nach der ersten Spritze fingen die Veränderungen an. In diesem Beitrag geht es darum, was genau in meinem Körper seitdem passiert – und was wir von der Abnehmspritze erwarten können.
Die Suche nach Antworten führt zum Diabetologen
Ich bin auf meiner Reise von einem übergewichtigen Körper mit 112 Kilogramm zu einem gesünderen Ich. Inzwischen habe ich die dritte Woche mit der Abnehmspritze hinter mir. Es gibt kein anderes Thema, auf das ich bisher so oft von Lesern angesprochen wurde. Viele wollen genau wissen, was der Wirkstoff mit mir macht. Hier kommt die verkürzte Antwort: „Ich bin gar nicht mehr so für Schokolade!“ Das Schöne an der Abnehmspritze: Anders als bei einer Diät, fällt mir der Verzicht überhaupt nicht schwer. Der Leeraner Diabetologe Dr. Markus Rohe erklärt, wie es dazu kommt. Dr. Markus Rohe gehörte zu den ersten Ärzten, die im Praxisalltag die Wirkung des später als Abnehmspritze vermarkteten Wirkstoffs Semaglutid mitbekamen. Denn ursprünglich wurde er als Ozempic für die Behandlung von Diabetes eingesetzt.
Für Rohe ist der Wirkstoff ein echter Gamechanger in der Behandlung von Übergewicht und Typ-2-Diabetes. „Früher war es oft ein endloser Kreislauf: Die Patienten bekamen Medikamente, die zwar den Blutzucker senkten, aber oft zu noch mehr Hunger und Gewichtszunahme führten“, erklärt er. Mit den neuen Spritzen hat sich das Blatt gewendet. Die neuen Medikamente regulieren nicht nur den Blutzucker, sondern erleichtern gleichzeitig das Abnehmen – und das, ohne ständig gegen den Appetit ankämpfen zu müssen. Im Praxisalltag bedeutet das: Viele Patienten nehmen endlich spürbar ab, fühlen sich fitter und können ihr Risiko für Folgekrankheiten deutlich senken. „Früher haben wir nur versucht, den Zucker irgendwie in Schach zu halten – heute können wir den Menschen wirklich helfen“, so Rohe. Nicht nur den Menschen mit Typ-2-Diabetes, sondern auch Menschen mit krankhaftem Übergewicht.
Wie wirkt die Abnehmspritze im Körper?
Die Wirkstoffe der gängigsten Abnehmspritzen imitieren das Darmhormon GLP-1 und werden deshalb GLP-1-Analoga genannt. Die Abkürzung steht für Glucagon-like Peptide-1 (Glucagon-ähnliches Peptid 1). Das Hormon wird nach dem Essen im Darm gebildet und ist so etwas wie ein natürlicher Sattmacher des Körpers. Es sorgt dafür, dass wir schneller satt sind, weniger Appetit haben und der Blutzucker nicht so stark ansteigt.
Die GLP-1-Analoga im Wirkstoff der Abnehmspritze wirken genauso wie das ursprüngliche Hormon – nur viel stärker und länger. Das hilft dabei, weniger zu essen, das Gewicht zu reduzieren und den Blutzucker zu regulieren. Dr. Markus Rohe erklärt: Das Medikament verteilt sich nach der Injektion langsam im Fettgewebe und wird von dort langsam abgegeben. „Die höchste Konzentration im Blut ist meist am Tag nach der Spritze erreicht, danach flaut die Wirkung langsam ab“, sagt Rohe.
Was genau passiert im Körper?
Im Körper wirkt das GLP-1-Analogon an mehreren Schaltstellen. In der Leber bremst es die Zuckerfreisetzung, im Magen sorgt es dafür, dass die Nahrung länger dort bleibt und das Sättigungsgefühl anhält. In der Bauchspeicheldrüse sorgt das Medikament dafür, dass mehr Insulin ausgeschüttet wird – aber nur, wenn der Blutzucker hoch ist. Insulin ist das Hormon, das den Zucker aus dem Blut in die Körperzellen schleust. Dort wird er als Energie genutzt oder gespeichert. Gleichzeitig wird weniger Glukagon freigesetzt. Glukagon ist der Gegenspieler von Insulin: Es sorgt dafür, dass der Blutzucker steigt.
Dazu mobilisiert es Zuckerreserven aus der Leber und gibt sie ins Blut ab. Wenn weniger Glukagon ausgeschüttet wird, bleibt der Blutzucker nach dem Essen stabiler – das unterstützt zusätzlich beim Abnehmen. Besonders wichtig ist die Wirkung im Gehirn: Dorthin sendet das Medikament Sättigungssignale, sodass der Appetit gebremst wird. So werde ich plötzlich immun gegen die süße Versuchung. „So helfen die Spritzen nicht nur beim Abnehmen, sondern regulieren auch den Blutzucker und machen es leichter, mit kleineren Portionen satt zu werden“, fasst Rohe zusammen. Wenn in einem Medikament wie Wegovy mit GLP-1 ein Rezeptor angesprochen wird, wird es Einfach-Agonist genannt.
So fühlt sich die Wirkung in meinem Körper an
Das Beispiel mit der Schokolade ist nur eine der vielen Veränderungen, die ich durch Wegovy spüre. Ich bin insgesamt viel schneller satt. Ein Teil des vorbereiteten Frühstücks bleibt jetzt übrig und dient auch noch als Mittagessen. Am ersten Tag nach der Spritze wird mir vom Essen viel eher flau. Das kann ich umgehen, wenn ich besser darauf achte, was ich esse. Mein Körper will viel lieber Gemüse, Obst, Eier und Fleisch. Abends darf ich nichts essen, was den Magen zu sehr beansprucht. Der ist sonst die ganze Nacht aktiv und lässt mich nicht schlafen. Mit Eiern, etwas Fleisch oder Joghurt bin ich bisher gut gefahren – mit Rohkost weniger.
Richtig übel wird mir nur, wenn ich die Warnungen meines Körpers in den Wind schlage. Je süßer und fettiger Lebensmittel sind, desto eher geht mein Magen auf die Barrikaden. Denn sie liegen besonders schwer im Magen und werden langsamer verdaut. Wenn der Wirkstoff der Abnehmspritze die Magenpassage zusätzlich verzögert, können Gärprozesse einsetzen“, erklärt Dr. Markus Rohe: „Sie können das Unwohlsein auslösen.“ Das Sättigungszentrum schlägt außerdem bei energiereichen Lebensmitteln wie Schokolade, Kuchen oder Sahnetorte schneller an. Die Folge: Mir wird schneller übel oder ich habe gar keine Lust mehr auf diese Sachen. Das ist zwar ungewohnt, doch genau so gewollt – denn so fällt es leichter, auf kalorienreiche Lebensmittel zu verzichten.
Welche Wirkstoffe gibt es noch?
Neben Semaglutid, dem bekanntesten Wirkstoff in Wegovy und Ozempic (beide vom dänischen Hersteller Novo Nordisk), gibt es inzwischen viele weitere effektive Medikamente, die beim Abnehmen helfen können. Im Fokus steht derzeit Tirzepatid, das unter den Namen Mounjaro und Zepbound von Eli Lilly angeboten wird. Tirzepatid wirkt nicht nur wie GLP-1, sondern spricht zusätzlich einen zweiten Rezeptor (GIP) an. Das verstärkt die Wirkung und sorgt oft für noch größere Gewichtsverluste. GIP steht für „Glucose-dependent Insulinotropic Polypeptide“. Das ist ein Hormon, das – ähnlich wie GLP-1 – nach dem Essen im Darm gebildet wird.
GIP hilft dabei, dass die Bauchspeicheldrüse Insulin ausschüttet, aber nur dann, wenn der Blutzucker nach dem Essen ansteigt. Doch GIP hat noch eine weitere Aufgabe: Es beeinflusst den Appetit und den Fettstoffwechsel. Es kann dazu beitragen, dass wir weniger Hunger haben und der Körper besser mit seinen Fettreserven umgeht. Wenn in einem Medikament wie Mounjaro mit GIP und GLP-1 zwei Rezeptoren angesprochen werden, verstärkt das bei vielen Menschen die Wirkung. Solche Wirkstoffe werden Zweifach-Agonisten genannt.
Wie sieht die Zukunft der Abnehmspritzen aus?
Doch die Forschung geht noch weiter: Schon jetzt werden sogenannte Dreifach-Agonisten entwickelt, die auf drei verschiedene Rezeptoren wirken (GLP-1, GIP und Glukagon). Erste Studien zeigen, dass diese neuen Medikamente das Abnehmen noch effektiver machen könnten. Dr. Markus Rohe beobachtet diese Entwicklung mit großem Interesse: „Im Moment ist total viel in Bewegung“, sagt er. Glukagon sorgt üblicherweise dafür, dass der Körper Zuckerreserven aus der Leber freisetzt und den Blutzucker ansteigen lässt. Doch wenn der Glukagon-Rezeptor angesprochen wird, passiert noch mehr: Er kann den Energieverbrauch im Körper steigern und den Fettabbau ankurbeln.
Das bedeutet, der Körper verbrennt mehr Kalorien – sogar im Ruhezustand – und greift leichter auf seine Fettreserven zurück. So kann das Abnehmen noch effektiver werden. „Wir sehen jetzt schon, dass die neuen Medikamente immer gezielter wirken und die Erfolge beim Abnehmen noch größer werden“, sagt Dr. Rohe. Für ihn ist klar: Was heute noch als Durchbruch gefeiert wird, könnte schon bald von noch wirksameren und einfacheren Medikamenten abgelöst werden. Für Menschen mit Übergewicht bedeutet das: Die Chancen auf Hilfe werden immer besser – vorausgesetzt, die Medikamente bleiben bezahlbar und der Zugang wird nicht durch hohe Kosten oder Vorurteile erschwert. Darum geht es dann im nächsten Beitrag: Was kostet die Abnehmspritze eigentlich? Denn ob ich sie mir dauerhaft leisten kann, habe ich bisher noch nicht ausgerechnet.