Pinneberg  Was Ernährungsdoc Matthias Riedl von der Abnehmspritze hält

Anja Steinbuch
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Von Anja Steinbuch
| 26.09.2025 14:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Dr. Matthias Riedl arbeitet als Ernährungsmediziner und Diabetologe seit vielen Jahren mit den Abnehmspritzen der beiden Hersteller. Foto: Anja Steinbuch
Dr. Matthias Riedl arbeitet als Ernährungsmediziner und Diabetologe seit vielen Jahren mit den Abnehmspritzen der beiden Hersteller. Foto: Anja Steinbuch
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Sie gelten als Geheimwaffen im Kampf gegen überflüssige Pfunde: Die Abnehmspritzen Wegovy oder Mounjaro. Doch wem helfen die Medikamente wirklich und gibt es auch Gefahren? Was Ernährungsdoc Dr. Matthias Riedl dazu sagt.

Die sogenannte Abnehmspritze ist für Diabetologen wie Dr. Matthias Riedl nicht neu: Seit 15 Jahren arbeitet der Ernährungsdoc mit dem Medikament, das es in Deutschland von zwei verschiedenen Herstellern in unterschiedlichen Zusammensetzungen gibt: „Im Schnitt kann man 15 bis 20 Prozent Gewicht abnehmen mit der Spritze. Manchmal sogar viel mehr“, bestätigt Riedl.

Doch er warnt auch: Der Einsatz müsse fachlich begleitet werden und das Präparat ist mit Kosten von etwa 180 Euro im Monat recht teuer. Im Gespräch mit unserer Redaktion erläutert Riedl, wie das neue Medikament trotzdem erfolgreich eingesetzt werden kann.

Frage: Warum empfehlen Sie die Abnehmspritzen?

Antwort: Ich habe in meiner medizinischen Praxis sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Wir setzen im Medicum Hamburg den Wirkstoff Liraglutid schon seit 15 Jahren in der Therapie von Typ-2-Diabetes ein – mit viel Erfolg. Liraglutid ist der Vorläufer von Semaglutid, der Wirkstoff in den Abnehmspritzen.

Frage: Wie wirkt die Abnehmspritze genau?

Antwort: Die Abnehmspritze gibt das sogenannte GLP1-Hormon in den Körper, das ist ein künstliches Hormon, das stärker wirkt als das natürliche, es wird auch „Analoginsulin“ genannt. Es führt dazu, dass ein Sättigungsgefühl einsetzt und der Blutzuckerspiegel sinkt. Bei Diabetiker mangelt es an diesen Hormonen. Die Folge ist immer die gleiche: Viele nehmen dadurch sehr, sehr gut ab. Wir setzen die Abnehmspritze auch in der Adipositas-Therapie ein. Wir verschreiben seit 2018 Ozempic und seit 2023 Wegovy.

Frage: Braucht man also keine Diät mehr zu machen?

Antwort: So einfach ist es leider nicht. Die Spritze bleibt für mich nur ein weiterer Stein im Baukasten der Ernährungsmedizin. Der Einsatz der Abnehmspritze bringt nur dann nachhaltig etwas, wenn er mit einer individuellen Ernährungsanalyse und vor allem mit einer Umstellung der Essgewohnheiten einhergeht.

Frage: Eine Umstellung ist also als weiterhin nötig?

Antwort: Ja, auf jeden Fall. Spritzen, um einfach mal schnell ein bisschen abzunehmen, das ist medizinisch gar nicht indiziert, das heißt: nicht angemessen. Außerdem ergibt sich anschließend das Problem wie bei jeder Diät: Sobald man damit aufhört, nimmt man schnell wieder zu.

Frage: Kann man die Abnehmspritze dauerhaft anwenden?

Antwort: Die Einstellung „das macht ja die Spritze für mich“ ist fatal, weil wir noch gar nicht wissen, was die Wirkstoffe über zehn oder 20 Jahre in einer Dauermedikation mit unserem Körper machen. Von einer fortlaufenden Gabe rate ich auf jeden Fall ab. Derzeit sind immerhin 20 Nebenwirkungen bekannt. Dazu gehören Übelkeit, eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse, des Sehnerven und der Speiseröhre. Viele verlieren stark an Muskulatur. Das sollte man nicht unterschätzen.

Frage: Wie ist dann die optimale Nutzung der Abnehmspritze?

Antwort: Immer mit ärztlicher, ernährungsmedizinischer Begleitung. Wir haben im Medicum Hamburg eine „Spritzenambulanz“. Dort wird immer ein individueller Ernährungsplan erstellt. Den bezahlen die Kassen anteilig. Bei Diabetes-Patienten übernimmt die Medikamentenkosten die Krankenkasse, deshalb sollten Übergewichtige sich immer regelmäßig auf Diabetes Typ 2 testen lassen. Denn viele wissen gar nicht, dass sie unter dieser Zivilisationskrankheit leiden. Wir schätzen, dass es eine Dunkelziffer von zwei Millionen Menschen gibt, die an Diabetes leiden, ohne es zu wissen.

Frage: Für wen ist die Abnehmspritze geeignet?

Antwort: Eine Altersbegrenzung gibt es nicht, in Deutschland wird sie grundsätzlich nur für Diabetiker von der Kasse erstattet. Bei sehr starkem Übergewicht leider noch nicht. Das muss sich ändern, die Schweiz ist da weiter. Die Abnehmspritze eignet sich auch für Menschen, die unter Adipositas leiden. Hier ist es eine echte Alternative, bevor man sich mit einem aufwendigen Eingriff, Magen und Darm verkleinert.

Frage: Also doch eine Wunderwaffe?

Antwort: Die Spritze ist zweifellos ein segensreiches Medikament, wenn man sie richtig einsetzt. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, in der Diabetologie. Die Wegovy-Spritze wirkt dabei etwas milder. Mounjaro als jüngeres Präparat ist rund 30 Prozent wirksamer.

Auf keinen Fall sollte man die Abnehmspritze absetzen und einfach weiter essen wie immer. „Sie ist eine Hilfestellung bei der Ernährungsumstellung“, resümiert Matthias Riedl und verweist auf sein Buch, in dem er diese Zusammenhänge erläutert: Dr. Matthias Riedl: „Nie wieder dick nach der Abnehmspritze“, Gräfe und Unzer, 2024. Eine medizinische Begleitung durch einen Ernährungsmediziner oder eine Unterstützung wie die MyFoodDoctorApp sollte immer dabei sein. 

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