Berlin  Wie Satiriker Marc-Uwe Kling die Milliardäre „glücklich“ machen will

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 17.09.2025 10:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Marc-Uwe Kling schickt Jeff Bezos und Elon Musk auf den Mond – nein Pardon – auf den Mars. Foto: dpa/Sebastian Gollnow
Marc-Uwe Kling schickt Jeff Bezos und Elon Musk auf den Mond – nein Pardon – auf den Mars. Foto: dpa/Sebastian Gollnow
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Nicht nur sein Känguru ist kapitalismuskritisch: Auch der Satiriker Marc-Uwe Kling hat eine entschiedene Haltung dazu. Ein Interview über Geld.

In seinem neuen Buch schickt Marc-Uwe Kling die beiden reichsten Männer der Welt buchstäblich auf den Mars. Was für ein Verhältnis hat der Bestsellerautor selbst zum Geld? Wir haben ihn im Garten seines Berliner Verlags getroffen. Im Interview spricht der Satiriker über seine Hemmungen, Geld für ein Taxi auszugeben, über das Klauen, die Vermögenssteuer und über den Ein-Euro-Job, mit dem sein eigenes Erwerbsleben angefangen hat.

Frage: Herr Kling, der Vorname Marc hatte seinen Beliebtheitshöhepunkt im Jahr 1985. Uwe war um 1960 rum populär. Warum haben Sie diese zwei Vornamen bekommen? Liegen Ihre Eltern vom Alter her 25 Jahre auseinander?

Antwort: Das nicht. Es war aber tatsächlich so, dass meine Mutter mich Marc nennen wollte und mein Vater Uwe. Und dann haben sie sich auf Marc-Uwe geeinigt.

Frage: Ihre Eltern, liest man bei Wikipedia, waren Speditionskaufleute. Heißt das, Sie habe schon als Kind gelernt, mit Geld umzugehen?

Antwort: Das ist ein bisschen irreführend. Meine Eltern haben zwar in einer Spedition gearbeitet, aber nicht etwa in ihrer eigenen. Über Geld habe ich vor allem gelernt, dass es knapp war. Aber meine Eltern hatten immer das Gefühl, dass es ihnen und ihren Kindern in der Zukunft bessergehen wird. Durch die neoliberale Kaputtsparpolitik der letzten 45 Jahre sehen viele Menschen keine positivere Zukunft für sich. Und das ist ein großes Problem.

Frage: Jetzt ist das Geld vermutlich nicht mehr knapp. Steckt es trotzdem noch in Ihnen drin, dass es mal anders war? In der Art, wie Sie selbst mit Geld umgehen oder in der Erziehung Ihrer Kinder?

Antwort: Das trägt man auf jeden Fall mit sich rum. Ich habe immer noch totale Probleme, ein Taxi zu nehmen. Bei meinen Kindern merke ich es nicht, vielleicht auch, weil die relativ genügsam sind. Geld ist ihnen nicht so wichtig. Als meine Mädchen noch klein waren, hat der Weihnachtsmann sie auf dem Weihnachtsmarkt gefragt, was sie sich wünschen. Ihre Antwort war: eine Überraschung.

Frage: Sie haben schon als Student Lesebühnen veranstaltet. In kleinem Rahmen war das auch schon was Unternehmerisches. Wie haben Sie damals Einnahmen und Ausgaben kalkuliert?

Antwort: Ich erinnere mich noch exakt an meine erste Gage. Das waren 32 Euro. Das klingt nicht nach viel für einen Abend. Aber ich dachte nur: Wie geil, ich habe 32 Euro gekriegt – dafür, dass ich einen Text vorlesen durfte. Mein erstes Soloprogramm habe ich dann in der Scheinbar veranstaltet, einem schönen, kleinen Varieté-Theater hier in Berlin. Damals musste man 100 Euro Miete zahlen. Und ich habe mit dem Programm, kein Witz, genau 101 Euro eingenommen. Ein Ein-Euro-Job.

Frage: Auf dem anderen Ende der Skala sind Jeff Bezos und Elon Musk, die Ihr neuer Comic veralbert. Welcher der beiden ist Ihnen unangenehmer, sei es nun menschlich oder politisch?

Antwort: Ich glaube, Jeff Bezos ist einer der unangenehmsten Typen auf der Welt. Aber wie auf der Forbes-Liste schafft er es wieder nur auf Platz 2, weil er auch bei diesem Contest gegen Elon Musk verliert. Der ist mir noch viel unangenehmer, in beiden Beziehungen: menschlich und in dem, was er politisch anrichtet. Wenn das Comic eine Aussage haben soll, dann, dass diese Art Milliardär generell problematisch ist, für uns alle. Diese Ansammlung von Macht und Geld gefährdet unsere Demokratie. Es ist gefährlich, wenn einzelne Personen nach Gutdünken über Massenmedien entscheiden und deren Algorithmen bestimmen. Das hat eine Rückwirkung auf den öffentlichen Diskurs. Und natürlich geht es mir nicht nur um die beiden. Wenn Menschen ihre Milliarden mit Öl, Kohle und Gas machen und dann zugunsten des Geschäftsmodells die Klimakrise leugnen, hat das katastrophale Konsequenzen. Gerade liefern sich die Tech-Giganten ein KI-Wettrennen – und man kann nur hoffen, dass irgendjemand aufpasst, dass wir nicht in einem Terminator-Szenario enden. Wenn man Leute, die nur der Profit antreibt, einfach machen lässt, hat das existenzielle Folgen. Bezos und Musk sind dabei zumindest noch auffällig. Die unsichtbaren Libertären sind mir fast noch unheimlicher, der Öl- und Chemie-Milliardär Charles G. Koch zum Beispiel oder der Tech-Unternehmer Peter Thiel.

Frage: Alfred Nobel hat erst das Dynamit erfunden und dann den Friedensnobelpreis gestiftet. Kann man auf eine anständige Weise Milliardär sein?

Antwort: Gute Frage. Ich glaube, du kannst nur dann anständig Milliardär sein, wenn du das Geld wieder loswirst. Statt den Mars zur Erde umzubauen, könnten Musk und Bezos sich ja auch dafür entscheiden, die Klimakrise zu bekämpfen. Das wäre viel günstiger. Bill Gates hat ja wirklich den Plan, sein ganzes Geld wieder zu verschenken. Und trotzdem hat auch der sich gerade mit den anderen Tech-Bossen von Trump zum Dinner einladen lassen und dem Möchtegern-Autokraten geschmeichelt. Man muss schon in den entscheidenden Momenten liefern. Sonst bringt’s nichts.

Frage: Ihr Comic macht sich über die enormen Egos von Musk und Bezos lustig. Hat es Sie überrascht, wie bereitwillig die Tech-Milliardäre dann doch das Knie vor Trump beugen, ihm die Inauguration finanzieren und auf seine Agenda umschwenken?

Antwort: Bei Elon Musk und Trump war die Freundschaft ja nicht von langer Dauer. Zwischen zwei Leuten, die beide so dringend im Rampenlicht stehen wollen, musste es irgendwann krachen. Und das hat es dann ja auch. Ich glaube, hier greift der marxistische Gedanke, dass immer alles vom Profit getrieben ist, zu kurz. Man muss sich auch die einzelnen Leute angucken, mit ihren Neurosen und ihrem Narzissmus. Ökonomisch macht bei denen vieles keinen Sinn, weder bei Musk, noch bei Trump. In Musks ökonomischem Interesse wäre es gewesen, weiter die Progressiven zu hofieren – Leute, die bereit sind, E-Autos zu kaufen. Stattdessen stößt er gerade die alle massiv vor den Kopf. Und jetzt bricht seine Firma zusammen, was irgendwie logisch ist. Möglicherweise fährt auch Trump gerade den ganzen Laden gegen die Wand. Sein Kulturkampf ist auch nicht gut für die Wirtschaft. Ich glaube, man kann festhalten: Bei diesen Leuten geht‘s nicht nur um ökonomische Interessen.

Frage: Macht Geld unglücklich?

Antwort: Ich denke mir das oftmals. Glücklich wirken die Milliardäre auf mich nicht. Musk hat so was Getriebenes. Ich halte das auch für einen guten Ansatz. Wir sollten einfach sagen: Wir machen diese Leute wieder glücklich – indem wir ihnen einen Teil ihres Geldes wegnehmen.

Frage: Wie stellen Sie sich das vor?

Antwort: Zehn Prozent ab zehn Millionen. Das ist mein Vermögenssteuersatz. Daran sind gleich mehrere Sachen gut. Wenn man bei zehn Millionen anfängt, macht man den Leuten klar: Es geht nicht um dich. Es geht nicht um dein Häuschen, es geht nicht um deine Oma. Und selbst die Superreichen werden nicht ärmer. In Deutschland wuchs das Vermögen der Leute, die mehr als 100 Millionen haben, um über zehn Prozent. Wenn man das mit zehn Prozent besteuert, verlieren die noch nicht mal an Vermögen. Ihr Reichtum wächst nur weniger stark. Die Debatte über die Vermögenssteuer leidet darunter, dass wir alle überhaupt keine Vorstellungen von großen Zahlen haben.

Frage: Das verstehe ich nicht.

Antwort: Es gibt diesen Witz: Was ist der Unterschied zwischen einer Million und einer Milliarde?

Frage: Was denn?

Antwort: Eine Milliarde – eine Million ist ja nur ein Promille einer Milliarde. Das kann man vernachlässigen. Aber das ist das Problem: Bei großen Zahlen verliert man den Überblick, auch über die bloßen Dimensionen. Ich habe gerade recherchiert, wie groß der Schaden ist, der Deutschland jedes Jahr durch Betrug beim Bürgergeld entsteht. Schätzungsweise sind das ein paar Hundert Millionen, weniger als ein Promille vom Staatshaushalt. Wissen Sie, wie hoch der Schaden ist, wenn man ihn auf alle Bundesbürger umrechnet? Ein paar Euro. Das reicht für einen Schokoriegel pro Monat. In der aufgeblasenen Bürgergelddebatte streiten wir über Snickers. Das macht mich wahnsinnig.

Frage: Haben Sie auch geguckt, wie hoch der Schaden durch Steuerbetrug ist?

Antwort: Ja, habe ich. Der wird auf 100 Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Das ist Geld, das der Gemeinschaft zusteht. Und dazu kommen noch mal all die Steuern, die nach der neoliberalen Politik seit Reagan, Thatcher, Kohl gar nicht mehr erhoben werden. Ich würde sagen: Das holen wir uns wieder – über eine Vermögenssteuer.

Frage: Kaufen Sie bei Amazon ein?

Antwort: Ich hab mein Konto gekündigt, als ich „QualityLand“ geschrieben habe.

Frage: Gibt’s noch andere Dinge, die Sie aus Prinzip tun oder lassen – und die Leute wie ich einfach nicht durchhalten?

Antwort: Das ist ja keine sehr dankbare Frage.

Frage: Nein, stimmt, das macht unbeliebt.

Antwort: Na, toll – also gut: Ich esse kein Fleisch. Ich versuche alle fossilen Brennstoffe aus meinem Leben zu verbannen, und wo das nicht geht, kompensiere ich es. Wir versuchen in der Familie, CO2-frei zu sein. Das heißt aber nicht, dass ich das auch von anderen erwarte. Wir können uns das leisten – anders als viele andere. Und dann ist das auch ganz einfach nicht die Lösung. Die individuelle Verantwortung für die Klimakrise ist eine Falle. Wir können die Welt nicht jeder einzeln retten. Das muss systemisch und politisch gelöst werden. Und gerade fällt mir noch was ein, was ich aus Prinzip mache.

Frage: Was denn?

Antwort: Seit Elon Musk Twitter übernommen hat, fahre ich eine Plus-1-Strategie mit Mastodon. Wenn alle, die in den sozialen Medien posten, dasselbe auch noch mal in diesem dezentralen, europäischen Netzwerk tun würden, dann hat auch das eine Chance. Was wieder nicht heißen soll, dass ich von allen verlange, Twitter, YouTube und TikTok zu verlassen. Da muss man schon deshalb bleiben, um der rechten Blase nicht das Feld zu überlassen. Aber es ist auch wichtig, allen, die keinen Bock mehr auf Twitter haben, eine andere Plattform zu bieten. Deshalb Plus 1 – wir alle sollten auch bei Mastodon sein: die Regierung, die Universitäten, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die Kultur.

Frage: Gibt es Situationen, in denen Klauen in Ordnung ist?

Antwort: Klauen scheint in Ordnung zu sein, wenn du alles klaust. Wenn ich ein einzelnes Kunstwerk klauen oder kopieren und dann als mein eigenes verkaufen würde – dann hätte ich Probleme. Die KI-Firmen haben jetzt einfach alle Kunst der Welt geklaut und durch den Mixer gejagt. Und jetzt machen sie sie wieder zu Geld. Das scheint okay zu sein.

Frage: Haben Sie schon mal einen Gag geklaut?

Antwort: Ich versuche, keine Ideen zu klauen. Aber natürlich ist man selber auch so eine kleine KI und verwurstet alles, was man in sich aufnimmt. Bestimmt haben wir alle schon Ideen gehabt, von denen wir nur glauben, dass es eigene waren. An einem geklauten Witz hätte ich aber auch selbst keine Freude. Am Ende lachen die Leute dann am lautesten bei dem Gag, der nicht von mir war.

Frage: Oligarchen haben, wie jeder weiß, Superjachten. Haben Sie auch Statussymbole? Nicht um Ihr Vermögen zu demonstrieren, natürlich. Aber zum Beispiel, um Ihre Haltung zu unterstreichen?

Antwort: Da muss ich selbst erstmal nachdenken. Statussymbole, so wie Sie das verstehen, sind ja oft gar keine bewussten Entscheidungen. Vielleicht passt dieses Beispiel: Ich habe ziemlich lange an meinen kaputten Jeans festgehalten, zu einer Zeit, als das Geld längst für neue Klamotten reichte, und das auch bei Fernsehauftritten. Das war eine bewusste Entscheidung. Und ich musste sie aktiv verteidigen.

Frage: Gegen?

Antwort: Meine Schwiegeroma. Die hat jedes Mal gefragt, ob das denn nun sein muss.

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