Osnabrück  „Sie haben in meinen Ohren angerufen!“ Was Osnabrücker mit ihren Hörgeräten erleben

Anne Spielmeyer
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Von Anne Spielmeyer
| 24.09.2025 11:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Wie bitte? Günter (links) und Uwe Karl vom Seniorentreff der Pfarrei St. Elisabeth in Osnabrück verstehen sich gut – meistens. Foto: Detlef Heese
Wie bitte? Günter (links) und Uwe Karl vom Seniorentreff der Pfarrei St. Elisabeth in Osnabrück verstehen sich gut – meistens. Foto: Detlef Heese
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Bundesweit tragen immer mehr Menschen Hörgeräte. Wir haben Osnabrücker Senioren gefragt, wie sie mit ihren „Ohren“ zurechtkommen. Was die einen rettet, landet bei den anderen schonmal in der Ecke – oder in der Schublade.

„Sind Sie als Nächstes dran?“ – „Nein, ich fahr‘ nicht mit der Bahn.“ Über Verhörer wie diese können Menschen im Alltag hinweggehen, schmunzeln oder sich ärgern. Häufen sie sich, wird der Ruf nach einem Hörgerät schnell unüberhörbar laut. In welche akustischen Welten führt der kleine Knopf im, am oder hinterm Ohr die Betroffenen?

Wir haben den Seniorentreff der katholischen Pfarrei St. Elisabeth in Osnabrück besucht. Zehn Senioren zwischen 69 und 91 Jahren kommen hier zusammen, essen Kuchen, plaudern, lachen, hören oder verhören sich auch mal. Fünf von ihnen tragen Hörgeräte – „ihre Ohren“, wie manche sie liebevoll nennen. Die Beziehung ist nicht immer so innig, wie der Name vermuten lässt.

„Worum geht es? Ums Hören?“, erkundigt sich eine Dame. „Ja guck, heute habe ich mein Hörgerät nicht drin“, räumt sie ein. Das Gerät liegt zu Hause. Ein Klassiker: das Schubladen-Ohr. Dabei empfehlen Hörakustiker ihren Kunden, die Geräte möglichst lange zu tragen, um sich besser an die neuen Geräusche zu gewöhnen. „Das muss man aber auch am Kopf haben können“, sagen jene, die über die Hörhilfe in neue Klangwelten eintauchen.

Helga (91) hat drei Hörgeräte getestet und sich am Ende für eines entschieden. Sie hört nun mehr als zuvor – allerdings auch jene Dinge, die sie gar nicht hören will: „Wenn ich kaue, dann knackt es ganz seltsam in meinen Ohren“, erzählt sie. Und so kommen in der Runde die unangenehmen Geräusche auf den Tisch: das Kratzen von Stühlen ohne Filzgleiter oder klapperndes Geschirr in der Gastronomie.

„Ich habe eine Jacke, die ich gern tragen würde“, erzählt Margret. „Aber sie knistert so furchtbar.“ Niemand sieht, was sie hört: „Das Material erzeugt ganz seltsame Reibgeräusche. Vielleicht kann ich sie irgendwann anziehen“, gibt sie sich optimistisch. Denn über die Jahre hat sich die 72-Jährige immer besser an ihre Im-Ohr-Geräte gewöhnt und ist froh, sich auf den Weg zum besseren Hören gemacht zu haben.

Mediziner raten bei spürbar schlechterem Hören und Verstehen zum Hörtest. „Je früher eine Schwerhörigkeit erkannt wird, desto besser kann man gegensteuern“, betont Bianca Krämer, HNO-Oberärztin, die in der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde im Marienhospital Osnabrück arbeitet. Wenn das Gehirn nicht ausreichend mit akustischen Signalen versorgt werde, könne es über die Jahre verlernen, diese zu entschlüsseln.

Margret hat als Arbeitsmedizinerin gearbeitet und wurde noch im Berufsleben mit Hörgeräten versorgt. „Unsere Frau Doktor bekommt wohl auch nicht mehr alles mit?“, schnappte sie – offenbar mit sehr gespitzten Ohren – damals auf. „Da wusste ich: Jetzt ist es höchste Zeit, jetzt musst du was tun.“ Das Umfeld spielt bei der Erkennung von Schwerhörigkeit eine wichtige Rolle: „Oft bemerken Angehörige die Veränderungen früher als die Betroffenen selbst“, bestätigt HNO-Ärztin Krämer.

Wiederholtes Nachfragen, Zurückgezogenheit oder lautere Geräte im Haus können erste Anzeichen sein. „Beim Fernsehen fängt es an“, weiß Annette (69), die selbst Hörgeräte trägt. Die anderen lachen – stimmt. Geräte werden lauter gestellt oder die Nachbarn klopfen. Ein sicheres Indiz dafür, dass ein Hörtest angebracht ist.

Nicht selten ist Schwerhörigkeit mit Scham behaftet und von Unsicherheiten begleitet. „Sie kann zu Einsamkeit, sozialer Isolation, depressiven Verstimmungen und eingeschränkter Arbeitsfähigkeit führen“, zählt Krämer auf. Eine frühzeitige Versorgung mit Hörgeräten könne das Demenz-Risiko senken, zitiert die Ärztin Studien aus den USA und aus Dänemark.

Entscheidend für sie sind aber nicht mögliche Risiken, sondern das Hier und Jetzt: „Es geht um Sinne und um Teilhabe. Es ist wichtig, dass Menschen am Leben teilnehmen, sich mit anderen Menschen austauschen und Input bekommen können. Das ist Lebensqualität.“

Denn allen Störgeräuschen zum Trotz berichten die Hörgeräte-Träger auch von ihren schönen Aha-Momenten. „Wenn ich mit meinen Hörgeräten vor die Tür trete, höre ich die Kirchenglocken wieder direkt“, erzählt Helga strahlend. Die Glocken läuten auch Geselligkeit ein: Zumindest Gesprächen in kleiner Runde können sie alle besser folgen.

Schwieriger wird es, wenn alle durcheinander reden. „Ich höre viel, aber ich verstehe nichts!“, zitiert Jutta, die selbst gut hört, ihre Tante. Die Runde nickt mitfühlend. Das Wortknäuel kennen sie. Den sogenannten Cocktail-Party-Effekt, bei dem das natürliche Gehör selbst in großer Geräuschkulisse auf nur eine Schallquelle fokussieren kann, würden sie sich auch bei Marzipankuchen und koffeinfreiem Kaffee wünschen.

„Immerhin: Wenn die Batterie leer geht, dann piept es“, bringt Uwe Karl (84) einen neuen Aspekt klingelnder Ohren auf den Tisch. „Ich kann über meine Hörgeräte telefonieren, manchmal klingelt es direkt ins Ohr rein“, ergänzt Margret. Problemlos lassen sich Bluetooth-fähige Hörhilfen mit anderen Geräten koppeln, sodass der Ton zu einem Film oder der Anruf vom Smartphone direkt und gut hörbar im Ohr landet. Sofern die Hörgeräte sich dort befinden, wo sie hingehören, versteht sich. 

„Sie haben eben in meinen Ohren angerufen, aber die lagen auf dem Küchentisch“, zitiert sich ein Hörgeräte-Träger selbst, der einen solchen Ohren-Anruf neulich verpasst hat. Das Küchentisch-Ohr dürfte in der Gunst der Akustiker in direkter Nähe des Schubladen-Ohrs rangieren.

Das verlässliche Tragen der Hörgeräte will gelernt sein: „Ich musste mich lange daran gewöhnen, etwas Kleines ständig im Ohr zu haben“, erzählt Annette. „Die Jugendlichen haben ja alle solche Dinger im Ohr. Kann das denn gut sein?“, fragt Ursula und meint kabellose In-Ear-Kopfhörer. „Dann gewöhnen sie sich schneller an Hörgeräte“, wirft Jutta ein. Alle lachen. So wird es sein.

Bei unterschiedlicher Trage-Routine sind die Senioren sich in einem Punkt einig: „Nachts nehmen wir die Dinger raus.“ Irgendwann muss man ja auch mal seine Ruhe haben dürfen – vor allem, wenn man nicht alles hört und zugleich mehr als andere . . .

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