Osnabrück  Amok: So hebt sich der neue "Polizeiruf 110" mit Claudia Michelsen vom Krimi-Brei ab

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 18.09.2025 10:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ausnahmesituation Amoklauf: Brasch (Claudia Michelsen) betritt mit vorgehaltener Waffe den Philosophieraum. „Polizeiruf 110: Sie sind unter uns“. Sonntag, 21. September, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek. Foto: © MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard
Ausnahmesituation Amoklauf: Brasch (Claudia Michelsen) betritt mit vorgehaltener Waffe den Philosophieraum. „Polizeiruf 110: Sie sind unter uns“. Sonntag, 21. September, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek. Foto: © MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard
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Im neuen Magdeburger "Polizeiruf 110: Sie sind unter uns" bekommt es Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) mit einem Amoklauf an einer Schule zu tun. Der Film vermeidet Klischees und einfache Antworten – und ist auch deshalb richtig gut.

Amoklauf an einem Gymnasium in Magdeburg. Der Täter, selber Schüler an dieser Lehranstalt, geht äußerst planvoll vor. Eiskalt und ohne den geringsten Skrupel erschießt er zunächst den Rektor und dessen Stellvertreterin. Als nächstes ist sein Mathelehrer dran. Die Sekretärin Anika Müller (Karla Trippel) verschont er aus irgendwelchen Gründen.

Während der Täter mit eingeschalteter Live-Körperkamera durch die Gänge schleicht und auf der Suche nach weiteren Opfern ist, gelingt es der Sekretärin, die Polizei zu alarmieren, die zum Glück schnell mit einer Einsatzgruppe vor Ort ist. Mit dabei ist auch die Magdeburger Mordkommission mit Kriminalhauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen). Aber die ohnehin tödliche Lage eskaliert, als der Täter in einem voll besetzten Klassenzimmer landet, wo er sich verschanzt. Aus irgend einem Grund verschont er die anwesenden Schülerinnen und Schüler und deren Lehrerin. Kein Grund zur Entwarnung. Der jugendliche Täter ist brandgefährlich. Und ganz offensichtlich hat er einen Plan.

Nach den letzten beiden Episoden „Unsterblich“ und „Widerfahrnis“ gelingt dem Magdeburger „Polizeiruf 110“-Team mit „Sie sind unter uns“ erneut ein ganz und gar außergewöhnlicher Fall, der aus dem Einheitsbrei deutscher Krimikost herausragt. Auch wenn es nahe läge, dieses Thema als spannenden Thriller zu inszenieren, verzichtet Regisseurin Esther Bialas in diesem Amok- und Geiseldrama auf vordergründige Zurschaustellungen. Stattdessen gelingt ihr nach dem sorgfältig gestalteten Drehbuch von Jan Braren eine vielschichtige Charakter- und Gesellschaftsstudie, die auf Beobachtung statt Spekulation setzt.

Das fängt schon mit der eindrucksvoll gestalteten Einleitung an, die den Täter und sein Umfeld kurz und präzise charakterisiert. Tatort Mathe-Klausur. Noch starrt der spätere Mörder Jeremy (Mikke Rasch) einfach nur überfordert auf sein leeres Antwortblatt. Plötzlich steht der Mathelehrer vor ihm und flüstert ihm etwas zu. „Ich weiß, was du vorhast. Gib auf.“ Einbildung oder Wirklichkeit? Tatsächlich folgen aufmunternde Worte des Pädagogen: „Aufgabe drei ist wirklich einfach, Jeremy, das ist Stoff aus der Zehnten, hm?“ Jeremy gibt auf.

Schnell wird klar, dass der Schüler mit zahlreichen häuslichen und inneren Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Zu Hause muss er sich um die an MS erkrankte Mutter kümmern, die in ihrer Verzweiflung Hilfe bei einer esoterischen Quacksalberin sucht. Sein Vater hat längst eine neue Familie. Und zwischen schulischen und häuslichen Verpflichtungen wartet auf Jeremy nur das Internet mit scheinbar ausschließlich für ihn und seinesgleichen abgeschotteten Chaträumen nebst deren Filterblasen und Echokammern. Dort ist er einer für ihn realen Verschwörung mit reptiloiden Formwandlern auf der Spur, die nur wenige Auserwählte erkennen können. „Sie sind unter uns“, wie es halt im Titel heißt. Und um eben mal die Welt retten zu müssen, darf man nicht zimperlich sein.

Es ist bemerkenswert, wie es diesem „Polizeiruf“ gelingt, fast alle plakativ am Wegesrand liegenden Klischees zu vermeiden. Hier wird weder versucht, in irgendeiner Form Mitleid mit dem Täter zu erwecken. Noch werden die längst aus dem Ruder gelaufenen realen Verwerfungen der „Müllhalde“ Internet (Zitat Jeremy) einseitig an den Pranger gestellt. Vielmehr geht es um die Summe einer Vielzahl geistiger wie gesellschaftlicher Verwerfungen, die in einen Abgrund führen können, aber natürlich nicht müssen. Am Ende steht ein richtig dickes Fragezeichen hinter einem tragischen Fall, für den es keine Lösung gibt. Erst recht keine einfache.

„Polizeiruf 110: Sie sind unter uns“. Das Erste, Sonntag, 21. September, 20.15 Uhr und in der ARD Mediathek.

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