Kurz vor dem Abflug Was machen dutzende Störche im Nortmoorer Hammrich?
Kürzlich wurden dutzende Störche im Nortmoorer Hammrich gesichtet. Was machen die Tiere noch hier? Storchenvater Holger Boekhoff hat die Antwort.
Nortmoor - Kürzlich meldete sich ein Kollege. Er habe im Nortmoorer Hammrich ein „besonderes Naturerlebnis“ bewundern können. Dort wurde nämlich gerade Gras eingefahren. Ein Traktor war mit einem Schwader – ein landwirtschaftliches Gerät, mit dem Gras in gleichmäßigen Reihen zusammengelegt wird – unterwegs. Doch der Bauer war auf den Wiesen nicht allein. Der Kollege zählte 32 Störche auf der einen und weitere 54 auf der anderen Wiese. „Die Arbeiten der Landwirte werden von den Störchen offensichtlich genau beobachtet“, fügte er an.
Holger Boekhoff ist Storchenvater im Landkreis Leer. Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt, dass die Bilder keineswegs ungewöhnlich seien. „Die Jungtiere fliegen meist schon früh ab, die Alttiere bleiben meist noch etwas länger“, sagt der Filsumer. Gerade während der Mahd würden sich die Störche auf den Wiesen verteilen und nach Essbarem suchen. Heuschrecken, Regenwürmer, Maulwürfe und kleine Nagetiere stünden auf der Speisekarte. Einige davon werden bei landwirtschaftlichen Arbeiten aufgeschreckt und sind so für die Vögel ein leichtes Ziel. Vor dem Abflug fressen sich die Tiere noch einmal voll, denn der Herbst naht. „Das sind wahrscheinlich mit die letzten Störche gewesen, die noch hier geblieben sind. Jetzt sind die meisten weg“, so Boekhoff.
Störche breiten sich in der Region aus
Die Storchenpopulation ist in den vergangenen Jahren im Aufwärtstrend, sagt Holger Boekhoff. Belegen kann er das mit Zahlen. Die laut dem Storchenvater „wichtigste Zahl“ ist die der abgeflogenen Jungtiere. In diesem Jahr liegt sie bei 91 im gesamten Kreis Leer. Das toppt sogar den Wert aus dem vergangenen Jahr, als die Landkreise Aurich und Leer noch zusammengezählt wurden. 2024 sind 76 Jungtiere aus den beiden Landkreisen abgeflogen. „2023 war das Rekordjahr mit 108“, sagt Boekhoff. Im Jahr 2022 waren es 72. Auf nur etwa 35 Jungtiere, die erfolgreich ausgebrütet und aufgezogen wurden, kommt man im Jahr 2021.
Die Ausbreitung der Störche mache sich aber auch mit bloßem Auge bemerkbar. Noch vor einigen Jahren waren die Westzieher – in dieser Region breit vertreten – fast ausschließlich im Ems-Leda-Gebiet. „Jetzt breitet sich das Ganze nach außen aus“, sagt Boekhoff. Die Störche suchen sich neue Territorien und Nistplätze im Emsland, im nördlichen Landkreis Leer und dem Kreis Aurich. Im Winter würden die Störche nach Spanien oder nach Süddeutschland fliegen. Dass Störche über den Bosporus (Meerenge in der Türkei) bis nach Afrika fliegen, komme nur noch selten vor, so der Filsumer. Das führe auch dazu, dass weniger Tiere verenden, weil sie den weiten Weg nicht schaffen. Früher habe etwa ein Drittel den Vogelzug nicht überstanden.
30 bis 40 Kilogramm Müll pro Nest
Als Storchenvater ist Holger Boekhoff für die Nestpflege im Landkreis Leer zuständig. Unterstützt wird er dabei von Hans Appiß – er ist der frühere Storchenvater. Die Saison für die beiden neigt sich allerdings dem Ende zu. Im Februar und März gehe es wieder los. Nach dem Winter seien die Nester dann voller Dreck. „Wir holen dann teilweise 30 bis 40 Kilogramm Müll aus einem Nest“, sagt Boekhoff. Um die 70 Nistpaare gab es in diesem Jahr im Kreis Leer. Für einen Großteil übernehmen sie den Frühjahrsputz.
Ansonsten kümmert sich Holger Boekhoff auch während der Brut um die Störche. Wenn ein Jungtier aus dem Nest fällt, dann ist er zur Stelle. Aber auch wenn ein Tier im Kreisgebiet verendet und entfernt werden muss. Am Ende der Saison wird Bilanz gezogen. Holger Boekhoff ist zudem auch in der Landesarbeitsgruppe Weißstorchschutz des Naturschutzbundes Niedersachsen tätig. Den aktuellen Aufwärtstrend der Storchpopulation sieht er positiv. Eine Bedrohung des regionalen Ökosystems sei laut ihm nicht zu befürchten. „So viel fressen die Störche nicht“, sagt er.